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Hier läuft alles rund: Wie das Karussell Karriere machte

Vor 400 Jahren hat ein Engländer im Osmanischen Reich die ersten Karusselle gesehen und in seinen Tagebüchern beschrieben. Später wurde das Freizeitvergnügen gar von Dichtern besungen. 

In seinen modernen Varianten fasziniert das Karussell bis heute: Bahn am Zürcher Knabenschiessen, 2006.

In seinen modernen Varianten fasziniert das Karussell bis heute: Bahn am Zürcher Knabenschiessen, 2006.

Christian Beutler

Dinge, die sich im Kreis drehen, sind in der Regel kein Vergnügen. Diskussionen, zum Beispiel. Wenn mir ein Bill-Gates-Kritiker erläutert, warum der mächtige Mann die Corona-Impfung manipulieren wird, und ich ihm im Gegenzug klarmachen will, dass kein böser Mensch, sondern die 5G-Technologie hinter dem Virus steckt, dann wird das Gespräch recht bald an einem toten Punkt anlangen – oder einfach wieder von vorne beginnen: Man wird Dutzende Male dasselbe hören und die Welt kein bisschen besser verstehen.

Nein, Diskussionen, die sich im Kreis drehen, sind kein Vergnügen, und auch das Leben ist nicht sonderlich lustig, wenn es sich in einer Endlosschlaufe befindet. Im Home-Office etwa kann man ganz plastisch erleben, was Treten an Ort bedeutet: Der tägliche Rundgang vom Bett via Bad ans Pult und zurück bringt einen nicht weiter, und schlimmstenfalls verursacht das dauernde Kreisen durch die Zimmer auch noch Schwindelanfälle.

Demokratischer Müssiggang

Seltsamerweise findet der Mensch, dieses komplexe Wesen, manchmal aber auch grossen Gefallen an just den Dingen, die sich endlos im Kreis bewegen und leichten Taumel auslösen. Das Karussell zum Beispiel ist doch der Inbegriff des Vergnügens!

Das Rösslispiel mag inzwischen ein bisschen ältlich wirken, doch sein Prinzip des Drehens und Schwebens fasziniert bis heute, und längst nicht nur Kinder sind ihm verfallen. Zur Blütezeit der Karusselle haben selbst Dichter die Attraktion besungen: «Und das geht hin und eilt sich, dass es endet, / und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel» – so hat Rilke das «atemlose blinde Spiel» beschrieben, das er 1906 im Jardin du Luxembourg verfolgte.

Um die Jahrhundertwende war ganz Europa im Karussell-Fieber. Erstmals hatten die Menschen nach der Industrialisierung echte «Freizeit» zur Verfügung, und was lag da näher, als die alten aristokratischen Distraktionen zu demokratisieren? Auf Pferden müssig und ohne Ziel im Kreis zu gehen, war im Adel höchst beliebt gewesen, und auch Karusselle hatte es vor der Revolution in vielen höfischen Anlagen schon gegeben. Nun wurden sie neu entdeckt und in Massen produziert – eine veritable Karussell-Industrie begann das ziellose Kreisen gezielt zu fördern.

Flucht vor der Pest

Dinge, die rund laufen, wirken entspannend, das hat man natürlich schon früher bemerkt: Die ablenkende Kraft des Karussells hat ein Engländer vor genau 400 Jahren beschrieben. Im Mai 1620 hat der Weltreisende Peter Mundy das Osmanische Reich besucht und in seinen Tagebüchern den ersten Bericht über die Karusselle  («Swinginge») hinterlassen.

Zunächst hatte Mundy bei den Osmanen diverse Foltermethoden beobachtet, doch im Anschluss an die Schilderung von Prügel- und Wasserstrafen hielt er es für geboten, die Leser auf andere Gedanken zu bringen und sie über die positiven Seiten dieser Gegend zu informieren: In der Stadt Philippopolis (im heutigen Bulgarien) hatte der Reisende drei verschiedene Typen von muskelbetriebenen Karussellen gesehen, auf die sich die Menschen zum Vergnügen setzten. Da solche Geräte im Westen offenbar unbekannt waren, fertigte Mundy detaillierte Zeichnungen von ihnen an. Für weitere Studien hatte er leider keine Zeit mehr: Als er erfuhr, dass die Pest wütete in der Stadt, in der die Leute so lustig auf den Karussellen sassen, reiste er schleunigst weiter.

In der heutigen Krise sind solche Spässe selbstverständlich verboten, denn mit dem Karussell könnte ja auch die Krankheit zirkulieren, und wenn wir uns brav daheim in unseren Endlosschlaufen bewegen, kann wenigstens auch das Virus keine weiteren Kreise ziehen.

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