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In Amerika droht ein neuer «War on Porn». Er könnte zuallererst die Konservativen spalten

Ein Vorstoss sozialkonservativer Republikaner zum Kampf gegen Pornografie könnte in den Präsidentschaftswahlen den Ausschlag zugunsten Donald Trumps geben. Aber nicht alle Konservativen wünschen sich eine Politik mit religiös-moralischer Schlagseite.

Zu viel Erotik fürs Familienvergnügen? Jennifer Lopez' Auftritt am Super Bowl passte nicht allen Zuschauern.

Zu viel Erotik fürs Familienvergnügen? Jennifer Lopez' Auftritt am Super Bowl passte nicht allen Zuschauern.

Kirby Lee / Reuters

Der letzte Ton der Showeinlage zur Halbzeit des Super Bowl, mit dem die National Football League ihre Saison beschliesst, war kaum verhallt, da hagelte es bereits Kritik. Matt Walsh, ein sozialkonservativer Blogger und Autor des «Daily Wire», twitterte sein Unbehagen über eine «hypersexualisierte Schau»: Die Laszivität der Pole-Dancing-Einlage einer spärlich bekleideten Jennifer Lopez und das Zungenspiel der hüftschwingenden Shakira ziemten sich mitnichten im Rahmen einer fröhlichen Sportveranstaltung für ein Familienpublikum.

Dass manch einer die Auftritte der 50- beziehungsweise 43-Jährigen ganz anders sah – nämlich als Schlaglicht auf die Präsenz erfolgreicher und sozial engagierter Latinas –, liess Walsh kalt. Derlei Obszönitäten, fand er, könne er seinen Kindern nicht zumuten.

Wieder einmal «War on Porn»

Walsh ist mehr als ein einsamer Rufer im Spektrum sozialkonservativer evangelikaler Tugendhüter. Klar ist das seit letztem Dezember, als er sich als engagierter Fürsprecher eines Gesetzesvorstosses von vier Kongressabgeordneten der Republikanischen Partei hervortat. Diese hatten in einem Brief an Justizminister William Barr gefordert, «der Verfolgung von obszöner Pornografie strafrechtliche Priorität einzuräumen». Schliesslich habe Donald Trump selbst 2016 eine Initiative gegen Internet-Pornografie unterzeichnet, das Wahlversprechen sei nun einzulösen.

Die Wertkonservativen sagen damit der Pornografie den Kampf an – wieder einmal: Seit Präsident Nixons «War on Porn» und der nachfolgenden Festlegung rechtlicher Standards für Obszönität durch den Obersten Gerichtshof im Jahr 1973 schwillt der Ruf nach einem Bann von Pornografie regelmässig an. Manchmal ist er von linken Feministinnen wie der 2005 verstorbenen Andrea Dworkin befeuert, öfter von religiös oder durch Familienwerte beseelten Konservativen angeregt – wie von Barr selbst, der als Staatsanwalt unter George H. W. Bush in den frühen 1990er Jahren an einem Porno-Bann arbeitete.

Gemeinsam ist den Bemühungen, dass sie scheiterten. Denn der Standard von 1973 enthält zahlreiche vage Begriffe (etwa das Motiv des «lüsternen Interesses» oder die «zeitgenössischen Gemeinschaftsregeln»). Damit lässt sich nicht allgemein gegen Pornografie vorgehen.

