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Hockey-WM und das Problem der Schweizer: Maulhelden in der Komfortzone

NLA-Trikotnummern, die nicht mehr vergeben werden

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NLA-Trikotnummern, die nicht mehr vergeben werden

quelle: keystone / fabrice coffrini

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Heute oder sonst spätestens am Sonntag ist auf Jahre hinaus Hockey-Sendeschluss beim Schweizer Fernsehen: Keine Live-Spiele mehr aus Ambri, Zürich oder Zug. Nicht einmal mehr Zusammenfassungen während der Saison. Die grösste Zäsur in der Mediengeschichte unseres Hockeys (seit 1908).

Ach, waren das schöne Zeiten, die nun definitiv spätestens am Sonntag zu Ende gehen werden. Wir sind verwöhnt worden. Einerseits haben uns die kecken Macher von MySports das Hockey frisch und kompetent in die Wohnstube gebracht. Wofür wir allerdings zahlen müssen. Mit Experten, die nahe dran sind, sowie souveränen Moderatoren und guten Kommentatoren. TV-Macher, die wissen, dass Sport eben auch Unterhaltung ist. Und die uns spüren lassen, dass Hockey und das Fernsehmachen ihre Leidenschaft ist.

Roman Josi wird nicht an der Hockey-WM mit dabei sein.

Roman Josi wird nicht an der Hockey-WM mit dabei sein.Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Roman Josi kommt nicht – na und? Der Weg in den Viertelfinal ist so einfach wie noch nie. Ob es in Helsinki schliesslich für eine Medaille reicht, hängt nicht von der Präsenz des NHL-Stars ab.

Roman Josi kommt also nicht nach Helsinki. Seine Frau erwartet das zweite Kind. Die Familie ist wichtiger als die WM. Spielt die Absenz des besten Spielers der Geschichte eine Rolle? Nein.

Nun können wir sagen: Diese Argumentation ist reichlich arrogant. Die Nationalmannschaft ist doch eine ganz andere, wenn «Spielertrainer» Roman Josi das Team in der Kabine und auf dem Eis führt. Oder? Das stimmt. Er war der Leitwolf der Silberteams von 2013 und 2018. Mit Roman Josi haben die Schweizer zweimal den Final erreicht. Ohne den zurzeit produktivsten NHL-Verteidiger noch nie.

Und doch steht und fällt die Mannschaft in Helsinki nicht mit Roman Josi. Es geht inzwischen um etwas ganz anderes: Die Schweizer sind WM-Maulhelden geworden.

Nach dem Motto «Dream Big, Talk Big, Do Big» hat Patrick Fischer inzwischen ein wenig übers Ziel hinausgeschossen. Er will den WM-Titel. Das ist ein grosses Ziel. Aber erreichbar, wenn alles stimmt. Das Problem ist bloss: Er spricht öffentlich zu oft und zu viel davon.

Ein Blick in die Vergangenheit hilft uns, die Dinge ein wenig zurechtzurücken. Vor der Silber-WM von 2013 spricht niemand von einer Medaille. Nationaltrainer Sean Simpson steht nach einer miserablen WM 2012 (11. Platz) unter maximalem Druck. In Stockholm geht es 2013 um Wiedergutmachung. Um Rehabilitation. Um den Job des Nationaltrainers. In Stockholm sind die Schweizer auf einer Mission. Und stürmen bis in den Final.

Vor der Silber-WM von 2018 spricht niemand von einer Medaille. Nationaltrainer Patrick Fischer steht nach einem miserablen Olympia-Turnier 2018 (10. Platz) unter maximalem Druck. In Kopenhagen geht es um Wiedergutmachung. Um Rehabilitation. Um den Job des Nationaltrainers. Sportdirektor Raëto Raffainer (heute SCB-Manager) kann mit Mühe und Not den damaligen Verbandsdirektor Florian Kohler davon abhalten, Patrick Fischer zu feuern. In Kopenhagen sind die Schweizer auf einer Mission. Und stürmen bis in den Final. Die Vorbereitung war 2013 und 2018 nicht von grossen Worten geprägt. Sondern von Demut und Bescheidenheit.

Nach grossen Ankündigungen sind die Schweizer hingegen beim Olympischen Turnier von 2018 und 2022, bei der WM 2019 und zuletzt bei der WM 2021 im Achtel- bzw. Viertelfinal gescheitert. Nun spricht Nationaltrainer Patrick Fischer wieder von Medaillen und WM-Titel. Die Selbstverständlichkeit, mit der von solchen Zielen gesprochen wird, wirkt immer mehr irritierend. Es ist nicht unsere Mentalität, Selbstvertrauen plakativ zu zelebrieren. Das ureidgenössische Motto heisst nicht umsonst: «Lifere, nid Lafere» in der Deutschschweiz und «Travailler pas blablater» im Welschland.

Unsere Hockeykultur ist heute so hoch entwickelt wie noch nie. Die Schweizer haben die NHL erobert und zweimal den WM-Final erreicht. Wir spielen heute an einem guten Abend auch gegen die Grossen auf Augenhöhe. Aber besser sind wir nur dann, wenn wir auf einer Mission sind. Nach dem Motto: «Wir gegen den Rest der Welt». Erst diese Stimmung aus Demut, Bescheidenheit, Trotz, Biss und Leidenschaft ermöglicht Medaillen.

Bei der WM 2021 und bei den Olympischen Turnieren von 2018 und 2022 hat diese Stimmung fast ganz gefehlt, bei der WM 2019 teilweise. Warum? Weil Patrick Fischer inzwischen so unbestritten ist, dass ihm ein missglücktes Titelturnier wie Peking 2022 nicht mehr in die Bredouille bringt. Scheitern hat keine Konsequenzen. Es geht nach dem miserablen Olympia-Turnier von Peking – anders als nach 2018 – nicht mehr um seinen Job. Alle leben in einer Komfortzone.

Patrick Fischer ahnt diese Gefahr der grossen Worte, denen zuletzt keine Taten mehr gefolgt sind. So gesehen ist es logisch, dass er mit Raphael Diaz, Simon Moser und Grégory Hofmann drei grosse Namen für Helsinki nicht mehr nominiert hat. Ob es am Ende für eine Medaille reicht (was hockeytechnisch möglich ist), hängt davon ab, ob es dem Nationaltrainer gelingt, die Stimmung von 2013 (da war er als Assistent von Sean Simpson dabei) und 2018 erneut zu wecken. Was seine Aufgabe erschwert: Der Welt in den Viertelfinal war von den Gegnern her (Italien, Frankreich Dänemark, Kasachstan, Slowakei, Kanada, Deutschland) noch nie so leicht wie nun in Helsinki. Dass Roman Josi in Helsinki nicht dabei ist, beeinträchtigt die Medaillenchancen hingegen kaum. Und sollte seine Absenz als Ausrede ins Spiel kommen, dann sind die Schweizer als WM-Maulhelden entlarvt.

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