Switzerland

«Ich bin immer nur so alt wie der Mann, mit dem ich schlafe»

Seit vierzig Jahren lebt Susanne Bartsch als Party-Königin im Chelsea Hotel in New York. Die Welt hat sich in dieser Zeit verändert. Doch Bartsch macht immer weiter. 

Susanne Bartsch im vergangenen Dezember an einer Party im One World Observatory in New York.

Susanne Bartsch im vergangenen Dezember an einer Party im One World Observatory in New York.

Jared Siskin / Patrick McMullan

Manches, was am Valentinstag beginnt, endet nie mehr. Susanne Bartsch weiss das. Aber in ihrem Fall ist nicht die Rede von der Liebe, auch wenn sie sagt, bei ihr sei immer die Liebe schuld. Doch diese ging vorbei, das Leben, das damals begann, blieb. «Ich kam 1981 am Valentinstag aus London nach New York, mit einem Künstler, der hier im Chelsea Hotel lebte. Als er sich von mir trennte, hat er mir die Wohnung geschenkt, und hier blieb ich.»

Susanne Bartsch ist eine schmale, alterslose Frau. Sie trägt eine grosse Katzensonnenbrille und ein filigranes Kleid und sitzt auf einem rostfarbenen Sofa in ihrer Wohnung. Bartsch gilt seit etwa dreissig Jahren in New York als Königin der Nacht, als Schutzpatronin der LGBTQ-Gemeinde, Ikone der Halbwelt und Celebrity der haute mondeSusanne Bartsch, Schweizerin aus Bäretswil, Party-Königin von New York. Man nennt sie auch «Mutter Teresa im G-String».

Manche Menschen leben eben im Hotel. Im «Ritz» wie Coco Chanel oder im Hotel Elysee wie Tennessee Williams. Oscar Wilde verbrachte seine letzten Jahre im L’Hôtel in Paris, und Janis Joplin starb im Landmark ­Motor Hotel, das immer wieder längere Zeit ihr Zuhause war. Bis heute lebt Bartsch in den oberen Etagen des Chelsea, in dem das Who’s who des Showbiz logiert. Für Bartsch ist das alles einfach so über sie gekommen, ganz organisch, sie selbst sei ja organisch, ein wundersames Gewächs, das irgendwie wachse.

Dürrenmatt sagte einmal, das Dorf sei ein Kosmos. Andersherum formuliert: Wie viel Bäretswil steckt noch in der Party-Göttin? Bartsch lehnt sich zurück und rückt sachte die Sonnenbrille zurecht. «Ja, das ist so eine Sache. Ich komme aus dem Land der Uhren. Als ich klein war, war das Leben in der Schweiz sehr getaktet, umzäunt. Meine Kindheit war behütet. Um herauszufinden, wer ich war, durfte ich mich keinen Mustern und Erwartungen fügen, sondern musste gehen.»

Die Eltern, gutbürgerlich und streng katholisch, liessen Bartsch ziehen. Mit 17 Jahren ging sie als Au-pair nach London und arbeitete zeitweise im Swiss Institute, wo sie im roten Minikleid Emmentaler schnitt. In New York begann Bartsch mit einem Modegeschäft in Soho und brachte den Post-Punk aus Europa in die Stadt, ein damals unerhört neuer Stil. Und wer nicht alles in ihren Laden gekommen sei, erinnert sich Bartsch: alle, von John Galliano bis Vivienne Westwood.

Bartsch sagt von sich, sie könne zwar weder singen noch tanzen, aber die Bühne habe sie immer geliebt. Also hat sie die Mode sein lassen und begonnen, extravagante Partys zu schmeissen, in glitzriger Tischbombenästhetik, mit vielen Kleidern und mit viel Queer. Auf die Partys kamen Keith Haring, Madonna, Cindy Crawford. Immer noch kämen die Celebritys von heute an ihre Anlässe. Bartsch weist mit unbestimmter Geste gen das Häusermeer: «Ich kenne sie alle.» Ihre erste Party fand im Savage Club des Chelsea Hotel statt, in den frühen 1980ern feierte sie einmal pro Monat im Copacabana Hotel, noch heute feiere sie die ikonischsten Feste in Manhattan: Bartschland Follies, zu Halloween im oberen Stock des Standard Hotel, Partys im MoMA PS1.

Bartsch brachte die Karriere des Travestiestars Rupaul auf den Weg sowie jene des Mega-Pin-ups Amanda Lepore. Ihr Love Ball machte das Voguing salonfähig, eine im LGBT-Underground in Harlem entstandene Tanztechnik. Der Anlass für den Love Ball war düster. Bartsch gründete ihn in den frühen Jahren als Benefiz-Party für die Opfer der Aids-Krise. Viele, die starben, waren Freunde von Bartsch. «Ich habe so viele Namen aus meinem Adressbuch streichen müssen damals, wöchentlich, manchmal täglich. Es war die schwerste Zeit meines Lebens.»

Mitte der 1990er Jahre heiratete Bartsch Bodybuilder und Fitnessguru David Barton in einer von «Playboy» organisierten Zeremonie. Bartsch trug einen Bodysuit in Nacktoptik und stand unter einem Ei aus Gaze, ihr Mann trug nichts ausser einen G-String. «Viele träumen von weisser Heirat. Das war nicht mein Traum. Es war auch nicht mein Traum, zu heiraten. It was just me living life. Und es war perfekt.» Jetzt gerade seien sie und Barton getrennt, er sei ausgezogen, das sei er schon einmal.

