Switzerland

Hundertjährige erzählen, wie man mit Freude altert

Samiha Shafy, Sie und Ihr Mann Klaus Brinkbäumer wollten herausfinden, wie man lange und glücklich lebt. Waren die fünfzig Hundertjährigen, die Sie befragt haben, zufrieden mit ihrem Leben?
O ja, wir waren überrascht, wie zufrieden, dankbar und optimistisch die meisten Hundertjährigen waren. Viele waren durchaus stolz auf ihr hohes Alter, natürlich auch auf ihre Kinder, Enkel und Urenkel.

Gab es keine Klagen über Gebrechen und Krankheiten?
Erstaunlicherweise nur wenig. Obwohl die Hundertjährigen teilweise massiv körperlich eingeschränkt waren, jammerten sie nicht. Was das angeht, können wir alle von ihnen lernen. Viele der heute Hundertjährigen haben den Zweiten Weltkrieg miterlebt und sind in Armut und mit vielen Entbehrungen aufgewachsen. Wahrscheinlich haben diese Erfahrungen dazu geführt, dass sie zu schätzen wissen, was sie haben. Eine Dame auf den Seychellen hat das schön ausgedrückt: «Wenn ich Brot habe, sage ich: ‹Danke, Gott.› Und wenn ich kein Brot habe, sage ich auch: ‹Danke, Gott.›»


«Ich bete jeden Abend zu Gott»: Alda Philo, Seychellen. Foto: PD

Könnte es sein, dass Menschen mit dem Alter zufriedener werden, oder erreichen umgekehrt zufriedene Menschen eher ein hohes Alter?
Das ist eine spannende Frage, welche die Altersforschung beschäftigt. Ich habe dazu einen Wissenschaftler in New York interviewt. Er vertrat zunächst die These, dass zufriedene Menschen eher alt werden. Denn alle Hundertjährigen, die er traf, wirkten auf ihn unglaublich fröhlich und charmant. Doch nach einem Gespräch mit einem 104-Jährigen wurde seine Theorie erschüttert. Auf dem Weg zur Tür begegnete er dem rund 80-jährigen Sohn des Interviewten und sagte zu ihm: «Ihr Vater ist der wunderbarste Mensch, den ich je getroffen habe.» Der Sohn antwortete: «Sie hätten den Dreckskerl mal erleben sollen, als er in meinem Alter war.» Diese Anekdote illustriert, wie sich die Persönlichkeit auch im hohen Alter noch verändern kann. Im Idealfall wird man mit den Jahren wirklich zufriedener, optimistischer und weiser.

Wer ein hohes Alter erreicht, überlebt oft seine Angehörigen. Wie einsam sind die Hundertjährigen?
Einsamkeit ist in der Altersforschung ein wichtiges Thema. Viele Wissenschaftler haben uns gesagt: Einsamkeit tötet. Verblüffenderweise waren die meisten Hundertjährigen, die wir getroffen haben, nicht einsam. Obwohl viele ihrer Familienangehörigen und Freunde längst gestorben waren, teilweise sogar die eigenen Kinder. Aber unsere Hundertjährigen haben es geschafft, noch im Alter neue Freundschaften zu knüpfen. Und sie haben die Beziehungen zu ihren Kindern, Enkeln oder Urenkeln gepflegt.

Eine Erkenntnis in Ihrem Buch besagt: Gelingende Beziehungen sind elementar für ein langes, gesundes Leben.
Das haben uns Forscher auf der ganzen Welt bestätigt, und die Hundertjährigen haben es vorgelebt. Eine der wichtigsten Lektionen unseres Buches ist: Pflegt eure Beziehungen! Das bedeutet nicht, dass wir verheiratet sein und viele Kinder haben müssen. Es geht darum, Bindungen zu anderen Menschen einzugehen und diese aufrechtzuerhalten.

Das gelingt einigen besser als anderen und hat auch mit den Bindungserfahrungen in der Kindheit zu tun. Was raten Sie Leuten, denen es nicht so leichtfällt, Beziehungen einzugehen und zu halten?
Natürlich haben nicht alle Menschen das gleiche Bedürfnis nach Bindungen und Nähe. Solange man sich nicht einsam fühlt, ist alles in Ordnung. Ansonsten wäre mein Rat: vor die Tür gehen, offen und neugierig sein, sich ehrlich für andere interessieren.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Hundertjährige nach ihren Lebensweisheiten zu fragen?
Mein Mann Klaus und ich haben vor rund zehn Jahren unabhängig voneinander in New York sehr alte Menschen getroffen. Er interviewte eine ehemalige deutsche Hochspringerin namens Gretel Bergmann, die 1936 nicht an den Olympischen Spielen in Deutschland starten durfte, weil sie Jüdin war. Er war beeindruckt von ihrer Lebensgeschichte, vor allem aber von ihrer Stärke und Präsenz. Zur gleichen Zeit habe ich für eine Wissenschaftsreportage drei Geschwister in New York getroffen, die alle über hundert Jahre alt waren. Ich war verblüfft darüber, wie viel Energie und Lebenslust diese drei noch hatten. Dann sassen Klaus und ich eines Abends bei einem Konzert in der New Yorker Carnegie Hall und hörten ein neues Werk von Elliott Carter, einem berühmten Komponisten. Am Ende tapste ein vergnügter, alter Mann auf die Bühne – der Komponist persönlich, an jenem Abend exakt hundert Jahre alt. Wir erfuhren später, dass er den grössten Teil seines Werkes mit über achtzig Jahren geschrieben hatte. Spätestens da war unsere Neugier geweckt: Wie ist es möglich, so alt zu werden und dabei noch so viel Lebenskraft zu besitzen?

