logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo logo
star Bookmark: Tag Tag Tag Tag Tag
Switzerland

«Ich bin so frei wegen der kommunistischen Unterdrückung»

Sie haben seit 2014 allein auf Deutsch zwölf Bücher veröffentlicht – in einem Gesamtumfang von fast 5000 Seiten. Es muss Ihnen wahnsinnig viel Spass machen, zu schreiben.
Nein, ich hasse es. Woher haben Sie die Information, dass mir das Schreiben Spass machen könnte?

Wie bringen Sie es denn auf einen so grossen Output?
Um schreiben zu können, habe ich eine Strategie der psychologischen Selbsttäuschung entwickelt: Ich bin nicht in der Lage, vor einem Computer zu sitzen mit der Ansage, jetzt werde ich schreiben. Daher sage ich mir zunächst, ich mache nur Notizen. Ich schreibe dann Absätze, die bereits ausformuliert sind, aber ich sage mir selbst immer noch: Das sind nur Entwürfe. Das ändert sich ab einem gewissen Punkt, ab dem ich mir sage: Alles ist bereits geschrieben, es ist genügend Material zusammengekommen und alles nur noch eine Sache der Montage, also wie ich die Sachen arrangiere, wie ich Verbindung herstelle.

Und schon haben Sie ein weiteres Buch?
Genau, der Punkt ist, diesen dramatischen Moment zu umgehen, in dem man vor einem Bildschirm sitzt und sagt: Jetzt schreibe ich. Zu diesem «Jetzt» lass ich es nie kommen. Ich mache entweder vorbereitende Notizen oder stelle Sachen zusammen. Ich plane meine Bücher nie im Vornherein. Vielleicht spüren das die Leute beim Lesen meiner Bücher. Aber das ist der Grund, warum ich sagen kann: Ich schreibe nie.

Viele tun sich schwer mit dem Schreiben, empfinden es als etwas Unnatürliches.
Ich hasse es ja auch. Wenn man eine Idee hat, sollte man sie möglichst rasch loswerden, also: Schnapp dir einen Computer und hau sie da rein.

Sie machen nie Notizen mit der Hand?
Nein, bei mir ist alles auf dem Computer. Ich schreibe fast nie mit der Hand. Computer wurden für mich erfunden. Ich habe auch keine alten Manuskripte. Nichts existiert auf Papier. Wirklich rein gar nichts.

Sie sitzen also am Schreibtisch vor Ihrem Computer und machen Notizen?
Genau, das ist sehr intensiv, ich schreibe ja nicht einfach irgendwelche Notizen. Teils sind das dann ganze Argumentationslinien, die ich mir da notiere. Jede Stunde unterbreche ich meine Arbeit und höre einige der blödesten Podcasts, über die ich einer meiner jüngsten Kolumnen schrieb, etwa über Zugreisen, wie die 48-Stunden-Fahrt von Peking nach Lhasa, oder über die Qualität von Flughafen-Lounges. Aber auch während dem Notizen-Machen habe ich Kopfhörer auf und isoliere mich so von meiner Umgebung, indem ich klassische Musik höre, zum Beispiel Wagner oder Mozart.

Sie können mit Wagner auf den Ohren arbeiten? Der ist doch vielen schon beim blossen Hören zu bombastisch.
Ich bin ein totaler Wagnerianer. Aber ich ziehe jene Dirigenten vor, die Wagner als einen intimen Kammermusiker interpretieren. Nicht diese bombastische Art. Heute findet man ja alles auf Youtube oder wo auch immer im Internet. Fürs Arbeiten wähle ich mir dann etwas aus, was meinen Vorlieben entspricht. Meine favorisierte Version von Wagners «Tristan und Isolde» ist jene des Dirigenten Karl Böhm. Seine Idee ist es, Wagner wie Mozart zu interpretieren, in dieser präromantischen Art. Das ist Zeug, das ich mag und dem ich endlos zuhören kann.

Gibt es eine Verbindung zwischen dem, was Sie schreiben, und den Wagner-Stücken, die Sie während Ihrer Arbeit hören?
Nein, da gibt es keine Verbindung. Aber ich höre nicht nur Wagner, sondern auch andere Sachen, die Sie vielleicht überraschen werden: Sie kennen doch sicher Erik Satie, den Komponisten dieser netten Piano-Stücke. Viele mögen ihn deshalb nicht, da er typische Salonmusik schrieb.

