Switzerland

«Ich wurde aus dem Leben gerissen» – auch Monate nach ihrer Sars-CoV-2-Infektion ist für eine 43-jährige Firmeninhaberin und Mutter nichts mehr, wie es einmal war

Immer mehr Covid-19-Patienten berichten von langanhaltenden und teilweise drastischen gesundheitlichen Problemen. Ärzte schätzen, dass jeder Dritte darunter leidet. Eine Zürcherin erzählt, wie sie plötzlich auf den Rollator angewiesen war.

Dass sie mit dem Coronavirus infiziert ist, weiss die 43 Jahre alte Kunsthistorikerin wochenlang nicht. Der Arzt vermutet zunächst allergisches Asthma als Ursache ihres trockenen Hustens.

Dass sie mit dem Coronavirus infiziert ist, weiss die 43 Jahre alte Kunsthistorikerin wochenlang nicht. Der Arzt vermutet zunächst allergisches Asthma als Ursache ihres trockenen Hustens.

Annick Ramp / NZZ

Bis Anfang April war die Kunsthistorikerin F. I. eine lebensfrohe, unternehmungslustige, sportlich aktive Frau. Die 43-Jährige jonglierte ihr Leben als Mutter zweier Kinder, Ehefrau und Inhaberin einer Firma für Innendekorationen im Kanton Zürich. Heute geht sie ausser Haus nur am Rollator, kann an manchen Tagen entweder reden oder gehen. «Vor wenigen Tagen habe ich zum ersten Mal seit Monaten beim Betreten der Bäckerei den Duft von frischem Brot wahrgenommen», erzählt sie am Telefon. Man merkt ihrer Stimme die Freude darüber an.

Angefangen hatte ihre Leidenszeit Mitte April mit einem trockenen Husten. «Ich wollte aufgrund der Corona-Situation verantwortungsbewusst sein und ging zum Arzt, aber beunruhigt war ich zum damaligen Zeitpunkt nicht», erzählt sie. Ihr Hausarzt vermutete ein allergisches Asthma und verschrieb ein Inhalationsmittel. Ein Sars-CoV-2-Test wurde nicht gemacht, da sie kein Fieber hatte und nicht zur Risikogruppe gehörte.

Im Rückblick weiss sie, dass sie jedoch ein anderes typisches Covid-19-Symptom aufwies, sie hatte nämlich von Beginn an Veränderungen beim Geschmacks- und Geruchssinn. «Für mich war eine von meinem Mann gemachte Apfelwähe völlig versalzen, der Rest der Familie fand sie sehr lecker.» Auch entdeckte F. I. eine von der Katze im Gäste-WC abgelegte tote Maus nicht – ihrem Mann wurde schon schlecht, als er die Haustür öffnete.

Ein Elefant auf der Brust

Drei Wochen nach dem ersten Husten begann für die Zürcherin ein Reigen mit teilweise dramatischen Beschwerden. «Zuerst war ich total schlapp, dann folgten Atemnot und bleierne Müdigkeit. Ich hatte das Gefühl, ein Elefant sitzt auf meiner Brust. An manchen Tagen schlief ich beim Reden ein», berichtet sie. In den kommenden Wochen folgten drückende Übelkeit und Kopfschmerzen.

Ende Mai wurde auf F. I.s Initiative hin dann ein Antikörpertest gemacht, der positiv war, offenbar hatte sie sich in den Wochen zuvor mit Sars-CoV-2 infiziert. Sie hatte nun also eine Erklärung für ihre Beschwerden. Und die wurden immer schlimmer. Sie bekam im Sommer schwere Tremoranfälle, konnte nicht einmal mehr zur Toilette laufen. Sie wachte nachts mit massivem Herzrasen auf und konnte nicht mehr schlafen. Sie wusste plötzlich nicht mehr, wie man manche Wörter schreibt. Ihr Gehirn habe sich völlig vernebelt angefühlt. «Ich wurde komplett aus dem Leben gerissen», so F. I.s Fazit.

Die Kunsthistorikerin gehört zur Gruppe der sogenannten Langzeit-Covid-19-Patienten, auf Englisch als «longhauler» oder «long-covid» bezeichnet. Über diese weiss man bis jetzt wenig – was auch angesichts der sozusagen brandneuen Erkrankung Covid-19 verständlich ist. Aber das macht es für die Betroffenen umso schwerer. Es gibt keine offizielle Beschreibung für ihren Zustand, dafür viele Einzelfallberichte. Bei fast allen Betroffenen ist laut diesen Berichten völlige Erschöpfung selbst bei kleinsten Anstrengungen ein Dauerzustand über Wochen oder gar Monate. Auch treten sehr oft Atemprobleme auf. Zudem sind neurologische Ausfälle ebenso wie wandernde Schmerzen offenbar weit verbreitet. Manche Betroffene berichten über eine lange Abfolge sich stetig abwechselnder Beschwerden, andere leiden unter mehreren Problemen gleichzeitig.

