Switzerland

In der Kathedrale der Keuschheit

Dass die Konventionen des klassischen Konzertbetriebes unter Patricia Kopatchinskaja nicht Bestand haben würden, war absehbar. Wie radikal die künstlerische Leiterin der Camerata Bern solche infrage stellt, überrascht aber doch. Das Konzert vom Freitagabend entführte in eine Klangwelt des Seufzens und Klagens, der Leiden und Schmerzen.

Mit Beleuchtungseffekten, Video (James Daniel), Sprechgesang, Orgel-, Klavier und Orchestermusik wurde der gängige Konzertrahmen gesprengt, mystisches Dunkel machte den Casinosaal zur Klangkathedrale, passend zum ersten Hauptwerk des Abends. Die viersätzige Kantate «Agatha» des diesjährigen Composers-in-Residence Michael Hersch geht auf einen Besuch der gleichnamigen Kirche in Rom zurück. Den schroffen Gegensatz des stillen Sakralbaus mit der schrecklichen Geschichte der heiligen Agatha sowie die Grenzerfahrungen mit dem Mammakarzinom seiner Frau setzte Hersch in den Kompositionsauftrag der Camerata um.

Schier überirdisch schön

Das knapp halbstündige Werk verbindet Kopatchinskajas Sologeige mit allen Facetten von Reto Bieris Klarinette und dem ätherisch-entrückten Sopran von Ah Young Hong. Die instrumental anmutende, obertonarme Stimme dieser Ausnahmesängerin ist für Herschs Tongewebe wie geschaffen, die Camerata bleibt im Hintergrund.

Die Uraufführung der «Agatha» wurde von Kopatchinskaja, Hersch und Bieri in ein anspruchsvolles Programm von Orlando di Lassos keuscher Susanne über Auszüge aus Bach-Kantaten bis zu Karl Amadeus Hartmann und György Ligeti gebettet. Übergangslos reihte sich Stück an Stück, organisch fliessend, aber klar strukturiert. Roter Faden war die allen Werken innewohnende Trauer, eine düster hoffnungslose, depressive Grundstimmung. An den gängigen Konzertbetrieb gemahnten nur die unvermeidlichen Huster.

Nach diesem reichen, aber auch anspruchsvollen Hörerlebnis gab es wie zur Belohnung Mozart – seine zweitletzte Sinfonie, die «grosse» in g-Moll, Nr. 40 (KV 550), zwar auch nicht gerade ein Ausbund an Fröhlichkeit, aber mit tröstlichen Elementen – ein Klassiker und damit fast wieder normales Konzert-Fahrwasser. Wie nun aber die Camerata diese Sinfonie spielte, war elektrisierend: Mit viel Impetus und doch hochpräzise, subtil aufgefächert und sorgsam abgestimmt, kraftvoll und klangschön erblühte das so oft gehörte Werk wie neu. Der Mittelteil des dritten Satzes (Trio) gelang in schier überirdischer Schönheit. Die energiegeladene Chefin führte mit klarem Gestaltungswillen und so viel Spielfreude durch die vier Sätze, dass Ovationen nicht ausbleiben konnten.

Das Kino Rex zeigt am Montagabend um 18.30 Uhr Michael Herschs Film «On the Threshold of Winter». Am 28.6. spielt Patricia Kopatchinskaja Herschs Violinkonzert.

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