Aber Sie mögen ihn?
Ja, wussten Sie, dass Satie, als er 1925 starb, Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Frankreichs war? Man würde das nie erwarten. Und alle Leute, mit denen er in Verbindung gebracht wird, Claude Debussy und vor allem Maurice Ravel, waren ebenfalls politisch extrem links. Als Ravel Mitte der 1920er-Jahre Mitglied der Academie française werden sollte, lehnte er das ab, weil er die Haltung des offiziellen Frankreichs gegenüber der Sowjetunion nicht teilte. Okay, ich habe auch meine kommunistischen Favoriten. Zum Beispiel Hanns Eisler, der ostdeutsche Schüler von Arnold Schönberg.

Eisler ist vielen ein Begriff als Komponist der DDR-Hymne.
Ja, ich mag ihn aber nicht wegen seiner offiziellen Songs. Eisler hat auch einige wundervolle atonale Stücke komponiert, etwa «14 Möglichkeiten, den Regen zu beschreiben». Das ist ein wundervolles, zwanzig Minuten langes Stück, das für Joris Ivens Dokumentarfilm «An einem regnerischen Tag in Amsterdam» bestimmt war. Selbst Schönberg, der mit Eisler politisch uneinig war, sah in dieser Komposition ein Meisterwerk.

Der Witzeerzähler

Bei Slavoj Žižek steht die Komik im Dienste der Theorie. Foto: Basso Cannarsa/Opale.

Slavoj Žižek ist ein begnadeter Witzerzähler, wobei er seine Jokes nicht um der blossen Pointe willen erzählt. Okay, manchmal schon. Aber nicht im Fall des folgenden Jesus-Witzes: «Jesus Christus ist müde vom Predigen und sagt zu einem seiner Jünger: ‹Komm, wir gehen zum See Genezareth, um ein wenig Golf zu spielen.› Jesus spielt also Golf, macht einen Schlag, der ihm misslingt; der Ball landet im Wasser. Christus ist Christus, geht also übers Wasser, erreicht den Ball und kommt zurück. Ein Jünger sagt zu ihm: ‹Schau Jesus, dies ist ein wirklich sehr schwieriger Schlag, du wirst möglicherweise scheitern, selbst Tiger Woods wäre wohl nicht in der Lage, ihn hinzubekommen.› Jesus sagt: ‹Hehe, fuck Tiger, ich bin Gott, ich kann das.› Er schlägt den Ball erneut – und wieder landet der Ball im See. Jesus geht wieder übers Wasser – als eine Gruppe amerikanischer Touristen mit dem Bus ankommt, die überrascht sind, als sie den Typen da auf dem Wasser sehen, und fragen einen der Apostel: ‹Was ist das für ein Kerl? Wer glaubt er, dass er sei – Jesus Christus?› Wissen Sie, was der Apostel antwortet? ‹Nein, es ist viel schlimmer, er denkt, er wäre Tiger Woods!› Das ist so ein wunderbarer, theoretisch korrekter Witz: Selbst Jesus Christus hat ein ideales Ego, das scheitert.» In einem seiner Bücher erklärt Žižek mit diesem Witz, was er «phantasmatische Identifikation» nennt: «Niemand, nicht einmal Gott selbst, ist unmittelbar, was er ist; jeder braucht einen äusseren Identifikationspunkt», heisst es da.

Hier noch der oben transkribierte und übersetzte Witz als Video:

Weitere Witze gibt es unter anderem in «Žižek's Jokes. Treffen sich zwei Hegelianer» (Suhrkamp, Berlin, 158 S., ca. 10 Fr.).

Stehen Sie am Morgen früh auf, um zu arbeiten?
Nein, ich bin nicht Kant! Ich bin das Gegenteil. Es gibt drei Philosophen, von denen wir wissen, dass sie Frühaufsteher waren oder sind: Immanuel Kant, Jacques Derrida und Frederic Jameson, der grosse amerikanische Marxist. Deren Rhythmus war kantianisch: Sie gingen sehr früh schlafen, etwa um neun, und standen sehr früh auf, etwa um vier Uhr, von fünf bis elf Uhr arbeiteten sie. Dann haben sie ein nettes Mittagessen, Kant mit Freunden, Derrida ging dafür nach Paris.