Pikant an der neuerlichen Kampfansage an die Adresse von Porno ist, dass sich umstrittene Argumente einer radikal-feministischen Gegnerin von Pornografie und Prostitution wie Dworkin (etwa: Geschlechtsverkehr ist grundsätzlich Ausdruck männlicher Frauenverachtung) denen von religiös-konservativen Moralisten annähern – les extrêmes se touchent. Auch ist der Zeitpunkt der erneuten Lancierung des Reizthemas kein Zufall. Es ist Wahljahr, und das von George W. Bushs Kampagnenleiter Karl Rove vor zwanzig Jahren entdeckte Segment frommer Wähler wird im November 2020 wieder eine wichtige Rolle spielen. Der amtierende Präsident will die Evangelikalen mobilisieren, und dazu eignet sich die öffentlichkeitswirksame Debatte über ein Porno-Verbot bestens – ungeachtet der Tatsache, dass Trump selbst keine zehn Jahre zuvor eine Affäre mit der Pornodarstellerin Stephanie Clifford aka Stormy Daniels gehabt hat.

Ein Thema, das spaltet

Jenseits solcher Absurditäten birgt das Thema einen brisanten Kern: Ein schwelender Disput, ein altes Schisma unter den Konservativen bricht wieder auf. Während der letzten Jahrzehnte nämlich war die herrschende konservative Lehrmeinung der sogenannte Fusionismus gewesen. Darunter versteht man liberale Prinzipientreue, welche die Freiheit des Individuums hochhält, in erster Linie in wirtschaftlicher Hinsicht, als Bedingung für den ökonomischen «pursuit of happiness» in der Unternehmernation USA.

Wer indes den Freiheitsbegriff auch kulturell, im Sinne einer starken Rede- und Meinungsfreiheit hochhält, landet bei einer permissiven sozialen Kultur. Das zeigt sich nicht zuletzt am Beispiel Pornografie: Vom «Hustler»-Gründer Larry Flynt bis zu einschlägigen Internet-Streamern beriefen sich Porno-Unternehmer zur Legitimierung ihrer Tätigkeit auf die Presse- und Redefreiheit – beziehungsweise auf ihre Definition im Abschnitt 230 der «Communications and Decency Act», seit 1996 die Standardreferenz für die Publikation von Inhalten im Internet.

Während gewisse Darstellungen (Kinderpornografie, Vergewaltigung, Zwang, Rache-Porno) auch in den USA gesetzeswidrig sind, lässt der bewusst schwammig gehaltene Begriff von «Obszönität» die Pornoindustrie in den USA florieren. Schätzungen beziffern ihren Jahresumsatz auf einen hohen zweistelligen Milliardenbereich. Porno ist so eine schöne Metapher für eine konservative und libertäre Orthodoxie des Fusionismus: Solange die individuelle Freiheit gewahrt ist und zu Profit und Wohlfahrt führt, spielt Moral nur die zweite Geige.

Macht im Dienst der Tugend

Geht es nach Aktivisten wie Walsh, ist damit bald Schluss. Und eine wachsende Faktion von religiösen Konservativen – angefangen bei Sohrab Ahmari von der «New York Post» bis hin zu intellektuellen Wortführern in Publikationen wie «The American Conservative» – diskutiert so ernsthaft wie leidenschaftlich über den moralischen Vorstoss. Die Gesetzgebung soll wieder die Funktion eines moralischen Vorbilds haben. «Tugend, öffentliche Moral und Gemeinwohl sollten durch politische Macht gefördert werden», schrieb Terry Schilling im katholischen Magazin «First Things».

Moderate Konservative dagegen wehren sich gegen eine Machtpolitik mit religiöser Schlagseite im laizistischen Staatsgeschäft der USA. Libertäre mucken auf gegen den willkürlichen Eingriff des Staates in die Privatsphäre, den eine derartige Gesetzgebung mit sich brächte. Ob es sich dabei effektiv um die forcierte Umsetzung bestehender Gesetze handeln würde, oder ob neue Richtlinien verabschiedet würden, ist unklar.

Sicher ist indes: Wer in der anstehenden Neuauflage des Kriegs gegen Pornografie die Oberhand gewinnt, der wird die zukünftige Ideologie der Konservativen und der Republikanischen Partei mitbestimmen. Darauf werden nicht nur die Produzenten der Super-Bowl-Halbzeit-Show 2021 ein Auge haben.

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