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Switzerland

Hier gibts 100 Franken Mietrabatt pro Kind

Das Erste, was der Bahnreisende von Huttwil sieht, ist eine Baugrube. Eine grosse Baugrube, in der ein Bagger unter Getöse Erde schaufelt. Hier entsteht ein Einkaufszentrum, darüber 32 Wohnungen. Auf der anderen Seite der Gleise ist eine Überbauung ausgesteckt: 77 Wohnungen. Weiter bachaufwärts überragen Bauprofile die Treibhäuser einer Gärtnerei: 33 Wohnungen.

«Es ist wahnsinnig», entfährt es Gemeindepräsident Walter Rohrbach, BDP. Seit ein paar Jahren werden in der 5000-Einwohner-Gemeinde Häuser gebaut, als würde Beton einmal zu Gold. 264 Wohnungen sind auf dem Weg zur Verwirklichung, sie sind geplant, bewilligt oder bereits im Stadium der Betonwerdung. Und bereits sind 100 weitere Wohnungen angedacht.

In Dietlikon klagt Edith Zuber über zu wenig Wohnraum. Foto: Urs Jaudas

Dabei hat es schon heute zu viele Wohnungen. Nirgends in der Schweiz stehen so viele leer wie hier, in der ­östlichsten Berner Gemeinde. Knapp 14 Prozent der 2600 Wohnungen sind es gemäss Berner Fachhochschule –auch wenn die offizielle Statistik für 2019 nur 8 Prozent ausweist. Wohnungen, die länger als drei Jahre leer standen, sind aus der Statistik gefallen.

Ein volles Bauerndorf

Stünden diese Wohnungen 90 Autominuten weiter östlich, im zürcherischen Dietlikon, wäre keine einzige mehr leer. Gemeindepräsidentin Edith Zuber, SVP, stoppt ihr Auto vor zwei Mehrfamilienhäusern. Die Fassaden wirken so steril und rein, die Fenster so blank, als wäre sie in einen Prospekt hineingefahren. «Nicht eine dieser Wohnungen musste inseriert werden», sagt Zuber. Sie waren vergeben, bevor die Häuser standen.

Am 9. Februar stimmen Schweizerinnen und Schweizer über die Initiative «Mehr bezahlbare Wohnungen» ab. Der Mieterverband Schweiz fordert, dass künftig jede zehnte neue Wohnung preisgünstig sein muss – gerade in ­Gemeinden wie Dietlikon.

Ein paar Schritte weiter, im Dorfkern, laufen Kinder mit Schülertheks durch die schmalen Gassen heim zum Mittagessen. Herausgeputzte Riegelhäuser scharen sich um eine kleine Kirche. Das einstige Bauerndorf wurde klein gedacht, aber vom Bauboom der Siebzigerjahre gross gemacht. Bis heute ist Dietlikon auf 7800 Einwohner gewachsen. Und es würden noch mehr kommen – wenn sie eine Wohnung fänden.

Der Wohnungsmarkt ist hier staubtrocken. Im Sommer standen nur 3 der rund 3640 Wohnungen leer. Das heisst: 0,08 Prozent. Das ist auch für Ansässige schwierig, etwa wenn eine Familie wächst und eine grössere Wohnung braucht oder wenn sie eine kaufen will. Das Angebot ist nicht nur klein, sondern auch teuer – seit 2008 sind die Preise für Eigentumswohnungen um über 50 Prozent gestiegen. «Dietlikern bleibt so oft nichts anderes übrig, als wegzuziehen», sagt Zuber.

Das wird den Huttwilern nicht passieren – sie wohnen im Mieterparadies. Wenn sie eine neue Wohnung mieten, werden sie gar noch belohnt. Im Fall der 4-Zimmer-Wohnung an der Sonneggstrasse – 90 Quadratmeter, edel aus­gebaut – mit drei Monatsmieten. Oder sie erhalten, falls sie in die 4-Zimmer-Wohnung an der Spitalgasse ziehen – 111 Quadratmeter, alles neu und schön –, für jedes Kind einen Mietrabatt von 100 Franken. Eltern mit zwei Kindern zahlen noch 1640 Franken.

Dem Gemeindepräsidenten aber bereiten die leeren Wohnungen Sorgen. Sie böten Platz für 1000 Einwohner. 1000 Einwohner bedeuten 110 zusätzliche Schüler, sechs Klassen – und grössere Schulhäuser. Aber wie soll das die Gemeinde zahlen? Die günstigen Wohnungen ziehen Zuzüger an, die über weniger Mittel verfügen als die Ansässigen. Noch fehlen Zahlen, die zeigen, ob die Sozialhilfequote steigt oder nicht. Aber schon heute sinkt die Steuerkraft. 2018 erhielt Huttwil erstmals Geld aus dem kantonalen Finanzausgleich.