Sie sind also ein Eule, ein Spätaufsteher, der dann hauptsächlich in der Nacht arbeitet?
Genau, und das ist etwas, was ich nicht mag: Ich habe keinen durchorganisierten Tag. Aufgrund meiner schweren Diabetes brauche ich zudem eine Menge Schlaf. Normalerweise 9 bis 10 Stunden pro Tag. Mindestens. Dann gibt es oft kleine Verpflichtungen oder blöde Sachen, die ich erledigen muss. Also versuche ich ein wenig Arbeit den Tag über zu erledigen, bis zum Mittagessen oder Nachmittag um 2 oder 3 Uhr. Aufgrund meiner Altersmüdigkeit muss ich einen Mittagsschlaf halten. Am Abend gibt es wieder Essen. Und dann arbeite ich, meist ab 20 oder 21 Uhr – bis Mitternacht.

Was haben Sie an Verpflichtungen oder «blöden Sachen», die Sie machen müssen?
Verpflichtungen habe ich nur gegenüber meiner Familie. Aber auch die sind nicht sehr gross, da meine Söhne inzwischen erwachsen sind.

Sonst sind Sie komplett frei?


Mehr oder weniger, ja. Aber wissen Sie, was die Ironie daran ist: Ich bin so frei wegen der sogenannten kommunistischen Unterdrückung. Als ich jung war und mein Studium abschloss, das war 1973, wollte ich einen Job an der Universität, was mir verweigert wurde. Für einige Jahre war ich arbeitslos, ich überlebte mit Übersetzungen, kein Problem. Aber dann bekam ich doch noch einen Job an einer kleinen, marginalisierten wissenschaftlichen Institution.

An der Universität von Ljubljana, Ihrer Heimatstadt.
Genau, das mache ich noch immer. Das bedeutet: permanentes Sabbatical. Ich tue, was immer ich will, ich bin ein reiner Forscher: Alles, was ich tue, ist lesen und schreiben. Mit totaler Freiheit.

«Ich hasse Studenten und deren Fragen, die meistens blöd und langweilig sind. » Slavoj Žižek

Keine Lehrveranstaltungen?
Nein, ich habe keinen Kontakt mit Studenten, ich hasse Studenten und deren Fragen, die meistens blöd und langweilig sind. Bis auf einige Wochen in meinem Leben habe ich es immer abgelehnt, Dozent zu sein. Ich bin auch sehr paranoid, vielleicht egozentrisch. Daher hatte ich auch nie einen Assistenten. Viele Professoren beuten junge Forscher aus. Sie schreiben irgendetwas und sagen dann zu ihren Assistenten: Finde dieses oder jenes Zitat von Hegel. Ich mache alles allein. Niemand hilft mir.

Auch nicht bei den Verlagen, die Ihre Bücher rausbringen?
Nein, manchmal langweilen die mich ein wenig damit, dass sie sagen, diese Idee sollte ausgearbeitet werden oder dieser Teil ist zu lang. Mein Deal mit den Verlegern ist daher der folgende: Wenn ich ein fast abgeschlossenes Manuskript habe, dann schicke ich es an einen Verleger mit der Frage «Ja oder nein?».

Keine Möglichkeit, vielleicht doch mal noch etwas zu überarbeiten?
Nein, dann sage ich «fuck off» und gehe zu einem anderen Verlag.

Warum?
Ich traue denen nicht. Ich habe auch schon Verleger gewechselt, weil sie mich nerven. Ich denke, viele Verleger sind doof. Doof in der Art, dass sie Vergnügen darin empfinden, zu nerven mit detaillierten Anmerkungen und Änderungsvorschlägen. Ich hasse auch diese anonymen Reviewer, die es heute bei vielen wissenschaftlichen Zeitschriften und Verlagen gibt: Weil sie anonym sind, mögen sie es, Schwierigkeiten zu machen.