«Viele waren überzeugt, es sei Gottes Wille, dass sie so alt geworden seien.»

Sie und Ihr Mann haben diese Frage Hundertjährigen auf der ganzen Welt gestellt. Wie unterschiedlich fielen die Antworten aus?
Es gab ungefähr so viele Rezepte wie Hundertjährige. Eindrücklich waren die besagten Geschwister Kahn aus New York. Helen, die älteste, war 108, als ich sie traf. Sie hatte 85 Jahre lang geraucht, trank Cocktails und ass gerne Schokolade und kurz angebratene Steaks. Sie gab mir den Rat, das Leben einfach zu geniessen. Ihr kleiner Bruder Irving, damals 105, sagte mir: «Hören Sie nicht auf meine Schwester.» Er selbst esse viel Gemüse und Früchte, habe sich ein Leben lang viel an der frischen Luft bewegt, viel gearbeitet und immer Neues gelernt. Das war sein Rezept für ein langes, gutes Leben.

Und der jüngste Bruder?
Peter, das hundertjährige Nesthäkchen, antwortete, er habe keinen Schimmer, warum er so alt geworden sei. Er habe normal gelebt und nie gross über sein Alter nachgedacht.

Gab es auch Übereinstimmungen in den Antworten der Hundertjährigen?
Ja. Religion etwa spielt bei dieser Generation eine grosse Rolle. Viele waren überzeugt, es sei Gottes Wille, dass sie so alt geworden seien. Eine Frau auf Sardinien beschwor uns: «Geht jeden Sonntag in die Kirche, versprecht es mir, dann werdet ihr auch hundert.»

In Ihrem Buch kommen Sie aber nicht zum Schluss, dass es der Glaube ist, der das Leben verlängert.
Letztlich ist das wohl, nun ja, Glaubenssache. Wissenschaftler haben Regionen auf der Welt untersucht, in denen die Leute aussergewöhnlich alt werden. Eine dieser Regionen ist das kalifornische Loma Linda, wo rund ein Drittel der Bevölkerung der protestantischen Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten angehört. Die Forscher haben herausgefunden, dass die Adventisten dort im Schnitt zehn Jahre älter werden als durchschnittliche Amerikaner. Die wissenschaftliche Erklärung dafür ist, dass sie aufgrund ihrer Religion gesünder leben. Sie bewegen sich regelmässig, trinken keinen Alkohol und keinen Kaffee, rauchen nicht, ernähren sich bevorzugt vegetarisch, mit viel Gemüse und Vollkorn, und nehmen wenig Zucker zu sich. Ausserdem verbindet die Religion die Adventisten miteinander und gibt ihnen einen Sinn, was womöglich ebenfalls zu einem längeren Leben beiträgt.


«Man sollte sündigen, aber nicht zu viel»: Walter Diethelm aus Siebnen im Kanton Schwyz sprach mit Samiha Shafy. Foto: PD

Essen Sie seit Ihrer Recherche anders?
Ich habe meine Ernährung nicht gross umgestellt. Aber ich habe angefangen, jeden Tag eine Handvoll Nüsse zu essen. Mehrere Studien zeigen, dass Nüsse das Leben um durchschnittlich drei Jahre verlängern können. Sie verringern das Schlaganfall- und das Herzinfarktrisiko und helfen, den Blutzuckerspiegel zu stabilisieren. Nach wie vor esse ich gerne ab und zu ein gutes Steak, ohne schlechtes Gewissen. Denn das ist auch eine Erkenntnis: Geniesse das Leben. Es geht um die richtige Balance zwischen Vernunft und Genuss. Oder wie es der hundertjährige Walter Diethelm aus Siebnen im Kanton Schwyz formuliert hat: «Man sollte sündigen, aber nicht zu viel.»

Sie haben auch noch andere Hundertjährige in der Schweiz besucht. Etwa die Baslerin Hilde Hefti ...
Hilde Hefti haben wir sogar dreimal besucht, weil mein Mann und ich so beeindruckt waren von ihrer originellen und liebenswürdigen Art. Aber es war schwierig, sie zu interviewen. Sie hat unsere Fragen weitgehend ignoriert und das erzählt, was sie erzählen wollte.

