Switzerland

«Hier werden Könige gemacht und keine Prinzessinnen»

Es knallt ziemlich laut, wenn 180 Kilogramm Eisen auf den Boden prallen. Besonders in einer kühlen Industrie­halle, in der nur einige Trainingsgeräte stehen. Dreimal wuchtet Joel Strebel die Hantel hoch. Dann lässt er sie fallen. Tommy Herzog sitzt da und nickt. «Besser so!» Diesmal war der Rücken gestreckt. «20 Sekunden ... 3, 2, 1.» Strebel legt wieder los.

«Hier werden Könige gemacht.» Geschrieben ist es in Grossbuchstaben. Es ist nur ein Spruch und vielerorts wäre er plump, hier aber ist es die Wahrheit. Christian Stucki kommt zweimal in der Woche. Als er nach seinem Sieg am Eidgenössischen Schwingfest bei Herzog trainierte und erschöpft auf dem Boden lag, sagte der Trainer: «Hey! Hier werden Könige gemacht und keine Prinzessinnen.» Stucki lachte, liess ­später ein Plakat drucken und schenkte es Herzog.

Die Schwinger sind Herzog dankbar. Egal, mit wem man spricht, alle schwärmen. Stucki wurde in Zug König, Pirmin Reichmuth klassierte sich auf Rang drei, die Aargauer Andreas ­Döbeli und Joel Strebel wurden zu Eidge­nossen. Erfolg scheint Programm bei Herzog. Und je mehr man die Schwinger fragt, was er denn so gut mache, je schwerer fällt es ihnen, es zu erklären. Fast scheint es, als ob ein Zauber in ­dieser Halle im luzernischen Gunzwil wirke.

Also, Tommy Herzog, sind Sie ein Zauberer? Er lacht. «Nein, sicher nicht. Ich kann das Krafttraining nicht neu erfinden. Aber ich sehe den Schwingern schon beim Betreten der Halle an, wie es ihnen geht.» Trainingspläne ähneln sich, die Betreuung macht den Unterschied. Tommy Herzog ist nicht einfach Schleifer. Er ist auch Zuhörer und Versteher.

Individuelle Betreuung statt Massenabfertigung

Als Stucki König wurde, häuften sich die Anfragen. Alle wollten zu Herzog. Er hätte viel Geld verdienen können, nahm aber keinen einzigen Sportler neu auf. «Ich will die Athleten kennen. Was nicht heisst, dass ich keine Neukunden mehr nehme, aber sie müssen gut ins Team passen. Individuelle Betreuung ist mir sehr wichtig. Ich will die Geschichten kennen und keine Massenabfertigung.» Joel Strebel, der an diesem Tag mit seinen Klubkollegen Lukas ­Döbeli und Yanick Klausner trainiert, ist seit sechs Jahren bei Herzog. Lukas Döbeli sagt: «Er kennt uns sehr gut, er weiss genau, was wir brauchen. Das macht ihn eben aus.»

Training bei Tommy Herzog

Aber nicht nur. Auf der Bestenliste der Qualen, also Liegestütze, Klimmzüge, Sit-ups und andere Schindereien in 100-facher Ausführung und mehr, belegt Herzog einen der vorderen ­Plätze. Der 42-Jährige hält mit. Mit Kreide sind die Bestzeiten an die Wand geschrieben. «In den Anfangszeiten war es wichtig, dass ich den Jungs ­zeigen konnte, dass ich das Programm selbst absolvieren kann», sagt Herzog, der im aargauischen Hägglingen aufgewachsen ist. Mittlerweile muss er längst nichts mehr beweisen, hält sich aber weiterhin freiwillig fit.

Ein offener Umgang mit der Vergangenheit

Als Anschieber von Ivo Rüegg gewann Herzog 2007 WM-Silber mit dem Zweierbob. Es hilft ihm heute, seine Kunden zu verstehen. «Die Erfahrung als Spitzensportler ist wichtig. Ich weiss, wie es ist, ganz oben zu sein. Aber ich weiss auch, wie es ist, ganz unten zu sein», sagt er. 2008 wurde Herzog zweimal positiv auf Testosteron getestet und für zwei Jahre gesperrt. Bis heute rätselt er, wie der Befund möglich war. Trotzdem war es sein persönliches Waterloo. «Sport war mein Leben. Plötzlich brach alles zusammen.» Seinen Job als Nachwuchstrainer im Bobverband verlor er. Erst eine Therapie half ihm zurück ins Leben.

Tommy Herzog redet offen über das Thema. Nur so war ein Neustart überhaupt möglich. «Ich habe drei Ordner mit Fallakten, die jeder anschauen kann, der will.» Aber der Stempel bleibt. Als Herzog in Magglingen Trainer­kurse absolvierte, sah er es den anderen an. «Am zweiten Tag schaute ich ihnen ins Gesicht und wusste, sie haben mich gegoogelt.» Er kann damit leben.

Und die Schwinger vertrauen dem dreifachen Familienvater. Stucki hatte sich kurz über die Geschichte informiert, wie er der «NZZ» erzählte, und glaubte Herzog. «Auch Stefan Strebel, der ehemalige Technische Leiter der Nordwestschweizer, hat mich angerufen, als er von den Trainings der Freiämter Schwinger bei mir erfuhr», erzählt ­Herzog. Nach dem Telefonat waren alle Zweifel ausgeräumt. Nichts sprach gegen ein Training beim Besten des Fachs.

Der gut gemeinte Tritt in den Hintern

Hinten in der Halle leiden zwei Nachwuchsschwinger. 100 Liegestütze sind geschafft, das Programm aber noch ­lange nicht. «Seid ihr etwa fertig?», ruft Herzog. «Nein? Dann los. Um 22 Uhr will ich Feierabend machen.» Es ist kurz vor 17 Uhr. Herzog lacht: «In den Hintern treten – das mache ich am liebsten.» Joel Strebel sagt: «Ja, er kann uns schon ganz schön quälen.»

Aber Herzog spürt eben auch, wenn es etwas anderes braucht. Vor dem Eidgenössischen in Zug ist er mit seinen Schwingern in ein Trainingslager gereist. Wobei das Training nur sekundär war. «Sie mussten einmal den Kopf freibekommen, etwas anders tun.» Für Andreas Döbeli, der oft an Nervosität leide, hatte Herzog Christian Stucki als Zimmergenossen erkoren. «Ich wusste, dass Chrigu mit seiner Art einen sehr positiven Einfluss auf Andreas haben wird», sagt Herzog. Kurze Zeit später gewann Döbeli das Nordwestschweizer Teilverbandsfest und holte in Zug den eidgenössischen Kranz.

Christian Stucki im Training.

Stucki ist eine wichtige Figur für die Freiämter Schwinger. Jeden Freitag trainiert Joel Strebel bei Tommy Herzog mit ihm. «Zu Beginn war das schon sehr speziell für mich und eine grosse Ehre», sagt Strebel. Mittlerweile ist es vor allem Anreiz, gleich gut zu werden. An der Wand in der Trainingshalle steht: «Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer, der das nicht wusste, und hat’s einfach gemacht.» Und ­wieder knallt die 180-Kilo-Hantel auf den Boden.