Sie haben also nie den Stress, etwas fertig zu bekommen, wie ihn andere haben, wenn sie einen Vortrag halten oder einen Artikel schreiben müssen?
Nein, das ist meine Grundregel. Ich halte zwar Vorträge, bereite mich aber nie darauf vor. Wenn jemand mich einlädt, sage ich immer: Erlauben Sie mir, in meine Notizen und Manuskripte zu schauen. Wenn ich da etwas zum Thema finde, dann werde ich den Vortrag halten. Ich lese oder improvisiere also aus meinen zukünftigen Büchern und verliere niemals Zeit damit, Vorträge vorzubereiten.

Der Theoretiker
Auf dem Berg, unter dem Schirm denkt es sich besser: Slavoj Žižek im Film «The Pervert's Guide to Ideology», 2012. Foto: Zeitgeist Film / Everett Collection

Slavoj Žižeks Bedeutung als Philosoph besteht fraglos darin, dass er die Psychoanalyse aufs grosse Ganze des Politischen übertragen hat, in das wir alle verstrickt sind – mit unseren alltäglichen Verrichtungen, unseren Sehnsüchten und unserem (sexuellen) Begehren, unseren Verblendungen und Irrtümern. All das wird von Žižek analysiert – wiederholt mit Rückgriff auf Filme (gerne auch Blockbuster). So etwa in der filmischen Doku «The Pervert’s Guide to Cinema» und dem Sequel zur Ideologie, in denen Žižek die Funktionsweisen von Begehren, Genuss und anderen Glücksversprechen analysiert. Als strenger Lacanianer ist Žižek der Ansicht, dass die Erfüllung allen Begehrens ein graues Nichts ist, wir also letztlich nichts anderes als das Begehren begehren.

Für Erstleser empfiehlt sich die Lacan-Einführung, in der Žižek ausgewählte Stellen aus den Werken des französischen Freud-Nachfolgers interpretiert. Oder der Interviewband «Quer durchs Reale». Etwas anspruchsvoller ist der Sammelband mit dem illustrativen Titel «Was Sie immer schon über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten»; er dokumentiert die slowenische Lacan-Rezeption, die Žižek mitgeprägt hat.

Zu Žižeks Hauptwerken zählt «The Sublime Object of Ideology» (1989), das in einem Dialog mit der amerikanischen Gender-Philosophin Judith Butler und dem argentinischen Polit-Philosophen Ernesto Laclau zur Jahrtausendwende eine gewisse Rolle spielte. Im Kern der Debatte, die Žižek im Interview als theoretisch «halb interessant» beschreibt, ging es um zentrale Begriffe des linken Diskurses wie Universalität oder Kontingenz, also dass alles anders sein könnte.

Während Judith Butler und Ernesto Laclau revolutionäre Ereignisse zwar nicht für unmöglich hielten, aber auf kleinere gesellschaftliche Transformationen setzten, in denen Ausgeschlossenes zur Anerkennung gelangt, favorisierte Žižek für einen gesellschaftlichen Wandel das, was er einen «authentischen Akt» nennt: ein Ereignis, das innerhalb einer gegebenen Ordnung zwar als «unmöglich» erscheint, aber «rückblickend seine eigenen Möglichkeitsbedingungen» erschafft. Eine Revolution oder ein anderes politisches Grossereignis lässt sich demnach nicht voraussehen. Erst nachträglich kann festgestellt werden, dass es stattgefunden hat.

Sind Sie nie müde oder gar erschöpft?
Zurzeit bin ich es leider. Ich bin alt, habe Herzprobleme, ich habe Diabetes. Ich finde das sehr frustrierend. Ich hasse meinen Körper. Ich finde, Körper sollten dem Geist dienen.

