Switzerland

Ihre Click-Karriere kriegt einen Knick

Camille Lothe hat die vergangene Woche zugesetzt. Man sieht ihr das zwar nicht an, so wie sie an diesem Freitagmorgen im Restaurant Bohemia sitzt. Sie bestellt Mineralwasser, wirkt aufgeräumt und wach. Doch die 26-Jährige sagt auch: «In einer Woche wie dieser wünsche ich mir, keine Politikerin zu sein. Ich habe viel geweint.»

Was ist geschehen? Wenige Tage zuvor schreibt das Newsportal Nau.ch, dass Camille Lothe nahegelegt werde, aus der Schulkreisbehörde des Stadtkreises 9 auszutreten. Seit Sommer 2019 blieb sie unentschuldigt jeder einzelnen Sitzung fern, Telefonate liess sie unbeantwortet. Die Präsidentin der Kreisschulbehörde äussert sich auf Nau.ch deutlich. So deutlich, dass Lothe zwei Tage nach dem Artikel aus der Kreisschulbehörde austritt.

Die Kritik in den Medien und innerhalb der Partei folgte postwendend. Und sie ist schwer zu entkräften. Der Konsens: Lothe zeige sich zwar in den Medien, sei aber nicht bereit für die sogenannte Ochsentour. Wie das Politikerinnen und Politiker machen: durch die Ämter in den Gemeinden bis ins nationale Parlament.

Es war ein Fehler

Im Gespräch räumt Lothe ein, dass es ein Fehler gewesen sei, nicht an den Sitzungen teilzunehmen. Das sei unentschuldbar und verantwortungslos. Als Grund gibt sie ihre zahlreichen Engagements an: Das Vollzeit-Wirtschaftsstudium an der Uni Zürich, das Präsidium der JSVP Kanton Zürich, die politische Basisarbeit, der 60-Prozent-Abendjob als Lehrerin am KV. «Das ist keine Rechtfertigung für mein Verhalten, aber eine Erklärung», sagt sie.

Das Ausscheiden aus der Kreisschulbehörde ist ein Rückschlag in Lothes Politkarriere, die vor nicht allzu langer Zeit steil begann: Lothe avancierte innerhalb der SVP zu einer Figur. Und auch schweizweit erlangte sie Bekanntheit. Dank ihrer Auftritte in der SRF-«Arena» oder ihrer Präsenz in den sozialen Medien. 2018 wurde sie zur Präsidentin der Jungen SVP des Kantons Zürich gewählt. Es war klar: Eine Frau wie Lothe, die neben ihrem politischen Talent gut aussieht, kann die SVP gebrauchen. Der «Blick» stellte die Frage: «Ist das die neue Natalie Rickli?»

Lothe wurde immer bekannter. Aber ihre Karriere war von Rückschlägen gezeichnet. Die Kreispartei 7/8 schloss sie vergangenes Jahr aus ihrem Vorstand aus. Sie sei zu oft abwesend, zeige zu wenig Interesse. Lothe wehrte sich, die Partei habe von ihren vielen Engagements gewusst. Zeitungen stellten die Frage: Läuft eine Neidkampagne gegen Lothe? Klar ist: Die Wahl zur Vizepräsidentin der JSVP Schweiz misslang ebenso deutlich wie die Wahlen in den Gemeinde- und den Kantonsrat.

«Das Geschlecht ist sekundär»

Innerhalb der Partei hiess es zudem, Lothe würde übervorteilt. Stein des Anstosses war ein Kampagnenfilm von Nationalrat Thomas Matter, worin Lothe eine kleine Rolle spielte. «Die anderen Jung-SVPler, die darin vorkommen, wurden nicht kritisiert, ich aber schon», sagt sie. «Bei mir heisst es, ich werde gepusht.»

Ausschnitt aus dem Kampagnen-Film mit Camille Lothe. Screenshot: Youtube

Dabei brauche die SVP selbstbewusste, engagierte Frauen, sagt Lothe. Sie hätte sich auch in der Kreispartei immer wieder dafür starkgemacht. Mauro Tuena, Nationalrat und Präsident der stadtzürcherischen SVP, sagt: «Wir brauchen in der SVP generell junge Leute, die auftreten können. Das Geschlecht ist dabei sekundär.» Zu Lothes Absenzen sagt er: «Wer ein Amt anstrebt und gewählt wird, muss dieses ohne Wenn und Aber pflichtbewusst ausüben.»

Als Lothe 2015 in die SVP eingetreten sei, sagt sie, habe sie damit gerechnet, dass es schrittweise vorwärtsgehen werde: Kreisschulbehörde, Gemeinderat, Kantonsrat, Nationalrat. «In 20 Jahren Nationalrätin war für mich eine realistische Perspektive.»

Ein Artikel in «20 Minuten» Anfang 2018 brachte diesen Plan durcheinander. Das Blatt forstete sich durch das Instagram-Profil der frisch gewählten Präsidentin der kantonalen JSVP – und fand: Bikini- und Partybilder. Die Zeitung titelte: «Zürcher JSVP-Chefin zeigt sich freizügig auf Insta». Damit geriet Lothe, wie sie sagt, in eine Dynamik, mit der sie nicht gerechnet hat. Für ihre Generation typisch sei, dass Instagram zum Leben gehöre wie früher die Postadresse. Der Artikel in «20 Minuten» habe sie schockiert. «Nach dem Erscheinen habe ich mehrere Nächte nicht geschlafen.»