Derzeit wird im Chelsea Hotel renoviert, draussen im Gang wehen Planen, durch die Wände dringt Bohrerbrummen. «Es ist fürchterlich. Wirklich unzumutbar.» Bartsch steht in der Küche und wartet, bis das Teewasser kocht. «Noch nicht mal die Heizung funktioniert, vernünftig kochen kann ich auch nicht, ausser auf denen da» – und weist abfällig auf eine Elektrodoppelherdplatte.

Eine kochende Party-Queen? «Mir passieren die Dinge einfach. Dass ich mal heirate und ein Kind bekommen würde, hätte ich niemals gedacht.» Nach kurzer Pause: «Als das, was ich bin, lebte ich in der Nacht. Aber als Mutter koche ich. Auch wenn ich noch so müde war und erst um vier in der Früh ins Bett ging, für meinen Sohn bin ich immer aufgestanden, habe ihm Frühstück gemacht, habe ihn angezogen, bin mit ihm zur Schule gegangen. Der Tag gehörte meinem Sohn.»

1994 organisierte Bartsch zusammen mit «Playboy»-Herausgeber Hugh Hefner das «Hoppening», in Hasenkostüme gekleidete Männer tanzten auf einer Benefiz-Veranstaltung. Was als Underground und unerhörte Transgression begann, ist heute normaler geworden: Man kann sich frank und frei geben, Identitäten sind fluide und alles andere als umzäunt, Menschen, die auf Bartschs Feste kommen, entstammen dem gesamten Spektrum möglicher sexueller Zuschreibungen.

Bartschs Partys sind meist öffentlich per Ticketkauf zu besuchen, oft aber auch von der High Society privat gebucht. Es sind Hybride aus Burleske, Peepshow und dem Kabarett der Gründerzeit, versetzt mit Cross-Dressing. Im Zuschauerraum sitzen in Paillettenkleider oder dunkle Garderobe gekleidete Gäste an runden Tischen, an die enggekleidete Kellner bzw. Kellnerinnen, deren Geschlecht nicht immer ganz auszumachen ist, Drinks bringen.

Eine Nacht im MacKittrick Hotel. Bartsch trägt heute einen cyborgartigen hautengen Quecksilberanzug und ihre berühmten fedrig-langen Kunstwimpern, die sie für den Kosmetikgiganten Mac entwarf. Sie sagt: «Manchmal ist mir nach französischem Revolutionssoldaten, um Weihnachten herum möchte ich einen grossen Zinnsoldatenhut tragen.» Auf ihren Partys nimmt Bartsch meist die Rolle der Conferencière ein und führt durch das Bühnenprogramm, mit rauchiger Stimme, darin Reste eines warmen Schweizer Akzents, der klingt wie sanft fallende Holzspäne.

2017 stellte das Fashion Institute of Technology eine Retrospektive ihrer Outfits aus, die sie über die Jahre getragen hatte, es sind wahre Kunstwerke auf der Schwelle zum Camp: bombastisch, extravagant, in flamboyante Kleider übersetzte Lebensfreude. Bartsch differenziert an sich drei Looks: «den Tages-Drag, das sind Make-up und schöne Kleider, den Halb-Drag für tolle Restaurants oder die Oper, dann kommen Hüte dazu oder eine Perücke. Der Full-Drag ist von Kopf bis Fuss und für die Nacht.»

Brustwarzentroddel, Pelzboa, Lametta – auf Susanne Bartschs Partys gibt es sie noch. Ihre Darsteller sind Teil einer Bühnenmaschinerie aus tülligen Kleidern und Wagenladungen voller Schminke. Bewerber für ihre Entourage fragt Bartsch jeweils: «Bist du lustig, interessant, machst du die Nacht zu etwas Besonderem?» Der Erfolg von Susanne Bartsch liegt in der besonderen Kombination von Talent und Offenheit: «Mit mir können die Menschen das sein, was sie sein wollen. Sie können ihre Kunst leben. Frei und sie selbst sein, und wenn es nur für ein paar Stunden ist. Ich urteile nicht. Habe es nie.»

Ob sie selbst das Nachtleben manchmal satthabe? «Es passiert, dass ich zu Hause faul bin, denke: Uff, nun nochmals rausgehen. Sobald ich dann aber im Klub oder auf der Bühne stehe, ist das alles wie verflogen.» Zwar wirken ihre Partys heute manchmal altertümlich, fast schon aus der Zeit gefallen. Aber Bartsch macht weiter. «Ich liebe es, Menschen an einem Ort zusammenzubringen, an dem sie sie selbst sein können. Die virtuelle Welt, die sozialen Netzwerke sind hierfür nicht geeignet, dort sind die Menschen isoliert und immer das, was sie nicht sind.» Die 1980er Jahre schwingen auch in Bartschs Erscheinung mit, Schulterpolster, getürmte Frisuren, enge Glittertaille.

Über ihr Alter spricht Bartsch nicht: «Ich bin immer nur so alt wie der Mann, mit dem ich schlafe.»