Switzerland

Horrorunfall auf der Oberlandautobahn: Auto schlittert nach Kollision mit Raser 100 Meter auf dem Dach über den Asphalt

Ein schleudernder BMW rammt einen korrekt fahrenden Familienvan. Die Physik überführt den ungeständigen Strassenrowdy, das Obergericht verurteilt ihn zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten.

Das Wrack des 560 PS starken BMW auf der Oberlandautobahn bei Rüti.

Das Wrack des 560 PS starken BMW auf der Oberlandautobahn bei Rüti.

Kantonspolizei Zürich

Ein Automobilist ist mit normaler Geschwindigkeit auf der Autobahn unterwegs. Urplötzlich schleudert ein BMW gegen das Heck seines Familienwagens. Dieser überschlägt sich und schlittert auf dem Dach fast 100 Meter weit über die Fahrbahn. Der Lenker hängt kopfüber in den Gurten und ist sich sicher, dass sein letztes Stündchen geschlagen hat.

Ein 48-jähriger Lenker eines VW Sharan musste diesen Albtraum an einem Abend im September 2015 real durchleben. Er ist auf der Oberlandautobahn 53 Richtung Hinwil unterwegs, als der Fahrer eines BMW M6 auf der Einfahrt Rüti wenige Meter rechts hinter ihm Vollgas gibt, um den korrekt fahrenden Minivan auf dem Beschleunigungsstreifen rechts zu überholen und dann vor diesem auf die Fahrbahn einzuschwenken.

Stabilitätskontrolle ausgeschaltet

Um die 560 Pferdestärken seines erst drei Wochen zuvor geleasten Boliden mit einem Neuwert von weit über 100 000 Franken auszureizen, hatte der damals 26-jährige Bauhandwerker laut Staatsanwaltschaft das elektronische Stabilitätsprogramm ausgeschaltet und einen für die Rennstrecke vorgesehenen Antriebsmodus aktiviert. Allerdings erwies sich das Beschleunigungsvermögen des Autos als sehr viel überzeugender als das fahrerische Talent seines Lenkers.

Der schwarze BMW brach nach links aus, fegte den 48-jährigen VW-Fahrer mit seinem Wagen von der Fahrbahn und prallte danach gegen die Mittelleitplanke. Glücklicherweise handelte es sich bei dem VW um ein relativ massiges Auto, so dass dessen Lenker den Rammstoss und die anschliessende Dachschlitterpartie mit lediglich leichten körperlichen Verletzungen überstand. Allerdings leidet er seit diesem Unfall vor mehr als vier Jahren unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Der BMW-Pilot und dessen Bruder auf dem Beifahrersitz wurden gleichfalls nur leicht verletzt.

Nach langwierigen Auswertungen der Bordelektronik und der Unfall- und Reifenspuren verurteilte die Vorinstanz den Raser Ende November 2018 wegen qualifiziert grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 15 Monaten. Die Staatsanwaltschaft hatte 16 Monate gefordert. Gegen dieses Urteil legte der Beschuldigte Berufung ein.

Geheimnisvoller dritter Wagen

Im zweitinstanzlichen Prozess vom 28. Januar 2020 vor dem Zürcher Obergericht beharrt der balkanstämmige Schweizer aus dem Zürcher Oberland auf seiner schon in Hinwil vorgebrachten Version des Unfallhergangs: Er habe ganz normal von der Einfahrt nach links auf die Normalspur wechseln wollen.

Dann aber sei wie aus dem Nichts ein sehr schnell fahrendes schwarzes Auto mit Heckspoiler links neben ihm aufgetaucht. Um einen Zusammenstoss zu vermeiden, habe er abrupte Lenkbewegungen machen und Gas geben müssen. Dabei sei der BMW ins Schleudern geraten und gegen den VW Sharan geprallt.

Der VW Sharan überschlug sich infolge der Wucht der Kollision.

Der VW Sharan überschlug sich infolge der Wucht der Kollision.