Die Trennung zwischen privater und öffentlicher Person gab es für sie nun nicht mehr. Man kann den Bruch auch auf ihrem Instagram-Profil ablesen. Standaktionen und seriöse Selfies ersetzten für eine Weile Poolpartys und Jachtausflüge. Weil ihr Privatleben auf einen Schlag öffentlich wurde, veränderte sie ihre Strategie. «Ich hatte zwei Möglichkeiten: Rückzug oder Offensive.» Lothe entschied sich für den Angriff. Im selben Jahr startete sie ihren Video-Blog «Uf dä Punkt», in dem sie mit rosarotem Laptop vor rosaroter Kulisse auftritt. Bald merkte sie: «Weibliche Attribute in Kombination mit SVP-Inhalten triggert die Leute.»

Das Einmaleins der SVP

Ihre Themen, die sie in den Clips behandelt, bewegen sich nahe am Einmaleins der SVP- Aufmerksamkeits-Bewirtschaftung, wie sie auch andere europäische Rechtspopulisten betreiben: Islamistengefahr, Genderpolizei, Asylirrsinn, Kuscheljustiz.

Lothe trat mit einem Gewehr vor die Kamera. Wieder kam die Kritik nicht nur aus den anderen politischen Lagern, sondern auch aus den eigenen Reihen. Doch das spielte nun keine Rolle mehr, denn Lothe wurde gesehen. Es folgten Auftritte in der «Arena», wo sie in der vordersten Reihe mit den Grössen der anderen Parteien diskutierte. Ihre Karriere nahm Gestalt an – abseits des gängigen Weges. Die Idee für die «Arena» kam nicht aus der SVP, sondern war dem Wunsch von SRF nach einer schlagfertigen weiblichen Protagonistin zu verdanken.

Auch ihre Gegnerinnen räumen Lothe politische Qualitäten ein. «Sie hat Talent und ist redegewandt», sagt etwa Tamara Funiciello, ehemalige Präsidentin der Juso und heutige Nationalrätin. Dass es Lothe bisher nicht weitergebracht habe, sei dem Versagen der SVP zuzurechnen, fügt sie an. «In einer Partei, die dezidiert antifeministisch ist, haben es die Frauen schwerer als anderswo», sagt sie. Dass Lothe die Kreisschulpflege vernächlässigt habe, sieht zwar auch Funiciello als Fehler an. Sie ist sich aber sicher, dass Männer und Frauen bezüglich ihrer Leistung unterschiedlich bewertet würden. «Bei Männern zählt das Potenzial, bei Frauen die Performance», sagt Funiciello. Das könne man bei Roger Köppel sehen, der im Nationalrat oft fehle.

Dass Widerstände innerhalb der Partei zu suchen seien, lässt Mauro Tuena nicht gelten. «Die Wähler haben ihr Engagement bisher nicht honoriert», sagt er. Dies, obwohl die SVP Lothe bei der Gemeinderats- wie auch der Kantonsratswahl auf Spitzenpositionen in der Liste positioniert habe. Tuena glaubt nicht, dass Lothes Karriere mit dem Ausscheiden aus der Kreisschulbehörde beendet sei. «Wir führen in den nächsten Tagen noch Gespräche», sagt er.

Gefördert, aber nicht gewählt

Bisher haben die SVP-internen Strategien, Frauen an die Spitze zu hieven, nicht gefruchtet. Rachel Grütter-Eckert wie auch Anita Borer schafften es trotz Spitzenplatzierungen auf den Nationalratslisten nicht, von ihrer Medienpräsenz zu profitieren. Beide wurden von gewichtigen SVP-Männern gefördert, aber nicht gewählt. Eine Ausnahme bisher war Natalie Rickli, ehemalige Nationalrätin und neu gewählte Regierungsrätin. Ob Lothe doch noch irgendwann zur neuen Rickli avanciert?

Klar ist, bei Lothe zeigte sich früh schon ihre konservative Gesinnung. Im musischen Gymi Stadelhofen, wo sie die Matura machte, hielt sie damals einen Vortrag zur Einwanderungsbegrenzung. Die Mitschüler seien irritiert gewesen, die Deutschlehrerin habe ihr die Note sechs gegeben. Zu dieser Zeit lernte sie auch Lukas Reimann kennen. Lothe zählt den Nationalrat und politischen Hardliner zu ihren Vorbildern.

Aus einer Migrantenfamilie

Diskussionen ist sie von zu Hause gewohnt. Der Vater ist Gewerkschafter, die Mutter war Krankenpflegerin, ein typisches linkes Umfeld. Aufgewachsen ist Lothe im Zürcher Seefeld, wo damals noch Arbeiter lebten. Beide Eltern stammen aus dem Norden Frankreichs, der Rest ihrer Familie lebt heute noch dort. «Mein Cousin hat einen Uniabschluss, aber keine Aussicht auf einen Job», sagt sie. Irgendwas sei faul an dem System EU, der Druck durch die Migration sei stark. Dies habe sie politisiert.

Dass sie selber aus einer Migrantenfamilie stammt, sie sich aber heute für dichte Grenzen starkmacht, sieht sie nicht als Widerspruch. Sie beruft sich auf das Politprogramm der SVP. Daran wolle sie auch in Zukunft festhalten, weil sie daran glaube. Verbittert werde sie nicht, weil sie an ihr politisches Engagement glaube. «Ich mache weiter, weil ich an die Sache glaube.» Wie ein Kind freue sie sich auf die Begrenzungsinitiative der SVP. Ebenso soll die JSVP bald ihre erste eigene Initiative lancieren. Am Ende des Gesprächs wird deutlich: Wirklich ans Aufhören denkt Lothe nicht.