Doch Sie haben trotzdem Antworten auf Ihre Fragen gefunden.
Ja, Hilde Heftis Rezept lautet: Liebe dich selbst, sei dankbar für das Leben, und lasse auch schwierige Gefühle zu. Sie hat uns einen guten Trick verraten, wie sie das macht: Sie schreibt alles Negative und Traurige auf Zettelchen und steckt diese in einen kleinen Weidenkorb mit Deckel. Dann verschliesst sie den Korb. Damit ist das Unangenehme weggepackt und erledigt. Und sie hat uns noch etwas verraten: Sie tanzt jede Nacht von Mitternacht bis zwei Uhr morgens in ihrem Wohnzimmer. Das ist ihre Leidenschaft, das hält sie am Leben.


«Versuche täglich, dein Leben zu lieben, so, wie es eben ist»: Hilde Hefti aus Riehen, Schweiz. Foto: PD

In Ihrem Buch wird deutlich, wie wichtig es ist, im Leben solche Leidenschaften zu haben.
In Japan, wo wir auch Hundertjährige besucht haben, nennen die Menschen diesen Sinn des Lebens, diese Leidenschaft, für die es sich zu leben lohnt, «ikigai». Für meinen Mann beispielsweise ist es neben dem Schreiben das Segeln. Wenn er segelt, ist er ganz bei sich und glücklich.

Und was ist Ihr «ikigai»?
Für mich ist es Schreiben und Ballett. Ich tanze zwar nicht besonders gut, aber wahnsinnig gern. Und ich hoffe, dass ich das noch lange tun kann. Es ist entscheidend, dass man auch im Alter noch eine Beschäftigung hat, die einen erfüllt. Und dass man ausserdem das Gefühl hat, gebraucht zu werden. Das ist ein Problem unserer Gesellschaft: dass sich viele nach der Pensionierung überflüssig vorkommen und vereinsamen. Sie verlieren das Umfeld und den Sinn. Deshalb sollten wir vermehrt darüber nachdenken, wie man ältere Menschen besser integrieren kann.

Wie stellen Sie sich Ihr Leben im Alter vor?
So, wie der Titel des Buches es verspricht: Ich möchte am Ende meines Lebens möglichst klug, lustig, gesund und glücklich sein. So wie die Hundertjährigen, die wir getroffen haben. Um das zu erreichen, muss man in der Gegenwart möglichst so leben, wie man wirklich leben will.

Wie hat sich Ihr Denken verändert seit der Recherche?
Mein Bewusstsein für die Vergänglichkeit wurde durch das Buch geschärft. Viele Hundertjährige haben uns gesagt: «Nutzt die Zeit, denn sie rast.»

Gibt es Dinge, die die Hundertjährigen bereuen?
In dieser Frage gab es klare Geschlechtsunterschiede. Fast alle Frauen bereuten, dass sie nicht lange genug zur Schule gegangen waren. Sie seien zu kurz gekommen, hätten die eigenen Wünsche nicht mutig genug verfolgt. Es habe ihnen nicht gereicht, sich nur um die Familie zu kümmern. Eine Hundertjährige sagte, sie wäre gerne Seemann geworden. Obwohl sie in Sardinien lebt, hat sie nur einmal im Leben das Meer gesehen.


«Ich liebe meine Kinder. Aber ich hätte viel mehr Zeit mit ihnen verbringen sollen, sehr viel mehr Zeit»: Roger Angell, USA. Foto: PD

Und die Männer?
Die sagten übereinstimmend, sie hätten zu viel gearbeitet, sich zu wenig um die Familie gekümmert, sie hätten verpasst, wie ihre Kinder gross wurden. Nun bereuen sie, dass sie zu ihren Kindern keine enge Bindung haben.

Was glauben Sie, wie unsere Generation auf diese Frage einst antworten wird?
Nicht mehr ganz so eindeutig nach Geschlecht sortiert, hoffe ich.

Sie hatten intensive und berührende Gespräche mit den Hundertjährigen. Einige leben inzwischen nicht mehr.
Das bringt das Thema leider mit sich. Uns war es wichtig, das Buch schnell fertig zu schreiben, damit unsere Heldinnen und Helden es noch in den Händen halten können. Ist man über hundert, ist jeder Tag ein Geschenk. Viele der Interviewten leben noch und haben sich über das Buch gefreut. Aber wir haben auch Todesnachrichten von Angehörigen bekommen. Wir waren jedes Mal sehr traurig. Wir haben die Hundertjährigen in unser Herz geschlossen und sind ihnen dankbar dafür, dass sie ihre Weisheit mit uns geteilt haben.

(Schweizer Familie)

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