Switzerland

Im Zweifel für die Opfer

Zwei Jahre nachdem die ­Vorwürfe gegen Harvey Weinstein die weltweite #MeToo-Bewegung losgetreten haben, hat eine Jury den gefallenen Filmmogul in New York der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung schuldig gesprochen. Es ist ein erlösendes und ein wegweisendes Urteil, und zwar aus drei Gründen.

Erstens steht es für die Rechtmässigkeit der #MeToo-Bewegung, die im Herbst 2017 mit einem Artikel in der «New York Times» ihren Anfang nahm und sich wie eine Flutwelle über die sozialen Medien auf der ganzen Welt verbreitet hat. #MeToo hat erstmals konsequent die Perspektive der Frauen eingenommen und ihre Standpunkte artikuliert, wenn es um Fragen der sexuellen Belästigung, sexuellen Übergriffe und der Einvernehmlichkeit geht. Dank #MeToo kann es sich heute niemand mehr leisten, diese Perspektive unbesehen unter den Teppich zu kehren. Das war nicht immer so.

Ein Urteil, das Mut macht

Bis vor kurzem ging man gern bequem davon aus, dass Vergehen gegen die sexuelle Integrität kaum zu beweisen sind. Wenn es auch noch um mächtige Männer mit hoch bezahlten Anwälten ging, schienen die Chancen auf Erfolg für Opfer zudem so gering, dass man es lieber erst gar nicht versuchte. Das ist heute anders. Wer heute ein potenzielles Opfer eines Sexualdelikts grundsätzlich nicht ernst nimmt, geht das Risiko ein, dass sein Verhalten irgendwann auf ihn zurückfallen wird. Und zwar heftig.

Natürlich ist ein Strafprozess gegen einen Vergewaltiger nach wie vor eine belastende Angelegenheit für jedes Opfer – doch auch hier hat #MeToo erstaunlich viel bewirkt. Die Bewegung hat den Betroffenen gezeigt, dass sie nicht allein sind und dass sie Unterstützung bekommen, wenn sie sich wehren. Das Urteil im Weinstein-Fall hat die Betroffenen darin bestätigt – all jene, die den Mut und die Kraft hatten, die Attacken des Filmmoguls auf ihre sexuelle Integrität zuerst öffentlich zu benennen und ihn dann dafür einzuklagen. Und auch wenn mehr als 80 Frauen Weinstein beschuldigt haben und er schliesslich nur in zwei Fällen angeklagt wurde: Dieses Urteil muss auch anderen Opfern in ähnlichen Situationen Mut machen. Mut dafür, im Zweifelsfall nicht zu schweigen und dafür zu sorgen, dass ihre Peiniger zur Verantwortung gezogen werden.

Das Urteil ist zweitens wichtig, weil es sich im Falle der Klägerinnen um Frauen handelte, die teilweise auch Beziehungen mit Weinstein führten, weil es also nebst den Übergriffen auch zu einvernehmlichen sexuellen Kontakten kam. Dies ist für jedes Gericht eine schwierige Ausgangslage, da es für die Verteidigung bei dieser Konstellation sehr einfach ist, Zweifel zu streuen. Und im Zweifel, das weiss jedes Kind, entscheidet man in der Regel für den Angeklagten.

Doch #MeToo hat auch hier ein Weiterdenken bewirkt: Im Zweifel sollte man nicht einfach weg-, sondern im Gegenteil ganz genau hinschauen. Einvernehmlicher Sexualkontakt bedeutet nämlich nicht automatisch, dass der Mann dadurch eine grundsätzliche sexuelle Verfügungsgewalt über die Frau hat. Sondern, dass die Einvernehmlichkeit immer die Basis jedes Sexualkontakts sein muss. Auch wenn die Beweisführung natürlich nach wie vor schwierig ist, gibt das Urteil Hoffnung, dass manchmal auch Indizienbeweise genügen.

Nicht jeder unter #MeToo eingeklagte Sachverhalt gehört jetzt automatisch unter dieses Label.

Das Urteil ist drittens wichtig, weil die #MeToo-Bewegung in ihrer weltweiten Entfaltung auch viele problematische und schmerzhafte Aspekte zum Vorschein gebracht hat: So wurden im Eifer des Gefechts beispielsweise geringfügige sexuelle Belästigungen mit schweren Vergewaltigungen gleichgesetzt. So wurden etwa Männer durch zweifelhafte Anschuldigungen von einem moralisch aufgestachelten Online-Mob fertiggemacht – ohne dass die Vorwürfe strafrechtlich in irgendeiner Weise relevant gewesen wären. Daraus aber zu schliessen, dass jeder unter dem Label #MeToo eingeklagte Sachverhalt auch tatsächlich in diese Kategorie fällt, wäre falsch.