Sie machen auch keine Ferien?
Doch, ich fahre dann etwa auf eine kroatische Insel. Aber für mich bestehen Ferien darin, dass ich am Strand in einer Cafeteria sitze, schreibe oder lese. Meine Vorstellung der Hölle ist ein blöder Mittelmeerstrand, wo man nur in der Sonne liegen kann. Ferien sind für mich also eine Zeit, in der ich in Ruhe arbeiten kann. Eine meiner grossen Freuden sind Langstreckenflüge, die 13 oder 14 Stunden dauern, etwa von hier nach Japan. Ich fliege in der Regel Business Class, das heisst, ich bin komfortablerweise allein, kann schlafen, in Frieden arbeiten. Niemand nervt mich, vorausgesetzt, es gibt keine Turbulenzen. Meine grössten Glücksmomente in dieser Hinsicht habe ich politischen Unruhen zu verdanken.

Wie bitte?
Ja, ich war mal in Istanbul für einige Vorträge, als mir mitgeteilt wurde, dass aufgrund politischer Unruhen alle Flüge gecancelt wurden. Ich blieb drei Tage in Istanbul hängen, ich nahm ein nettes Hotel in der Nähe des Flughafens. Es war Sommer, es war sehr nett, ich tat nichts, ausser in meinem Zimmer zu sein: Ich schlief, schaute Filme auf meinem Computer und arbeitete. Es war eine sehr schöne Zeit. Niemand wusste, dass ich in der Türkei bin. Okay, meine Frau wusste es. Meine Freunde in der Türkei log ich an. Ich sagte ihnen, ich sei zurückgeflogen, denn ich war besorgt, dass sie versuchen würden, mich im Hotel zu besuchen.

Sie machen also nie Pausen?
Sehr wenige, weil ich diese Pfadfinder-Mentalität habe: Wenn ich nicht jeden Tag etwas schreibe oder lese, dann fühle ich mich sehr schlecht. Dann denke ich, ich habe es nicht verdient zu existieren.

Aber wenn Sie die ersten Exemplare Ihres neuesten Buches in den Händen halten, können Sie sich mit einer Pause belohnen?
Nein, wenn ein Buch veröffentlicht wurde, ereilt mich manchmal das, was die Leute eine postkoitale Depression nennen könnten: Ich kann nicht ruhen, ich brauche eine Vorstellung – nicht, was mein nächstes Buch sein wird, aber worüber ich als Nächstes arbeiten will. Dann beginne ich zu schreiben. Wenn ich etwas Neues zu arbeiten begonnen habe, dann kann ich eine Pause machen. Diese Idee, dass ich etwas beendet habe und dann ruhen kann, ist grässlich für mich. Das ist wie Sterben. Erholung muss es in der Mitte der Arbeit geben.

Haben Sie eine psychologische Erklärung, warum Sie nicht ruhen können, wenn Sie ein Buch veröffentlicht haben?
Nein, aber ich kann Ihnen eine Theorie anbieten, warum ich keine Erklärung für mein eigenes Verhalten habe: Ich glaube nicht an diese Selbstanalysen. Ich mache nie eine Psychoanalyse meiner selbst. Ich glaube nicht, dass es etwas Tiefes in mir gibt, das alles erklärt. Wenn man tief in eine Person reinblickt, dann findet man nur Scheisse, widerliche Idiosynkrasien. Alles, was man über mich wissen kann, ist in den Büchern. Und alles, was wir tun können, ist, unser Selbst auszulöschen und es in die Arbeit zu stecken. Meine Bücher drücken mich daher nicht aus. Ich bin der Appendix, also der Anhang meiner Bücher.

Aber ist das nicht traurig, der Anhang seiner Bücher zu sein?
Nein, mich macht das froh.

Stellen Sie sich manchmal vor, was die Leser mit Ihren Büchern machen?
Nein, das ist deren Problem, sie können mich lesen oder nicht. Ich habe hierzu eine vielleicht etwas arrogante Haltung: Selbstverständlich freue ich mich, wenn ein Buch sich gut verkauft, aber ich schreibe für die Ewigkeit.

Sie schreiben für die Ewigkeit?
Ich weiss, dass es das nicht gibt. Aber wenn man als Philosoph wirklich Seriöses tun will, dann sollte man sich nicht um die Rezeption kümmern. Man folgt seinem inneren Trieb und tut, was zu tun ist.

