Switzerland

In Chinatown jammern die Geschäftsleute

Die Quarantänemassnahmen Chinas machen sich auch in den USA bemerkbar. Sie bringen die Lieferketten international tätiger Unternehmen durcheinander, sie bremsen den Tourismus, und sie sorgen für Umsatzeinbussen.

Im New Yorker Stadtteil Chinatown spüren die Geschäfte die Folgen der Reisebeschränkungen: Teilnehmer einer Kundgebung zum chinesischen Neujahrsfest in New York.

Im New Yorker Stadtteil Chinatown spüren die Geschäfte die Folgen der Reisebeschränkungen: Teilnehmer einer Kundgebung zum chinesischen Neujahrsfest in New York.

Craig Ruttle / AP

Die wirtschaftlichen Folgen der durch das Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit spüren inzwischen auch die USA. Schliesslich hat Chinas Bedeutung in den vergangenen Jahren im Welthandel punkto industrieller Produktion und auch im Dienstleistungsbereich stark zugenommen. Die amerikanische Tourismusindustrie wird beispielsweise spüren, dass Luftfahrtgesellschaften wie Delta, American und United ihre Direktflüge nach China in den vergangenen Wochen stark eingeschränkt oder gar eingestellt haben. Immerhin waren die USA bei chinesischen Touristen noch bis vor kurzem ein beliebtes Reiseziel. Im vergangenen Jahr haben Besucher aus China in den USA 30 Mrd. $ ausgegeben. Sollte der Reiseverkehr länger eingeschränkt bleiben, dürften diese Einnahmen deutlich schrumpfen. Heute schon jammern Geschäftsleute im New Yorker Chinatown über flaue Umsätze.

Ein längerer Stillstand der Produktion in China droht aber auch die Lieferketten international tätiger Unternehmen durcheinanderzubringen. Die amerikanischen Importe aus dem Reich der Mitte mögen auf den ersten Blick mit einem geringen Anteil von etwa 3% an der gesamten amerikanischen Wertschöpfung unbedeutend wirken. Allerdings sind einzelne Branchen sehr unterschiedlich betroffen. Deutlich spüren werden die Krise zum Beispiel Firmen, die Mobiltelefone und entsprechendes Zubehör, Computer, Spielzeuge, Bildschirme, aber auch Textilien, Autoteile, Möbel, Sitze und Lampen in China produzieren lassen und von dort in alle Welt verschicken.

Apple sticht in diesem Zusammenhang heraus. Immerhin lässt der Konzern einen grossen Teil seiner iPhones und der derzeit stark gefragten Airpods in China montieren. Bei Letztgenannten sollen die Hersteller Luxshare Precision Industry, Goertek und Inventec gerade einmal Produktionsmaterial für etwa zwei Wochen vorrätig haben. Werden die Hersteller nicht rechtzeitig beliefert, wird es Apple wohl schwerfallen, die enorme Nachfrage der Kunden auf die Schnelle zu befriedigen. Umsatzeinbussen liessen sich dann wohl kaum vermeiden. Tatsächlich arbeitet Apple mit Lieferanten in der Gegend von Wuhan, verfügt aber nach eigenen Angaben über alternative Quellen für die von diesen gelieferten Komponenten. Man arbeite «an Plänen zur Milderung der Auswirkungen, um erwartete Produktionsverluste auszugleichen», sagte der CEO Tim Cook jüngst. Weniger klar sei aber, wie sich das Coronavirus auf die Zulieferer in anderen Teilen Chinas auswirken werde.

Auch der Finanzchef des amerikanischen Chipherstellers Qualcomm rechnet trotz starkem Interesse seiner Kunden an den Erzeugnissen seines Unternehmens mit «erheblicher Unsicherheit bezüglich der Auswirkungen des Coronavirus auf die Nachfrage nach Mobiltelefonen und auf die Lieferkette». Der CEO Steve Mollenkopf relativierte diese Einschätzung zwar prompt und verwies auf die diversifizierte Produktions-, Einkaufs- und Vermarktungsstrategie des Unternehmens. Er geht in optimistischer Weise davon aus, dass sich die Konsumenten in der westlichen Hemisphäre in nächster Zeit mit 5G-fähigen Geräten eindecken und so indirekt die Chipnachfrage ankurbeln werden. Sollte es also in China zu einem Dämpfer kommen, wäre das nicht so schlimm, lautet die Devise. 

Wie lange reichen die Vorräte?

Ohnehin haben viele Zuliefer- und Montageunternehmen der Hightech-Branche Werke in mehreren Ländern. Sie können schnell auf regional begrenzte Krisen reagieren, indem sie die Produktion von einem Standort in einen anderen verlagern und die Auftraggeber in aller Welt von dort beliefern. Die amerikanischen Automobilhersteller dagegen haben bereits davor gewarnt, dass sie für einige kritische Komponenten nur Vorräte für wenige Tage hätten. Selbst die Arzneimittelversorgung in den USA scheint nicht sichergestellt zu sein, da viele Bestandteile für die Herstellung von Arzneimitteln aus China kommen.

Auch der Stillstand in China selbst wird sich in den Bilanzen internationaler Firmen aus den USA bemerkbar machen. Schliesslich haben Apple, McDonald’s, Starbucks und andere einen grossen Teil ihrer Verkaufsstellen in China vorübergehend geschlossen. Kreuzfahrtanbieter wie Carnival und Royal Caribbean lassen ihre Schiffe anderswo segeln, der Unterhaltungskonzern Disney hat seine Vergnügungsparks in Schanghai sowie in Hongkong bis auf weiteres dichtgemacht, und das General-Motors-Werk steht seit dem 24. Januar wegen des chinesischen Neujahrsfestes und der Verlängerung der Ferien still. Das Werk produziert vier Modelle für den chinesischen Markt, welche etwa 19% der Gesamtleistung in China ausmachen. Die Fabrik soll aber in den nächsten Tagen wiedereröffnet werden. Ähnliches gilt für Tesla, das die Anlage für den Bau des Model 3 vor der erzwungenen Schliessung gerade erst angefahren hatte.

Die Börse rechnet mit schneller Normalisierung

Solche Massnahmen sind bemerkenswert. Immerhin erzielten manche der genannten Firmen bisher bis zu 16% ihrer Erlöse oder gar mehr in China. Blieben diese aus oder verzögerte sich ihre Realisierung, drohte die Ertragsentwicklung zu leiden. Diese Botschaft scheint an den Börsen noch nicht richtig angekommen zu sein. Dort gehen die Investoren offensichtlich davon aus, dass sich die Lage in China bald wieder beruhigen und sich die wirtschaftliche Entwicklung schnell normalisieren wird. Und darauf kommt es nun wohl vor allem an.