Switzerland

«Ich bin einfach nur kreativ»

Ruedi Schertenleib (69) ist noch nie auf einem Pferd gesessen. Trotzdem hat er eine spezielle Beziehung zu diesen Tieren. «Mein Grossvater hatte in Thun eine Fuhrhalterei und machte Transporte mit Pferd und Wagen», erklärt er seine Faszination. Im Museum im Dorfschulhaus in Wattenwil zeigt Schertenleib, wie er dieses Motiv künstlerisch umsetzt.

Raum für die Ortsgeschichte

Im zweiten Raum des Museums im Dorfschulhaus erwartet die Besucherinnen und Besucher das Resultat der rund halbjährigen Denkpause, die sich die Betreiber des Museums verordnet haben. «Unser Museum hiess anfangs Ortsmuseum. Doch dieser Name sorgte oft für Missverständnisse, weil wir gar keinen Fundus mit historischen Gegenständen aus Wattenwil besitzen», sagt Anton Bähler, Präsident der Fred-und-Cécile-­Zimmermann-Stiftung, die die Gründung des Museums überhaupt erst möglich machte.

Deshalb wurde es in «Museum im Dorfschulhaus» umbenannt. Dieser Name wird zwar beibehalten, doch inhaltlich macht das Museum einen Schritt zurück zu seinem ursprünglichen Namen. «Wir werden künftig zu bestimmten Themen alte Alltagsgegenstände zeigen, die in einer Beziehung zu Wattenwil stehen», führt Bähler weiter aus. Dabei handelt es sich mehrheitlich um Leihgaben, die nach der Ausstellung wieder zu ihren Besitzern zurückgehen. Gegenwärtig lautet das Thema Waagen. Im Mittelpunkt steht eine Heuwaage von 1797, die das Museum als Schenkung erhalten hat.

Daneben bauen die Museumsbetreiber eine Bibliothek mit Büchern auf, die sich um die Gemeinde im oberen Gürbetal drehen. Auch eine Sitzgruppe mit antiken Möbeln haben die Betreiber eingerichtet, auf der sich die Besucher zum Lesen, Diskutieren und Kaffeetrinken niederlassen können. An den Wänden hangen Bilder des Wattenwiler Malers Adolf Krebs (1900–1965), für welche das Museum überhaupt gegründet worden ist.

Die Ausstellung dauert vom 26. Januar bis 28. Juni. Öffnungszeiten: jeden Sonntag von 14 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung. Vernissage am 26. Januar ab 11 Uhr. www.museum-wattenwil.ch

Auf seinen Streifzügen durch Bachbette und Wälder sucht er sich Steine, die er später in seinem Atelier an der Burgstrasse in Thun zusammenfügt – ohne sie in irgendeiner Weise zu bearbeiten, in minutiöser, stundenlanger Arbeit, bei der er die Zeit vergisst. Zuerst mit Heissleim, später mit Zweikomponentenkleber. Aber nicht nur Pferde haben es ihm angetan: Vögel, Katzen, Elefanten, Nashörner… eine ganze Menagerie erwartet die Besucherinnen und Besucher des Museums.

Auch Menschen – einzeln oder in Gruppen – sind anzutreffen ­sowie Fantasiefiguren. Doch Schertenleib lässt es bei den ­Steinen nicht bewenden. Auch Schwemmholz, Alteisen und Fragmente von zerschlagenen Gussröhren kommen zum Einsatz; zudem stellt er Figuren aus, die er aus einem Stück geschmiedet hat.

Am Feuer in der Esse

Als junger Mann absolvierte Ruedi Schertenleib eine Lehre im grafischen Gewerbe und besuchte während vier Jahren die Kunstgewerbeschule in Bern. Trotz Freude am grafischen Beruf zog es ihn wieder zum Handwerk zurück. Sein Vater führte selbstständig die Schlosserei Schertenleib an der Burgstrasse, und da der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, machte er zusätzlich die Ausbildung zum Metallbau-Schlosser und besuchte verschiedene Kunstschmiedekurse. «Beim Schmieden am offenen Feuer an der Esse war ich in meinem Element!»

Schlaflose Nacht

Doch auch die Liebe zu Papier, Pinsel und Farben blieb ihm erhalten, und so finden sich in der Ausstellung im Dorfschulhaus auch mehrere Gemälde von Ruedi Schertenleib. Der sechsfache Grossvater, der seit kurzem mit seiner Frau in Wattenwil wohnt, sieht sich selber nicht als Künstler. «Ich bin einfach nur kreativ», betont er.

Ausserordentlich kreativ wäre wohl genauer: Sein Atelier an der Burgstrasse ist gerammelt voll mit seinen Plastiken, denn Schertenleib hatte in seinem Schaffen niemals kommerzielle Gedanken im Hinterkopf. Dass er sich von seinen Werken höchst ungern trennt, gibt er unumwunden zu. «Wenn mir jemand etwas abkaufen will, sage ich meistens: Wenn es Ihnen eine schlaflose Nacht bereitet, melden Sie sich wieder bei mir.»