Switzerland

Hier können sich auch Veganer dick essen

Widerwillig schiebt die Frau ihren Laptop zur Seite, und das auch nur um ein paar Zentimeter. Der Karnivore und der Vegi haben gefragt, ob noch frei sei am runden Tisch, an dem sie sich ausgebreitet hat.

So seien sie halt die Veganer, flüstert der Karnivore. «Nett zu Eiern, aber keine besseren Menschen.» Vielleicht liege es auch nur an der Uhrzeit, sagt der Vegi, denn ähnliche Territorialkonflikte träten rundherum auf. Über Mittag prallen im Sprössling zwei Seinsweisen aufeinander: die Behäbigkeit der Käfeler gegen die Zackigkeit der Mittagesserinnen.

Bis letzten September schenkte am Schaffhauserplatz ein Starbucks Frappuccinos aus. Dann verwandelte die Bäckerei Gnädinger von gegenüber das Lokal in ein Veganerparadies. Der Vegi ortet im Spriessen des Sprösslings gleich zwei Trends: Globalisierung rückwärts plus Veganisierung vorwärts. Bald würden Ami-Fast-Food-Filialen von veganen Kooperativen aus dem Umland übernommen. «Ein Albtraum», stöhnt der Karnivore. Dann müsse er sich aus Zürich fortglobalisieren.

Ein Klassiker, tierfrei interpretiert: Rösti mit Gschnätzletem aus Zürcher Erbsen-Poulet. Foto: Andrea Zahler

Dabei sollte er sich im Sprössling wohlfühlen. Hier gibt es alles, was er gern hat: Hamburger, Lasagne, Gschnätzlets. Einfach ohne Fleisch, ohne Eier, ohne Milch. Ein kulinarisches Kulissendorf sei das, sagt er, eine vegane Matrix. Und bestellt die Rösti mit Pilzrahmsauce und Gschnätzletem (21 Franken), das aus dem Erbsen-Poulet eines ETH-Start-up besteht. Der Vegi wählt den «Linsä Itopf» (18 Franken). Im Sprössling geht es auch sprachlich weg vom English, back zu den Wurzeln. Für Expats macht dies das Bestellen nicht einfacher. Nein, der «Itopf» hat nichts mit Apple zu tun.

Die Laptop-Frau packt zusammen. Kaum ist sie weg, setzen sich zwei Esserinnen. Plätze im Sprössling sind begehrt an diesem Donnerstagmittag. Bald wird das Bestellte aufgetragen. Dem Vegi mundets, fein und frisch schmecken die Linsen zwischen gehacktem Gemüse. Der Karnivore hingegen bemängelt sein – optisch überzeugendes – Gschnätzlets als etwas mehlig, wobei er nicht weiss, ob das an der Sauce liegt oder am So-als-ob-Fleisch. Aufessen tut er trotzdem.

So viel Süsses

Danach ist Dessert-Time, Ziit für das tierfreie Gebäck, von dem die Veganerinnen im Internet schwärmen. Tatsächlich ist die Auslage beeindruckend. Wegen begrenzter Aufnahmekapazitäten teilen sich beide einen Apfel-Vanille-Schnägg (4 Franken), dessen «Rahm»-Krone durchs Warmmachen schmilzt. Schmelzen tut auch der Vegi beim Essen. Nur der Karnivore mäkelt. Etwas fehle dem Falschrahm. Was genau, kann er nicht sagen. «Eine Note Stall?», fragt der Vegi. «Eher das Originalaroma», analysiert der Karnivore.

Nachdem er die Süssigkeit allein fertig gegessen hat, erkennt der Vegi einen weiteren Vorteil des Sprösslings: Das Lokal beweise, dass auch Veganer dick werden können.

Sprössling

– Preis-Leistungs-Verhältnis
Solides Zürcher Preisniveau. Günstigeres darf man bei so aussergewöhnlichen Produkten kaum erwarten.

– Ambiance
Unkompliziert, stubenhaft, Duzis-orientiert. An den grösseren Tischen sitzt man bei guter Belegung mit fremden Leuten zusammen.

– Service
Vor dem Tresen mussten wir um halb eins ein paar Minuten warten. An den Tisch gebracht wurde das Essen dann zügig, die Mitarbeiterinnen blieben trotz Hektik gut gelaunt und freundlich.

– So kommt man mit dem ÖV hin
Tram 7, 8, 11, 13, 14, 15; Buslinie 33 bis Schaffhauserplatz

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