Switzerland

In der Corona-«Arena» lässt Ständerätin Gmür die zwei Streithähne auflaufen

Wenn sich zwei streiten, freut sich bekanntlich die Dritte. bild: srf/screenshot

Review

In der Corona-«Arena» lässt Ständerätin Gmür die zwei Streithähne auflaufen

Nach fünf Sendungen widmet sich die SRF-«Arena» wieder dem Thema Nummer eins: Corona. Es polterten SP-Badran gegen SVP-Dettling. Die «goldene Mitte», wie es so schön heisst, hatte dabei leichtes Spiel.

Ungefähr 375 fast coronafreie Sendeminuten später, ist die SRF-«Arena» wieder beim, Zitat Moderator Sandro Brotz, «Thema Nummer eins» angelangt. Das Virus dominiert Bundesbern. Und der Ton ist rauer geworden. Dem Bundesrat, allen voran Gesundheitsminister Alain Berset, wird diktatorisches Verhalten vorgeworfen. Die Mehrheit der Wirtschaftskommission des Nationalrats will der Covid-Taskforce einen Maulkorb auferlegen und kommenden Montag debattiert das Parlament darüber, den 22. März als konkretes Öffnungsdatum für Restaurants- und Freizeitanlagen ins Gesetz zu schreiben.

Die Diktaturvorwürfe der SVP sind für Brotz die Steilvorlage zum Einstieg: «Glauben Sie in einer Diktatur könnte jemand an einer «Arena» teilnehmen, der die diese tatsächlich kritisiert?» will er von SVP-Nationalrat Marcel Dettling wissen. Dettling hat mit der Frage gerechnet: «Seit einem Jahr», beginnt er seine Rede, «Seit einem Jahr regiert ein Siebnergremium bei uns in der Stube.» Die Freiheit sei das oberste rechtliche Gut der Schweizer Bevölkerung. «Wir Volksvertreter, wir haben nichts mehr zu sagen», sagt er konsterniert.

Der von Dettling am weitesten entfernte Studio-Dauergast, SP-Nationalrätin Jacqueline Badran, knirscht während Dettlings Ausführungen hörbar mit den Zähnen. Musste sie sich vergangene Woche noch über das Verhüllungsverbot echauffieren, soll sie jetzt zu den Diktaturvorwürfen Stellung nehmen. Es sei, wie wenn man sie eingeladen hätte, zu erklären, dass die Erde eben doch nicht eine Scheibe sei, so Badran genervt.

Ebenfalls ziemlich «abstrus» findet Lukas Engelberger die «SVPschen» Diktaturvorwürfe. Der Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz und gleichzeitig Gesundheitsdirektor des Kantons Basel-Stadt erklärt per Video hinzugeschaltet: «2013 haben 60 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung dem Epidemiengesetz zugestimmt. Das regelt auch die Gewaltenteilung und die Funktionsweise von Bundesrat und Parlament.»

Doch zurück zu Badran und Dettling. Denn die liegen sich schon wieder in den Haaren. Ein Schelm, wer denkt, es könnte ihnen sogar ein bisschen Spass machen. Nun heiss diskutiert: Die Weigerung Dettlings, sich in der ersten Sessionswoche einem Corona-Schnelltest zu unterziehen. Er habe sich gesund gefühlt und den Test nicht für nötig befunden, verteidigt sich der SVP-Nationalrat. Badran giftelt: «Du machst einfach Kindergarten und spuckst nicht in ein Röhrchen.» Ausserdem spiele sich die SVP immer als Partei des Volkes auf, schaue sich aber nicht einmal die Umfragen an. «Befragungen zufolge stehen 68 Prozent hinter den Massnahmen des Bundes oder würden diese gar verschärfen», schliesst Badran.

Bevor vor lauter Zankerei noch Plexiglasscheiben fallen, wechselt Brotz zum nächsten Themenblock: Geht es nach der Mehrheit der nationalrätlichen Wirtschaftskommission, soll sich die den Bundesrat beratende Covid-Taskforce nicht mehr öffentliche äussern dürfen.

Auftritt «Die Mitte» in Form von Ständerätin Andrea Gmür. Anders als Badran oder Dettling versucht sich Gmür in der vermittelnden Position. Ja, sie sei zuweilen unzufrieden mit der Kommunikation der Taskforce gewesen. «Die Äusserungen der Wissenschaftler haben die Bevölkerung verunsichert.» Ein Maulkorb sei aber indiskutabel. Einen kleinen Seitenhieb in Richtung Taskforce kann sich Gmür aber dennoch nicht verkneifen: «Wenn ich jedes Mal aus der Partei austreten würde, wenn ich mit meiner Meinung unterliege, dann wäre das schon etwa tausend Mal passiert.»

Nun ist es Moderator Brotz, der gegen die SVP stichelt. «Herr Dettling, es ist nicht Bundesrat Berset, der hier diktaturähnlich die Meinungsfreiheit verbieten will», meint er dem SVP-Nationalrat zugewandt. Die Taskforce habe sich nicht an Abmachungen gehalten und kommuniziert, bevor der Bundesrat überhaupt etwas beschlossen habe, kontert Dettling. «Das hat, wie bereits erwähnt, zu Verwirrung und Verunsicherung in der Bevölkerung geführt.»