Werden Langzeitpatienten je wieder gesund?

Eine Therapie gibt es noch nicht. Kein Arzt wagt derzeit, vorherzusagen, ob und wann Langzeit-Covid-19-Patienten wieder völlig gesund werden. Zudem weiss niemand, wie viele Infizierte betroffen sind. Eine Umfrage unter im Spital behandelten koreanischen Covid-19-Patienten hat ergeben, dass 9 von 10 auch Wochen nach ihrer akuten Infektion über bleierne Müdigkeit, psychische Probleme oder neurologische Beeinträchtigungen klagen.

In Nachuntersuchungen von ebenfalls im Spital therapierten Covid-19-Patienten in Bergamo leiden 30 Prozent nach wie vor unter Atembeschwerden und ein weiteres Drittel unter anhaltenden Herzerkrankungen und Blutgerinnungsstörungen. Ärzte schätzen derzeit, dass insgesamt ein Drittel aller Covid-19-Patienten unter langanhaltenden Beschwerden leidet, allerdings in unterschiedlich schweren Ausprägungen. Bei denjenigen, die auf Intensivstationen behandelt werden mussten, seien es sogar 80 Prozent.

Zwar gibt es bei diversen anderen Erkrankungen längere Genesungszeiten nach einem wochenlangen Aufenthalt auf einer Intensivstation. Doch wie Erzählungen von F. I. oder auch von zahlreichen Betroffenen aus anderen Ländern zeigen, treten bei Covid-19-Patienten Langzeitbeschwerden keineswegs nur nach einem schweren Verlauf auf. Die ähnlichen Spätfolgen bei zuvor leicht beziehungsweise schwer Erkrankten lassen vermuten, dass das Coronavirus direkt Schäden verursacht, die lange anhalten und teilweise schwerwiegend sind.

«Für mich waren Online-Selbsthilfegruppen eine grosse Hilfe», sagt F. I. «Hier habe ich von Leidensgenossinnen und -genossen wertvolle Ratschläge erhalten. Zudem war allein schon die Tatsache, zu sehen, dass ich nicht allein bin, dass ich nicht spinne, dass niemand meine Probleme als Stress oder psychisches Leiden an der weltweiten Corona-Krise abtut, extrem hilfreich und stabilisierend.» Solche Gruppen sind in den letzten Wochen in den sozialen Netzwerken wie Pilze aus dem Boden geschossen. Manche von ihnen – wie zum Beispiel Slack-Gruppen, initiiert von Aktivistinnen von «Body Politics» – haben viele tausend Mitglieder, Tendenz steigend.

Im Kanton Zürich hat Constanze Jacke Anfang September den Verein «Leben mit Corona» gegründet. Sie und ihr Mann hatten sich im März mit Sars-CoV-2 infiziert. Während die Pflegedienstleisterin nur ganz milde Symptome hatte, kämpfte ihr Mann wochenlang auf der Intensivstation um sein Leben. Und jetzt um Normalität. Statt wie geplant in einem Segelboot den Atlantik zu überqueren, übt er nun das Velofahren über einige hundert Meter oder das Treppensteigen ohne Pause. «Wir wollen Patienten mit Langzeitbeschwerden, aber auch deren Angehörigen Wissen oder Tipps für den Alltag vermitteln, ihnen die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch bieten», erklärt Jacke. Der Verein zählt derzeit knapp zwanzig Mitglieder.

Betroffene wurden nicht getestet

Ein bei vielen Langzeitpatienten gerade in den USA oder auch Grossbritannien verbreitetes Problem ist, dass sie weder einen PCR-Test in der akuten Phase (so es denn eine gab) noch einen Antikörpertest während ihrer anschliessenden Leidenszeit bekamen. Gerade in der Anfangszeit der Pandemie waren nämlich in vielen Ländern Tests so knapp, dass noch nicht einmal alle Infizierten mit schweren und typischen Covid-19-Symptomen getestet wurden. Die Menschen, die nun unter ähnlichen Beschwerden leiden wie F. I., können somit jetzt weder herausfinden, ob ihre Probleme wirklich von dem Virus stammen, noch dies belegen. Dadurch werde ihnen von Ärzten wie vom Umfeld oftmals die Anerkennung völlig versagt, berichten sie.

Kürzlich hat nun auch die WHO das Problem der nicht enden wollenden Covid-19-Erkrankung erkannt und versprochen, dass man die Langzeitbeschwerden nun wissenschaftlich untersuchen wolle.

F. I. sieht langsam ein Licht am Ende des Tunnels. «Ich habe seit wenigen Tagen erstmals das Gefühl, wieder in der Spur zu sein», meint sie gedämpft optimistisch. Ganz traut sie der Lage noch nicht, zu oft gab es nach einer leichten Besserung einen harten Rückschlag.

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