#MeToo bedeutet nicht, dass plötzlich ein Verhalten kriminalisiert wird, das eigentlich völlig okay ist. Vielmehr heisst es für die Opfer von Sexualdelikten, dass sie jetzt ernst genommen werden. Dass sie Hoffnung auf Gehör und sorgfältige Prüfung haben dürfen, selbst wenn es keine Beweise, sondern nur Indizien gibt. Der Weinstein-Prozess hat der #MeToo-Bewegung damit die Legitimität verschafft, die sie von Anfang an für sich in Anspruch genommen hat. Das ist ein Segen für alle Frauen.

Einen Tag nach der Verurteilung von Harvey Weinstein zeigt sich der Opern-Star Placido Domingo reumütig. Er hat sexuelles Fehlverhalten zugegeben und entschuldigt sich bei seinen Opfern – nachdem ihn eine Untersuchung schwer belastet hat. Mehrere Frauen – Sängerinnen, Tänzerinnen und Angestellte an der Oper in Los Angeles – hatten Domingo öffentlich sexuelle Belästigung vorgeworfen.

In einer schriftlichen Erklärung sagt der 79-Jährige: «Ich respektiere, dass diese Frauen sich endlich sicher genug fühlten, um an die Öffentlichkeit zu gehen, und ich will, dass sie wissen, dass es mir ehrlich leidtut, dass ich ihnen wehgetan habe. Ich akzeptiere die volle Verantwortung für meine Taten und ich bin an dieser Erfahrung gewachsen.»

Fast zeitgleich mit Domingos Entschuldigung teilte die US-Gewerkschaft der Opernsänger mit, dass eine Untersuchung zum Schluss komme, der Opern-Star habe sich eines sexuellen Fehlverhaltens schuldig gemacht. Die Untersuchung zeigt das klassische Muster eines #MeToo-Falls auf: Domingo hat seine Machtposition ausgenutzt, um sich übergriffig zu verhalten. 27 Personen belasten den Spanier: Frauen, die der Opernsänger selber belästigt hatte, und Personen, die selber sahen, wie Kolleginnen belästigt wurden.

«See you in Switzerland»

Domingo hat gemäss Untersuchung Frauen begrapscht und sie ohne ihr Einverständnis auf den Mund geküsst. Nachts habe er sie angerufen und aufgefordert, zu ihm zu kommen oder gemeinsam auszugehen. Einige Frauen sprachen von Stalking.

Zwei der Frauen sagten aus, sie hätten sexuelle Beziehungen mit Domingo gehabt. Diese seien sie nur eingegangen aus Angst, der Opernsänger würde ihre Karriere beschädigen, sollten sie ihn zurückweisen. Domingo hatte zuvor stets beteuert, seine sexuellen Beziehungen seien «immer willkommen und einvernehmlich» gewesen.

Placido Domingo ist einer der bislang prominentesten #MeToo-Fälle. Er ist auf allen wichtigen Opernbühnen aufgetreten, hat weltweit über 21 Millionen Tonträger verkauft. Spätestens seit er in den 90er-Jahren mit Luciano Pavarotti und José Carreras die «Die drei Tenöre» begründet hat, ist er auch einem Publikum bekannt, das mit Klassik wenig am Hut hat. Zuletzt wechselte er seine Stimmlage vom Tenor in den Bariton und dirigierte auch.

Nachdem die Vorwürfe gegen ihn publik geworden sind, wurde er in den USA zu einer persona non grata. Er musste seine Auftritte in der New Yorker Met absagen. Auch Konzerte in anderen Städten wurden abgesetzt. Im vergangenen Oktober trat er als Generaldirektor der Oper von Los Angeles zurück.

In Europa hingegen war Domingo bis zuletzt ein umjubelter Star, auch in der Schweiz. Im vergangenen Oktober sang er im Zürcher Opernhaus die Hauptrolle in Verdis «Nabucco» – und wurde gefeiert. Misstöne während der Vorstellung oder Demonstrationen am Sechseläutenplatz gab es nicht. Dafür Ovationen und «Placido»-Rufe.

Auftritte an der Staatsoper Hamburg im März und April werden nach aktuellem Stand wie geplant stattfinden, sagt ein Sprecher. Am 30. März steht ein Konzert im Luzerner Kultur- und Kongresszentrum (KKL) auf dem Programm. Das KKL will laut einer Sprecherin zu einem späteren Zeitpunkt informieren.

Der Sänger selbst will offenbar auftreten: «See you soon in Switzerland» schreibt er auf seinen sozialen Kanälen.