Derweil schaufelt der Bagger am Bahnhof weiter, neue Bauprofile werden ausgesteckt. Die Gemeinde kann den Bauboom nicht bremsen – sie muss Baugesuche bewilligen, wenn sie gegen keine Vorgaben verstossen. Walter Rohrbach hat schon Bauherren angeschrieben, mit der Bitte, sie wollten mit dem Bau wenigstens etwas zuwarten. «Aber da kommt nicht einmal eine Eingangsbestätigung», sagt er konsterniert.

Die Gemeinde erfährt von einem konkreten Projekt oft erst, wenn das Baugesuch eingereicht wird. Bei den meisten weiss sie nicht, wer die Investoren sind. Oft erwerben Immobilienfirmen das Land, bebauen es und verkaufen an Pensionskassen oder Immobilienfonds. «Wir wurden von der Entwicklung völlig überrollt», sagt Rohrbach.

Noch in den späten 90er-Jahren stand in Huttwil praktisch keine Wohnung leer. Wer zuziehen wollte, musste warten, bis jemand starb.

Was hat Dietlikon, was Huttwil nicht hat? Zu- und Wegzüger sagten in einer Befragung, Dietlikon sei sauber, grün und ruhig, verfüge über ein gutes Kultur- und Freizeitangebot. «Ein Geheimtipp». Aber letztlich, so sagt die Gemeindepräsidentin, zählt vor allem eines: die Lage. Oben bei den neuen Wohnblocks hört man alle paar Minuten, wie eine S-Bahn quietschend hält und sich kurz darauf mit einem leiser werdenden Summen entfernt. In Dietlikon halten drei S-Bahn-Linien je zwei Mal pro Stunde und das in jede Richtung. In 9 Minuten ist man in Zürich, in 23 am Flughafen. Und: Das Dorf hat Autobahnanschluss.

Von Huttwil aus ist es überallhin weit: Nach Bern, Zürich oder Basel dauert es per Bahn über eine Stunde, bis zur Autobahn fahren Huttwiler 25 Minuten. Ihr Städtchen ist im Langetental ein Zentrum, also «zentral abgelegen».

Weshalb wird dennoch so viel gebaut? «Das verstehen wir auch nicht. Oder, Hanni?», sagt eine Frau am Rollator, die mit ihrer Freundin Schuhe im Schaufenster anschaut. Sie ist 85. Und weil sie nicht mehr gut zu Fuss ist, ist sie ins Zentrum gezogen; sie konnte zwischen vielen Wohnungen wählen. Aber für die Seniorinnen ist klar: «Die müssen ihr Geld irgendwo anlegen.»

Noch in den späten 90er-Jahren stand in Huttwil praktisch keine Wohnung leer. Wer zuziehen wollte, musste warten, bis jemand starb. Die Nachfrage nach Wohnungen war da, aber kein ­Investor dachte daran zu bauen. An der Börse liess sich damals über Nacht ein kleines Vermögen verdienen – wer wollte da sein Geld in Beton stecken?

Die Flucht ins graue Gold

Bis 2015, so sagt der Gemeindepräsident, sei die Welt in Huttwil noch in Ordnung gewesen. Dann aber führte die Nationalbank Negativzinsen ein – und die Investoren ergriffen die Flucht ins graue Gold. In den Städten, wo die Nachfrage nach Wohnungen gross wäre, war es schwierig, an grössere Grundstücke zu kommen. In Huttwil aber hatte die Gemeinde 1993 grosszügig Land zum Bau freigegeben. Wer hätte damals gedacht, dass einmal so viele Bagger auffahren?

«In Huttwil zeigt sich ein neues Phänomen», sagt Christine Seidler. Sie ist Professorin an der Fachhochschule Graubünden und hat von der Gemeinde den Auftrag erhalten, das Problem zu ergründen. Neu sei, dass Wohnungen gebaut würden, obwohl kein Bedürfnis danach bestehe. «Die Investoren bauen, um ihr Geld zu parkieren.»

Die Rechnung geht auf. Viele Huttwiler ziehen von ihrer alten Wohnung an der lärmigen Durchgangsstrasse in die günstigen Neubauten ein paar Häuser weiter. Während im Stadtkern schon jede fünfte Wohnung leer steht, ist es in den Neubauten nur jede zehnte. Die Investoren verkraften es – sie fahren noch immer besser, als wenn sie Negativzinsen zahlen müssten. Christine Seidler beobachtet die Entwicklung kritisch: «Das Zentrum entleert sich, und die Ortsränder werden zersiedelt.»

Was würde den beiden Gemeinden helfen? Nach Einschätzung von Edith Zuber würde die Initiative Dietlikon nicht zwingend etwas bringen; es sei nur noch wenig Bauland vorhanden, und Zürcher Gemeinden haben schon heute die Möglichkeit, zum Beispiel Zonen zu bestimmen, in denen ein Teil der Wohnungen gemeinnützig sein muss.

Im Huttwiler Stadthaus überlegt Walter Rohrbach: Ein Mindestmietzins könnte helfen, meinte er schliesslich. Aber selbst wenn es einmal ein solches Gesetz gäbe – bis dahin wären in Huttwil bereits wieder ein paar Hundert Wohnungen gebaut.

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