Aber Sie schreiben doch auch Kommentare zur Gegenwart, etwa Ihre Essays gegen die Political Correctness, die Sie in der «Neuen Zürcher Zeitung» veröffentlichen?
Ja, aber das ist nicht ernst. Das ist mein Privatvergnügen, und Sie können sich nicht vorstellen, wie schnell ich so etwas schreibe. Das ist nicht wichtig. Wichtig sind meine philosophischen Bücher.

Warum schreiben Sie dann etwas, wenn es Ihnen damit nicht ernst ist?


Ich mag es, Leute zu provozieren. Feministinnen im deutschsprachigen Raum hassen mich nun, Sie können sich das gar nicht vorstellen. Aber das kümmert mich nicht.

Wirklich nicht?
Nein, es stört mich nicht, wenn mich Leute hassen. Was mir wirklich Sorgen macht, sind die Momente, in denen mich die falschen Leute loben, also wenn jemand plötzlich etwas Gutes über mich sagt, den ich verachte oder für einen totalen Idioten halte. Dann werde ich panisch und frage mich, was ich falsch gemacht habe. Wenn ich von jemandem gehasst werde, sind die Differenzen klar. Ich glaube nicht, dass wir alle eine grosse glückliche Familie sind. Ich will klarmachen, was ich nicht bin. Ich will nicht, dass meine Gedankengänge mit anderen verwirrt werden.

Der Provokateur

Slavoj Žižek ist sich für nichts zu schade. Foto: Antonio Olmos/ eyevine. / laif.

Nichts scheint Slavoj Žižek in den letzten Jahren so stark umgetrieben zu haben wie die sogenannte Political Correctness: Mit zahlreichen Zeitungsessays zu diesem Thema brachte er grosse Teile der Linken gegen sich auf. Für Žižek besteht das Problem von Sprachregelungen darin, dass mit ihr eine Art Scheinpolitik betrieben wird. «Der Versuch der politisch Korrekten, das Sprechen zu regulieren, ist in sich falsch, weil es die realen Probleme verschleiert, statt sie zu lösen», heisst es in einem seiner zahlreichen Beiträge für die NZZ. Die Linke würde mit einer Sprachpolitik «letztlich die Ungerechtigkeiten des wirklichen Lebens» tolerieren, «indem sie daran glaubt, sie mit einer ‹Revolution ohne Revolution› beseitigen zu können», schreibt Žižek weiter.

Statt die Revolution zu versuchen oder Klassenkampf zu betreiben, hätten sich die Linken von einer politischen Bewegung zu einer Gruppierung gewandelt, die ihren Geschmack kultiviert und «sich über das Geschlecht, den Musikgeschmack und Ernährung definiert», erklärte er gegenüber dem Magazin der «Süddeutschen Zeitung». «Die Linke hat keine Antworten mehr, deswegen liebt sie die Moral so sehr, statt etwas für die Ausgebeuteten in unserer Welt zu tun», meinte er da weiter. «Wenn sozialdemokratische Politik nur noch von Rechtspopulisten gemacht wird, dann läuft was falsch.» Das ist definitiv so. Fraglich bleibt, ob sich Klassenkampf und Sprachpolitik gegenseitig ausschliessen. Und ob Žižek mit seinen wiederholten Volten gegen die politische Korrektheit nicht jenen Rechten zuarbeitet, die mit dem permanenten Bashing von sozialen Bewegungen von ihrem eigenen Nichtstun ablenken.

Sie möchten Slavoj Žižek noch in voller Action hören? Dann empfehlen wir diesen «Chapo Trap House»-Podcast, in dem der inzwischen 70-Jährige auch in Sachen Gags, Zoten und Affronts in Hochform ist. So etwa, wenn er Greta Thunbergs politisches Engagement mit «toxischer Männlichkeit» vergleicht:

Vor ein paar Jahren hatten Sie unter dem Titel «Kontingenz, Hegemonie, Universalität» mit der Gender-Philosophin Judith Butler und dem argentinischen Postmarxisten Ernesto Laclau einen Dialog geführt, der als Buch erschien. War das nicht interessant für Sie?
Theoretisch war das so halb interessant. Wirklich interessant fand ich, wie alles auseinanderbrach: Bis zum erwähnten Buch waren wir Freunde. Nach diesem Buch brach die Kommunikation ab, nicht mit Judith Butler, aber mit Ernesto Laclau.

