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Im Namen des Schlafes: Manchmal bleibt man besser liegen!

Wer gerne schläft, lässt sich nicht gehen, sondern fallen. Auf die schönste und rätselhafteste Weise.

Wer liegen bleiben kann, weiss sich in guter Gesellschaft. Hat es doch keiner gewagt, einen zu stören.

Wer liegen bleiben kann, weiss sich in guter Gesellschaft. Hat es doch keiner gewagt, einen zu stören.

Josã L. Hidalgo Salguero / Imago

Ich stamme aus einer Familie begnadeter Schläfer. Man könnte beeindruckendere Dinge über seine Familie sagen. Aber bei uns wurde ja auch nicht geschlafen, um zu beeindrucken. Der Schlaf drückte aus, was wir waren. Es war eine passive Variante der Aktivität, auf die sich Generationen von Familienmitgliedern verpflichtet hatten.

Generationen von Kopfkissen trugen das Wappen von Schläfern: Abdrücke des sanftesten Schlummers und unsanfter Träume.
Weder haben wir mit unserem Schlaf Blumentöpfe gewonnen noch Kriege. Das ist im Grossen und Ganzen gut so, aber es zeigt, dass eine Weltgeschichtsschreibung, die nur von den Wachen spricht, ihr soziografisches Potenzial nicht ganz ausschöpft. Eine Ehrenrettung des Schlafes und seiner friedliebenden Verfechter steht noch aus. All jener, die nicht tyrannisch an die Türen der Macht klopfen, sondern schönster und übermächtiger Müdigkeit in die Arme sinken.

Der heilige Schlaf

Meine Grossmutter war nach dem Krieg mit ihren fünf Kindern aus Böhmen vertrieben worden. Nach ihrer Flucht wollte sie ein Leben lang auch den Alltag fliehen. Sie zog sich zurück in ihr Zimmer. Sie schlief viel, aber das hatte nichts Profanes, denn für das, was sie da machte, gab es in der Familie einen Ausdruck. Es war «der heilige Schlaf». Dieser «heilige Schlaf» hat zum Beispiel ein Kind beeindruckt, das von Transzendenz wenig wusste, dafür aber schnell lernte, was unbedingte, weil rücksichtsvolle Stille ist. Die Grossmutter hat ein Schlafmatriarchat begründet, gegen das dann ihr Schwiegersohn anschlief.

Der Tagesschlaf meines Vaters war noch heiliger, denn er hatte seine Rituale. Das Lesen von verschiedenen Tageszeitungen sorgte für ausreichende Müdigkeit, bis der Schläfer sich zwischen zwei Kissen bettete. Eines, auf dem sein Kopf lag, und ein zweites, das er mit der Hand ans andere Ohr presste.

Selbst im Schlaf hat sich die Autorität des Vaters noch aufgetürmt. Wenn der Vater schlief, dann zog er in der weichen Rüstung seiner Kissen in den Kampf. Es kann vorgekommen sein, dass man als Kind den schlafenden Vater in seiner eingequetschten Seligkeit betrachtet hat. Vielleicht hätte das auch einmal jemand malen sollen.

Die Kunstgeschichte ist voller Schlafender. Bezeichnenderweise sind es fast nur Frauen. Frauen wie Tante Flora, die als altjüngferliche Nymphe zarte Pinselstriche verdient gehabt hätte. So flüchtig war ihre Präsenz. Sie kam zu Besuch, sah und schlief. Stunden! Dann reiste sie wieder ab. Flora bewegte sich in schildkrötenhafter Langsamkeit und war die Königin des Schlafs, seine apodiktische Apotheose: Ruhe, Flora schläft!

Das seelenvolle Schnarchen

Dass der Schlaf des einen für einige andere zum Schicksal werden kann, ist bekannt. Der Sekundenschlaf ist nur eine Variante davon.
In München habe ich einmal den bedeutenden schottischen Schriftsteller John Burnside schlafen gesehen. Ein Ereignis! Die oberflächliche Ruhe des Mannes in den Mittfünfzigern wurde wellenartig von Geräuschen durchlaufen, die aus seiner Kehle kamen. Wenn nicht sogar aus seiner Seele.

Ein Rattern ging in ein Zischen über, um nach einem leisen Pfeifen plötzlich zu verstummen. Das durch die Atemzüge des Schlafenden in Vibrationen versetzte schottische Gaumensegel sorgte für ein ungeheuerliches Röhren. Das Besondere am Schlaf des Schriftstellers: Er fand an einem Ort statt, der öffentlicher kaum hätte sein können. In der Lobby eines Hotels, gleich neben der Bar. Der Mann ratterte und dröhnte gegen die nachtaktiven, munter schwatzenden Menschen an der Bar an. Einer gegen viele, aber das Ergebnis war ein eindeutiges Unentschieden.