Kantonspolizei Zürich

Laut dem Verteidiger sprachen auch Zeugen der Kollision von einem schwarzen Auto, das sich am Unfallort um 180 Grad gedreht habe. Dessen Lenker habe darauf gewendet und sei mit Vollgas weggefahren. Diese entlastenden Aussagen seien vom Bezirksgericht Hinwil aber schlichtweg ignoriert worden, und es sei auch keine entsprechende Untersuchung eingeleitet worden, moniert der Advokat.

Der von einem Unbekannten abgedrängte BMW-Fahrer soll laut seinem Anwalt nicht aus Freude an der Geschwindigkeit Vollgas gegeben und den Wagen zurück nach links gerissen haben, sondern um nicht gegen die Leitplanke zu prallen. Die Reifenspuren an der Unfallstelle seien durch das Schleudern verursacht worden, nicht durch unkontrolliert durchdrehende Antriebsräder.

Freude am Design, nicht am Motor

Sein Mandant habe nicht einmal gewusst, wie man das elektronische Stabilitätsprogramm deaktiviere, betont der Verteidiger. Er habe den BMW nämlich angeschafft, weil ihn dessen schnittiges Design seit der Kindheit mächtig fasziniert habe; die Motorleistung des Autos dagegen habe ihn stets kaltgelassen. Und dass der Mann kein Raser sei, belege im Übrigen auch sein tadelloser automobilistischer Leumund. Obschon der junge Mann den Fahrausweis zum Zeitpunkt des Unfalls bereits seit sieben Jahren besessen habe, sei er nämlich noch nie wegen eines Verstosses gegen das Strassenverkehrsgesetz aufgefallen.

Der Beschuldigte selber beteuert, dass er nur mit 80 bis 100 km/h unterwegs gewesen sei, als er dem schwarzen Wagen mit Heckspoiler habe ausweichen müssen. Auf die Frage des Gerichtsvorsitzenden, weshalb denn am Unfallort überhaupt keine Schleuderspuren gefunden worden seien, weiss er allerdings keine Antwort.

In seinem Schlusswort betont der BMW-Fahrer wortreich, dass er ein ordentliches Leben führe, wie dies ein Schweizer Bürger tun solle, auch wenn er «eine andere Herkunft» habe. Er habe eine Lehre absolviert und den Militärdienst geleistet. Und der Unfall habe sich exakt so zugetragen wie von ihm geschildert. «Es wurden gewisse Aussagen gemacht, die ich nicht verstehe, und vielleicht muss ich sie auch nicht verstehen. Aber es geht hier um meine Existenz.»

Die Physik lügt nicht

Davon lässt sich das Gericht jedoch weniger beeindrucken als von den Erkenntnissen der Experten. Diese belegen, dass der Unfallverursacher mit ausgeschalteter Stabilitätskontrolle Gas gegeben hatte. Und die am Tatort analysierten Reifenspuren stammten keineswegs vom unkontrollierten Schleudern, sondern von einem Beschleunigungsvorgang, bei dem die Antriebsräder des Hochleistungsboliden unkontrolliert durchdrehten.

Ausserdem stellten die Fachleute fest, dass der Unfallverursacher zum Zeitpunkt der Kollision den Tachometer bereits auf 130 km/h hochgejagt hatte, während sein Opfer mit 115 km/h auf der Normalspur unterwegs war. Die Physik lügt nicht, und deshalb bestätigt das Obergericht gemäss dem dieser Tage veröffentlichten Urteilsdispositiv den Schuldspruch der Vorinstanz samt Strafmass. 

Diese Verurteilung dürfte den BMW-Piloten tatsächlich in Teufels Küche bringen. Er ist in seinem Beruf nämlich auf den Fahrausweis angewiesen, und diesen wird ihm das Strassenverkehrsamt nun für längere Zeit entziehen. Ausserdem dürfte die Versicherung Regress nehmen und den demolierten Kindheitstraum eines Buben aus Kosovo zum Albtraum nicht nur für das traumatisierte Opfer, sondern auch für den Täter machen.

Urteil SB190253 vom 28. 1. 2020; noch nicht rechtskräftig.