Warum?
Meine Lesart ist, dass Ernesto Laclau dachte, er könnte mit diesem Buch Judith Butler und mich auf seinen Kurs bringen, zu seiner Version des linken Populismus bekehren. Aber dieses Buch machte nur die Differenzen zwischen uns dreien klarer. Wir wurden damit konfrontiert, wie verschieden wir waren, wir mussten das eingestehen. Ich mochte das.

Sie mochten das?
Ja, ich glaube an die Trennung, nicht an den Dialog, seien wir ehrlich: Philosophen führen keine Dialoge. Wenn ein Philosoph mit einem anderen spricht, dann ist das immer ein Missverständnis. Philosophen sind sehr arrogant. Hegel missverstand Kant, Marx missverstand lächerlicherweise Hegel. Und so weiter.

Den ernsthaften Slavoj Žižek können wir nur in den philosophischen Büchern lesen?
Ja, zum Beispiel in «Absoluter Gegenstoss» oder in «Disparitäten», das sind die seriösen Bücher. Eines meiner letzten Bücher, das auf Deutsch veröffentlicht wurde, hiess «Wie ein Dieb bei Tageslicht». Kein schlechtes Buch, aber ein simpel-politisches, das nehme ich nicht allzu ernst. Das sind Fragmente. Das ist kein ernster Stoff. Das kann man nicht vergleichen mit meinen theoretischen Büchern.

Es kümmert Sie also wirklich nicht, wenn gewisse Leute von der Linken Sie nun hassen?
Das kümmert mich nicht. Wenn das geschieht, erinnere ich mich immer daran, was Jean-Paul Sartre in den 1950ern sagte: Wenn ich für einen Text von den beiden grossen politischen Lagern attackiert werde, dann ist dies eines der wenigen sicheren Zeichen, dass man auf dem richtigen Weg ist. Als ich das Buch «Willkommen in der Wüste des Realen» über die Konflikte im Mittleren Osten und Terrorattacken schrieb, das 2002 erschien, war ich so glücklich, dank meiner Freunde zu erfahren, dass es in Israel von der «Jerusalem Post» als proterroristische Propaganda angegriffen wurde. Und in Ägypten wurde es von der staatlichen Zeitung «al-Ahram» als die perfideste zionistische Propaganda attackiert. Das gleiche kleine Buch. Das ist ein gutes Zeichen, denn dies bedeutet, dass ich neuralgische Punkte getroffen habe. Wenn ich wegen meiner Texte irgendwo verboten werde und nicht mehr einreisen darf, dann kümmert mich das nicht.

Wirklich nicht?
Nein, wirklich nicht. Aber wissen Sie was: Ich bin je länger, je mehr auch im Westen de facto verboten. Nicht im deutschsprachigen Raum, da geht es mir vergleichsweise gut. Aber vor Jahren erschien ich in Frankreich noch in «Le Monde» oder im «Nouvel Observateur», sogar in den USA wurde ich in der «New York Times» wiederholt veröffentlicht. Jetzt bin ich de facto verboten.

Warum glauben Sie, dass Medien wie «Le Monde» und die «New York Times» auf Abstand zu Ihnen gegangen sind?
Weil ich die Leute nerve. Die liberalen Zentristen nehmen mich als Kommunisten wahr, und die Standard-Linken machen mir zum Vorwurf, dass ich politische Korrektheit und gewisse Trends im Feminismus kritisiere. Oder wie ich mit dem Problem der Migration umgehe: Ich finde nicht, dass wir die Flüchtlinge feiern sollten als arme Opfer und die Grenzen öffnen sollte. Ich lehne diesen simplizistischen humanitären Ansatz ab, weshalb ich von vielen Linken angegriffen werde. Ich bin auch ganz klar gegen einen linken Populismus. Das ist eine katastrophale Idee, mit der ich nicht einverstanden bin, weil sie nicht produktiv ist.