Immer noch ist das Schlafen in der Öffentlichkeit ein heikles Gut. Es trennt die Starken von den Schwachen, um nicht zu sagen: von den Schwächlingen. Wer übermüdet auf einer Parkbank vom Schlaf übermannt wird, hat geringeres Sozialprestige als eine ganze schlafende Businessclass zusammen. Die Ächtung des Schlafs hat uns die Bibel eingebrockt. «Wie lang, du Fauler, willst du noch daliegen, wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?», heisst es da.

Das Über-Ich der späten Stunde


Sigmund Freud hat eine Theorie des Traums entwickelt und mit dieser Theorie auch eine des Strafens. Im Schlaf spielen wir Szenen der Strafe durch, und der Traum kann selbst so etwas wie eine Strafe sein. Im schlimmsten Fall wiederholt er sich, und wir müssen damit zum Psychoanalytiker gehen. Was Freud allerdings so ziemlich unterschlagen hat, ist der bestrafte Schlaf selbst. Den Schläfer bestraft das Leben, so ist die herrschende Meinung, aber manchmal sind es auch die lieben Mitmenschen, die uns den Spass daran nehmen wollen. Und hier bleibt es freudianisch.

Das Über-Ich meiner in den Tag hinein sich ziehenden studentischen Nächte war mein Vater, der immer früh schlafen ging. Er sass pünktlich um halb acht im Büro. Wahrscheinlich nur, um zum Telefon zu greifen und mir zu sagen, dass er jetzt in seinem Büro sitze und dass sein produktives Leben schon die ersten Schleifen ziehe. Im Gegensatz zu meinem Leben. Das schwere alte Bakelit-Telefon auf meinem Schreibtisch hat morgens nicht einfach geklingelt. Es ist detoniert. Noch heute schrecke ich nachts bei allem hoch, was ein Telefonklingeln sein könnte. Gemessen an den Traditionen meiner Familie bin ich ein schlechter Schläfer.

In der Stadt ist immer einer wach

Der berühmte Anthropologe Rudolf Bilz schreibt über den Schlaf: «Das schlafende Subjekt wird vom Nachtfeind bedroht, der als ein besonders gefährlicher Feind gelten muss, weil er das Subjekt in einer Verfassung der Wehrlosigkeit überrascht.» Herr Bilz erfasst damit meine frühere Lage genau, will uns anthropologiegeschichtlich aber noch etwas ganz anderes sagen: Zivilisation beginnt dort, wo die Nachtfeinde ihre Macht verlieren. Wo es das Feuer gibt, künstliches Licht oder Nachtwachen.

Sehr schön beschreibt der Kulturphilosoph Thomas Macho, was sich seit der Erfindung des Feuers sonst noch getan hat. Die Menschheit hat die Städte erfunden: «Als kollektives System zur Entlastung von Wachsamkeitsanforderungen, als die Verabredung, dass jeder Schlaf bewacht wird, weil niemals alle Bürger gleichzeitig zu Bett gehen.»
Genaugenommen, ist Zivilisation überhaupt nur dazu da, dass wir ruhig schlafen können. Wie in vielen Dingen übertreibt die Zivilisation aber auch hier. Am Ende sorgt sie doch nur dafür, dass wir schlecht schlafen, weil wir uns sorgen, dass wir schlecht schlafen werden, wenn diese Zivilisation sich nur einen gefährlichen Schritt weiterdreht. Schlaf ist konservativ. Er braucht Gewohnheiten.

Die Gewohnheiten meines Vaters führten zur anrührenden Tatsache, dass er ohne sein zweites Kissen nicht sein konnte. Waren wir auf Reisen und längst auf der Autobahn, musste das womöglich vergessene Kissen geholt werden. Umwege wurden in Kauf genommen für einen Wesenszug, in dem der Vater noch als Erwachsener Kind geblieben war.

Vielleicht sind wir ja immer die gleichen Schläfer. Von der Kindheit bis zum Tod. Und in diesem bewusstseinsfreien Zustand unterscheiden wir uns nicht vom heiligen Schlaf aller Kreaturen. Wir fallen in den Schlaf. Zwischen zwei Kissen, wie mein Vater, oder für volle zwanzig Stunden wie die Kleine Taschenmaus. Wir lassen uns fallen, wer weiss wohin. «Tomber de sommeil», sagt der Franzose. Das klingt, als würde man ins Grab sinken. Aber wenn wir nicht gestorben sind, wachen wir wieder auf.

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