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Switzerland

«Ich dachte, die Trampassagiere wollten mich betäuben»

Ein geistig verwirrter Mann schlägt in einem 14er-Tram eine 95-jährige, ihm völlig unbekannte Frau bewusstlos. Vor Gericht geht es um die Frage, ob eine ambulante Massnahme genügt oder eine stationäre Therapie notwendig ist. 

Der Angreifer war zu der Tatzeit laut eigenen Angaben in einem psychotischen Zustand und habe unter Panik gelitten.

Der Angreifer war zu der Tatzeit laut eigenen Angaben in einem psychotischen Zustand und habe unter Panik gelitten. 

Annick Ramp / NZZ

Jemand fängt im Tram scheinbar grundlos zu Schreien an und belästigt Fahrgäste. Im Juni 2018 eskalierte eine solche Situation im 14er-Tram zwischen Stauffacher und Sihlpost: Ein heute 36-jähriger Schweizer hämmerte zunächst gegen die Trennscheibe zur Kabine des Wagenführers, drehte sich dann um und schlug unvermittelt und grundlos zwei Frauen im Alter von 75 und 95 Jahren mit seinen Fäusten gegen den Kopf. Die 95-Jährige verlor sogar das Bewusstsein und erlitt einen Trommelfellriss und Blutungen im Innenohr.

Als ein Passant den Täter an der nächsten Haltestelle stoppen wollte, kassierte er ebenfalls zwei Faustschläge ins Gesicht. Der 36-Jährige war den Behörden bekannt: ein Mann, der an paranoider Schizophrenie leidet und schon mehrfach in psychiatrischer Behandlung war. Zum Tatzeitpunkt befand er sich in einer gerichtlich angeordneten ambulanten Massnahme. Sein Arzt hatte wegen starker Nebenwirkungen allerdings die Medikamente vollständig abgesetzt. 

Die Massnahme hatte das Bezirksgericht Meilen im März 2018 nach einer Verhandlung wegen Gefährdung des Lebens gegen den Schuldunfähigen verhängt: Der Mann hatte mit einer Schusswaffe wild gegen einen Baum und in Richtung der S-Bahn geschossen. Verletzt worden war aber niemand. 

Nebenwirkungen der Medikamente

Diesmal steht der 36-Jährige wegen mehrfacher einfacher Körperverletzung vor dem Bezirksgericht Zürich. Er befindet sich bereits im vorzeitigen Massnahmeantritt einer stationären Therapie. Das neue Medikament, das ihm nun verschrieben wird, mache ihn sehr schläfrig, erklärt er. Das sei aber besser als die Nebenwirkungen seiner früheren, abgesetzten Medikamente. Diese hätten ständig seine Muskeln versteift und ihn verlangsamt. 

Zur Tatzeit sei er in einem psychotischen Zustand gewesen, schildert er. Er erinnere sich nur noch, dass er eine Frau ins Gesicht geschlagen habe. Der Grund? – «Ich wollte aus dem Tram raus! Ich merkte, dass die Türen nicht aufgingen.» Aus Panik habe er zufällig Leute ausgewählt. «Ich hatte gedacht, dass die Leute im Tram mich betäuben wollen.» Er finde schlimm, was er gemacht habe. Mit einer stationären Massnahme ist er einverstanden, lieber sei ihm aber eine ambulante Therapie, weil er in einem Wohnheim leben wolle.

Er erzählt, wie er am Tag vor der Tat lange am Zürichsee herumgelaufen sei, bis er von seinen Sandalen Blasen und blutende Wunden bekommen habe. Am Tattag habe er Streit mit seiner Mutter gehabt, weil sie ihm kein Geld für neue Sandalen habe geben wollen. Danach sei er barfuss durch die Stadt geirrt. Er habe wegen der Schmerzen an den Füssen die Ambulanz angerufen. Diese habe ihn ins Spital gebracht. Dort sei er aber abgehauen, weil er das Gefühl bekommen habe, dass man ihn betäuben wollte. Dann sei der Vorfall im Tram passiert.

Kritik an Absetzung der Medikamente

Über den Sachverhalt und die Schuldunfähigkeit des 36-Jährigen sind sich vor Gericht alle einig. Das neueste psychiatrische Gutachten spricht von einer hohen Gefahr, ohne entsprechende Therapie rückfällig zu werden. Die Staatsanwältin beantragt eine stationäre Massnahme nach Art. 59 Abs. 1 StGB zur Behandlung von psychischen Störungen. Der Verteidiger will nur, dass die angeordnete ambulante Massnahme weitergeführt wird. Denn zum Vorfall sei es nur gekommen, weil der behandelnde Arzt die Medikamente abgesetzt habe, was nicht nachvollziehbar sei. Zuvor sei die Entwicklung stabil verlaufen. In behandeltem Zustand sei der Beschuldigte keine Gefahr.

Bei der Urteilseröffnung nimmt der Gerichtsvorsitzende den behandelnden Arzt aber in Schutz. Dessen Entscheid sei menschlich gewesen. Auch das psychiatrische Gutachten habe festgehalten, dass die Absetzung der Medikamente wegen der starken Nebenwirkungen vertretbar gewesen sei. Es habe sich nun aber gezeigt, dass das ambulante Setting nicht genüge. Der Patient müsse vor allem noch lernen, die Frühwarnsignale für einen erneuten Ausbruch zu erkennen. Deshalb ordnen die Richter eine stationäre Massnahme an. Der Tatbestand der Körperverletzungen ist objektiv erfüllt, der 36-Jährige aber schuldunfähig.

Urteil DG190289 vom 12. 2. 2020, noch nicht rechtskräftig.

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