Ein Kameraschwenk in die rechte Ecke zeigen Badranschen Hände wütend in Hüften gestellt – und die süffige Suada folgt sogleich: «Das, was ihr wollt», die Finger der SP-Nationalrätin fuchteln nun in Richtung Dettling, «Ein Maulkorb für die Taskforce, das sind Methoden von Diktaturen.» Diejenige, die einmal einen Maulkorb verdient hätte, sei die SVP. «Ihr stiftet Verwirrung und spaltet das Volk.»

Die Streithähne abwürgend, übergibt Moderator Brotz das Wort Ständerätin Gmür. Die nutzt die Gunst der Stunde und meint süffisant lächelnd: «Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte.» Gegenseitige Vorwürfe würden nichts bringen, die Schweiz habe die Krise bis anhin gut im Griff. Nun sei es aber an Bundesrat und Wissenschaft, der Bevölkerung eine Perspektive zu geben. «Eigentlich würde ich einfach gerne von Herrn Salathé wissen, wie wir am schnellsten wieder zu einem normalen Leben zurückkehren können.»

Marcel Salathé, Epidemiologe und ehemaliges Mitglied der bundesrätlichen Taskforce, steht etwas abseits im Studio 8. Die Diskussion über Taskforce-Maulkorb und die Unsicherheit propagierenden Wissenschaftler lässt er stoisch über sich ergehen. Von Moderator Brotz darauf angesprochen, greift Salathé zur Metapher: «Wenn mir ein Fachmann sagt, dass mein Dach beim nächsten Sturm ein Einsturz droht, er es dann flickt, dann werfe ich ihm beim nächsten Sturm und einem Dach, das hält, ja auch nicht Alarmismus vor.»

Es ist auch Salathé, der von Brotz das letzte Wort erhält. Die Belegung der Intensivbetten, die 14-Tage-Inzidenz, der R-Wert und die Positivtätsrate, das alles, sehe nicht allzu schlecht aus, so der Epidemiologe. Die Situation bleibe aber fragil. «Wir haben neue Mutanten, von denen einige ansteckender sind. Wir haben aber auch bessere Schutzkonzepte, mehr Tests und eine Impfung.»

Ob man denn jetzt auf den 22. März alles öffnen könne, will Brotz von Salathé abschliessend wissen. Doch dieser lässt sich, in gewohnt wissenschaftlicher Manier, nicht zu einer Parole tricksen. «Wir müssen schauen, wie sich die Fallzahlen in den nächsten Wochen entwickeln. Wie dann damit umgegangen wird, das entscheidet die Politik.»

Das tut sie bestimmt. Am nächsten Montag und spätestens in der nächsten SRF-«Arena».

DANKE FÜR DIE ♥

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren

(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

5 CHF

15 CHF

25 CHF

Anderer

«Bleiben Sie zuhause!»: Corona in der Schweiz in Zitaten

Corona, Carbonara und Berset – Dieses «Wein doch!» geriet aus den Fugen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Offen gesagt

«Lieber Herr Berset, so geht Turnaround ...»

Bereits nächsten Monat kann die Schweiz das bestgetestete Land der Welt sein. Zum ersten Mal in der Geschichte der hiesigen Pandemie-Bekämpfung kann die Politik den Erwartungen der Bevölkerung an ihr Land als Wissenschafts- und Pharma-Standort standhalten.

Lieber Herr Berset

Was für eine politische Horrorwoche diese vergangenen fünf Tage für Sie hätten werden können!

Sie mussten sich als «Diktator» vom Parlament das umfassende Ende der Pandemie am 22. März ansagen lassen. Sie mussten sich von der Zürcher Gesundheitsdirektorin herunterputzen lassen, weil zu wenig Impfdosen zur Verfügung stehen. Und obendrauf verkündete Ihr BAG auch noch öffentlich, von Massenselbsttests sei man jetzt nicht über die Massen begeistert, weil die das Monitoring …

Link zum Artikel

Football news:

Der italienische Fußballverband wird Juve, Milan und Inter nicht für die Teilnahme an der Super League bestrafen
Parma erzielte Juventus mit einem Freistoß. Ronaldo stand in der Wand und sprang nicht
APL will die manager der Klubs der großen Sechs aus den Komitees der Liga wegen der Teilnahme an der Superliga entfernen
PSG-Präsident Al-Khelaifi ist zum Chef des europäischen Klubverbandes gewählt worden. Er wurde von Agnelli abgelöst
Einer der Momente, die die Richtung der Menschheit bestimmen. Kanada-Stürmer Ricketts über das Urteil im Fall Floyd
Kimmich über Alaba: Real ist eine gute Wahl. Nach dem FC Bayern München hat sich Josua Kimmich zu den Informationen geäußert, dass Abwehrspieler David Alaba seine Karriere bei Real fortsetzen wird. Der Österreicher wird im Sommer nach Ablauf seines Vertrags mit dem Münchner Club freigestellt. Er soll bereits mit Madrid einen Vertrag bis 2026 vereinbart haben
Das Geld für die Super League versprach die größte US - Bank - davor half sie den Amerikanern, europäische Klubs aufzukaufen-nur ein Geschäft