Warum ist diese Idee nicht produktiv?
Okay, das ist grauenhaft, es auszusprechen: Wenn wir über Populismus sprechen, dann bedeutet das immer noch – Podemos ist hier vielleicht das beste Beispiel –, wir müssten von grossen Ideologien Abstand nehmen und den gewöhnlichen Leuten zuhören, ihren Sorgen und Nöten. Aber ich glaube nicht, dass wir etwas lernen können, wenn wir normalen Leuten zuhören. Die sind genauso doof wie wir Theoretiker. Schauen Sie auf die aktuellen grossen Probleme, etwa die Migration. Wenn Sie gewöhnliche Leute fragen, wird die Mehrheit von denen wahrscheinlich sagen, werft die Migranten raus! Schauen wir uns die Klimadebatte an: Die Mehrheit der gewöhnlichen Leute verhält sich – zumindest bis jetzt – mehr oder wenig indifferent. Ich weiss, das ist eine sehr arrogante Position. Aber ich glaube, dass die meisten gewöhnlichen Leute nicht wissen, was sie wollen.

«Ich glaube auch nicht wirklich an die Demokratie, das klingt furchtbar, ich weiss. Aber ich glaube, dass den Leuten gesagt werden sollte, was sie ‹demokratisch› wollen.» Slavoj Žižek

Aber wenn die sogenannt einfachen Leute die Migranten rauswerfen wollen, dann wissen die doch, was sie wollen.
Nein, die wissen es eben gerade nicht, weil sie nicht wissen, was gut für sie ist. Und auch sonst wissen sie nicht, was sie wollen. Da bin ich ein Pessimist. Ich glaube auch nicht wirklich an die Demokratie, das klingt furchtbar, ich weiss. Aber ich glaube, dass den Leute gesagt werden sollte, was sie «demokratisch» wollen. Die meisten Leute wollen gar nicht wählen, die wollen einen impliziten Befehl, was sie wählen sollten. Ich werde jetzt langsam müde.

Was macht Sie so sicher, dass Ihre Perspektive des Theoretikers allen anderen überlegen ist?
Dafür gibt es keinen externen Beweis. Wenn ich Sie fragen würde, was macht Sie so sicher, dass Sex toll ist, dann würden Sie vielleicht sagen: Man muss es erlebt haben. Ich sage dasselbe: Wenn jemand meint, Theorie ist wertlos, dann ist meine Antwort: Sie sind ein Idiot, Sie wissen nicht, was Theorie ist. Man muss drin sein, um es zu wissen.

Ich muss selbst Theorie produzieren, um ihre Wirkung zu spüren?
Nein, man kann sie auch einfach lesen. Aber man muss drin sein. Da bin ich Optimist: Eine der schönsten Überraschungen meines Lebens war mein dickstes Buch «Weniger als nichts», das in der deutschen Übersetzung 1400 Seiten hat. Zunächst sagten die Verleger zu mir: Sind Sie verrückt, über tausend Seiten, wer wird das lesen? Aber dieses Buch verkaufte sich besser als viele meiner politischen Bücher mit geringerem Umfang. Ist das nicht wundervoll? Für mich bedeutet das: Unterschätzen Sie nicht das Publikum, es gibt immer noch eine ernst zu nehmende intellektuelle Öffentlichkeit. Es ist nicht so, dass alles Fake News oder Blabla ist.

Aber werden die Käufer all diese 1400 Seiten von «Weniger als nichts» lesen?
Selbstverständlich gibt es nur wenige, die sich einen Monat Zeit nehmen, um mein Buch von A bis Z zu lesen. Aber ich weiss, dass sich viele ein Kapitel auswählen und in der nächsten Woche dann ein weiteres. Man kann das Buch nicht nur linear lesen, denn so habe ich das Buch ja auch nicht geschrieben. Zugleich war mein Buch nie angesagt, nie in Mode. Und es ist ja auch keiner der grossen Klassiker wie Jürgen Habermas’ «Theorie des kommunikativen Handelns» oder John Rawls «Theorie der Gerechtigkeit», die beide sehr umfangreich sind und selbst von vielen Spezialisten nicht gelesen wurden, wie mir kürzlich einige Experten gestanden, die ich in New York traf. Das heisst, ich glaube nicht, dass mein Buch gekauft wurde, um es nicht zu lesen. Aber die Leute sind ein wenig fasziniert, deshalb wollen sie es haben.

Themes
ICO