Mit 15 Jahren macht man sich doch noch keine Gedanken übers Geld, oder? Man verdient ja noch nichts, drückt noch die Schulbank, geht über den Mittag nach Hause zum Essen. Falsch gedacht. Ein Besuch in einer Bezirksschulklasse zeigt, dass die 14- bis 16-Jährigen sehr wohl über ihre Finanzen sinnieren.

Jugendarbeiter Oliver Rüegger steht in einem Klassenzimmer der Bezirksschule Bremgarten. Vor ihm sitzen rund 20 Jugendliche. Rüegger veranstaltet für die Schuldenberatung Aargau Solothurn Workshops mit den Schülern. Das Ziel: Prävention. Die Jugendlichen sollen ein «Gspüri» für ihr Geld bekommen, Ausgaben planen und einschätzen können. Die Workshops können von den Schulen und Lehrbetrieben gebucht werden. Oliver Rüegger fragt die Schüler: «Wie geht ihr mit Geld um? Warum haben Leute Schulden? Wie muss sich eine erwachsene Person das Geld aufteilen?» Die Schüler schweigen.

Jugendarbeiter Oliver Rüegger bringt den Bezirksschülern spielerisch bei, ein Budget zu erstellen

Es scheint, als hätten einige Angst, dass jetzt ein langer Theorieblock mit erhobenem Zeigefinger folgt. Stimmt nicht. Rüegger animiert sie zu einem Spiel: Je nach Aussage Rüeggers, die auf die Jugendlichen zutrifft, sollen sie aufstehen und in eine andere Ecke des Klassenzimmers gehen. Das Spiel soll Aufschluss zur finanziellen Situation der Schüler geben. So zeigt sich: Rund die Hälfte der Jugendlichen wünscht sich mehr Sackgeld. Bis Ende Monat reicht das Geld aber bei allen aus. Einige geben zu, manchmal Geld für Dinge auszugeben, die sie eigentlich nicht brauchen: «Süssigkeiten zum Beispiel», sagt ein Junge. «Päckli von Zalando», sagt ein Mädchen. Die meisten geben auch zu, glücklich zu sein, sobald sie Geld ausgeben.

Kleider für 200 Franken, ein Handy für 800 Franken

Oliver Rüegger fragt die Schüler, wofür sie in der letzten Zeit viel Geld ausgegeben haben: «Ein Handy für 500 Franken und Kleider für 200 Franken», oder «ein Handy für 800 Franken», lauten die Antworten. Die Eltern spielen bei solchen Ausgaben eine grosse Rolle: «Bei uns zu Hause ist Geld vor allem dann ein Thema, wenn ich mir etwas Teures kaufen möchte», sagt ein Junge.

«Oder wenn ich auswärts essen gehen will.» Streit wegen des Geldes sei selten, komme aber manchmal vor, sagen die Schüler. Grund zum Streiten sollten die Eltern eigentlich nicht haben: Ausnahmslos alle Schüler sind überzeugt, gut mit Geld umgehen zu können. Die meisten sparen sogar. Vom Reichsein träumen sie trotzdem: «Dann würde ich mir eine fette Villa mit Pool in Beverly Hills und ganz viele Autos kaufen.» Oliver Rüeggers Frage, was die Schüler am Wochenende ohne Geld machen würden, wird so beantwortet: «Ich würde Sport machen oder Netflix schauen.»

Workshop "Häsch no Cash?" der Schuldenberatung AG/SO in einer Klasse der Bezirksschule Bremgarten, 5. September 2019.

Workshop "Häsch no Cash?" der Schuldenberatung AG/SO in einer Klasse der Bezirksschule Bremgarten, 5. September 2019.

Netflix. Fernsehen. Daheim bleiben. Rüegger verknüpft: «Genau das machen Leute mit Schulden. Sie ziehen sich zurück.» Bevor der Jugendarbeiter auf Verschuldungsgründe zu sprechen kommt, geht es im Unterricht nochmals um die Finanzen der Jugendlichen. Alle bekommen zu Hause Sackgeld. Dafür müssen einige auch etwas tun, zum Beispiel Rasenmähen oder im Haushalt helfen. Ein Jugendlicher sagt, er müsse den Tisch decken – für diese wenig anstrengende Aufgabe erntet er Gelächter von seinen Mitschülern.

Dann füllen die Jugendliche einen kurzen Budgetplan aus. Sie sollen einschätzen, welche Ausgaben ihre Eltern übernehmen und welche nicht. Beobachtet man die Jugendlichen, sieht man, dass viele Markenkleider von Nike, Hilfiger und Adidas tragen. Aus ihren Hosentaschen blitzen iPhone-Bildschirme. Kleider und Handy sind laut den Schülern auch jene Dinge, für die die Eltern bezahlen müssen.

Schüler sind erstaunt über Ausgaben einer Familie

Oliver Rüegger spricht weiter über die empfohlenen Ansätze für die Höhe des Sackgelds. Jugendliche über 15 Jahre sollten pro Monat 50 bis 80 Franken bekommen. Einige Schüler aus Bremgarten bekommen etwas weniger: «Ich kriege 8.50 Franken pro Woche. Aber das reicht mir aus», sagt ein Jugendlicher. Während des Unterrichts müssen die Schüler noch einen zweiten Budgetplan ausfüllen und schätzen, wie hoch die Ausgaben einer vierköpfigen Familie für Steuern, Miete, Krankenkasse, Essen und Kleider sind. Die Jugendlichen grübeln.

Muss eine Familie pro Monat 400 oder gar 1000 Franken für die Steuern auf die Seite legen? Nach der Auflösung sind die Schüler überrascht. Sie wussten nicht, wie hoch Lebenshaltungskosten sein können. «Seht ihr, diese Ausgaben sind sehr hoch», sagt Oliver Rüegger. «Wenn ein junges Paar eine Familie gründen möchte, aber zu wenig verdient, kann das unter Umständen in Schulden enden.» Die Schüler sollen sich nun selbst überlegen, welche anderen Schicksale auch zu Schulden führen können. «Ein junger Mann hatte wenig Geld und hat dann noch angefangen, zu rauchen», sagt eine Jugendliche. «Irgendwann konnte er seine Sucht nicht mehr finanzieren und hat Schulden angehäuft.» Ein anderer Schüler schlägt vor: «Der Mann hat einen Mercedes AMG geleast, obwohl er sich das nicht leisten konnte.»

Diese Beispiele seien sehr realitätsnah, sagt Oliver Rüegger. «Sucht und falsche Geldanlagen sind tatsächlich Gründe, warum Menschen Schulden haben», sagt er. Die Schüler selbst scheinen keine Angst zu haben, selbst mal in die Schuldenspirale geraten zu können. Berechtigt. Heute müssen die Jugendlichen weder Steuern zahlen noch mit dem eigenen Lohn jonglieren. Das Resultat des Workshops: «Vielleicht lade ich mir trotzdem mal eine Budget-App runter, um meine Ausgaben besser zu kontrollieren», sagt ein Schüler.

Umfrage: Wie gehst du mit deinem Sackgeld um?