Switzerland

Hidden Champions in Bulgarien: In Sofia boomt die IT-Industrie

Bulgarien ist ein attraktiver Standort für Tech-Unternehmen. Im Schatten von Outsourcing-Firmen hat sich eine lebendige Startup-Szene entwickelt.

Der altmodische Schein, den hier etwa Trams aus sozialistischer Zeit verbreiten, trügt. Sofia ist ein Hotspot der IT-Industrie.

Der altmodische Schein, den hier etwa Trams aus sozialistischer Zeit verbreiten, trügt. Sofia ist ein Hotspot der IT-Industrie.

Robert B. Fishman / Imago

Bulgarien macht selten mit schmeichelhaften Nachrichten von sich reden. Der südosteuropäische Staat ist das ärmste EU-Land und gilt auch als eines der korruptesten. Zudem schrumpft fast nirgends auf der Welt die Bevölkerung so schnell wie hier, weil viele Bulgaren keine Perspektiven sehen und auswandern.

Seit Juli schon gehen zudem die Bürger auf die Strasse, um gegen die Missstände im korrupten «Mafia-Staat» zu protestieren und den Rücktritt von Regierungschef Bojko Borisow zu fordern. Die Unzufriedenen versammeln sich zwar nicht mehr täglich, wie sie es monatelang taten. Mindestens einmal pro Woche finden aber immer noch Kundgebungen statt.

Gute naturwissenschaftliche Fakultäten

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die massivsten Proteste seit Jahren auch ein Schlaglicht auf eine der grössten Erfolgsgeschichten der Region werfen. Denn die treibenden Kräfte der Demonstrationen kommen grossenteils aus der boomenden IT-Industrie der bulgarischen Hauptstadt mit ihrer lebendigen Startup-Szene. Dass der allabendliche Protestzug durch das Stadtzentrum nahe am «Betahaus», dem ersten, vor allem von Vertretern der IT-Industrie genutzten Coworking-Space in Sofia, vorbeiführt, ist Zufall und dennoch sinnbildlich.

«Diese Menschen sind gut ausgebildet, unabhängig vom Staat und haben Alternativen», erklärt Hristo Hadschitschonew, der Mitgründer von A4E (Analytics for Everyone), einer Firma, die massgeschneiderte Datenanalyse-Tools anbietet. Standesgemäss trifft man sich in einer Filiale der amerikanischen Kaffeehauskette Starbucks. «Sie könnten jederzeit in einem anderen Land arbeiten, wollen es aber nicht. Deshalb setzen sie sich dafür ein, dass sich hier etwas ändert. Ich bin ja auch hiergeblieben.»

Mit einem Mathematik-Diplom der lokalen Universität, einer langjährigen Tätigkeit für internationale Unternehmen und nun der Selbständigkeit in einem programmiertechnisch anspruchsvollen Bereich überschneidet sich Hadschitschonews Werdegang mit einigen Eckpunkten der bulgarischen IT-Industrie. Sofia wurde in den 2000er Jahren von internationalen Grosskonzernen als kostengünstiger und geografisch wie kulturell naher Outsourcing-Standort entdeckt. Hewlett-Packard nahm dabei eine Vorreiterrolle ein und schuf Tausende von Arbeitsplätzen. Mittlerweile ist aber auch eine eigene Startup-Szene entstanden.

Der Schwerpunkt lag dabei immer auf klassischer, anspruchsvoller Programmierarbeit, «heavy algorithms», wie es Asen Wasilew ausdrückt. Der Harvard-Alumnus führt selber ein Unternehmen in Sofia, das Lösungen für die Preissetzung von Airline-Tickets anbietet. «Wir sind ein Nischenstandort – auch notgedrungen. Mit Masse können wir gegen Indien oder Südostasien nicht bestehen, mit spezifischer Expertise schon.»

Hoffen auf das erste «Einhorn»

Die Grundlage hierfür bietet das traditionell hohe Niveau an den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultäten, das auch nach der Wende beibehalten werden konnte. Bulgarien und vor allem das Computerwerk Prawez mit seinem angegliederten Forschungsinstitut galten bereits zu sozialistischer Zeit als Zentrum der IT-Industrie jenseits des Eisernen Vorhangs. Auch die erste Informatik-Olympiade fand, noch vor der Wende, 1989 in der Stadt östlich von Sofia statt.

Weit weniger solide ist laut den meisten Beobachtern die Vorbereitung für die Monetarisierung dieser Fertigkeiten: PR, Kommunikation und Verkauf werden in Bulgarien immer wieder als Schwachpunkte genannt – auch in anderen Branchen wie dem Tourismus. Entsprechend bringen die meisten Unternehmensgründer wie Hadschitschonew von A4E Erfahrungen als Angestellte internationaler Firmen mit. Auch das meiste Geld kam zu Beginn aus dem Ausland. Eine Schlüsselrolle spielte dabei der Europäische Investitionsfonds mit dem sogenannten Jeremie-Programm zur Unterstützung von KMU.

Mittlerweile versucht man vermehrt interne Ressourcen zu nutzen. Der Verband der bulgarischen Risikokapitalgeber (BVCA) spricht mit dem Projekt Re:turn erfahrene Unternehmer in der Diaspora an, die ideell oder finanziell Startups unterstützen wollen. Die vier Gründer des App-Entwicklers Telerik, der 2014 als grösster Exit in der bulgarischen Geschichte für 260 Mio. $ von der amerikanischen Progress Software übernommen wurde, bieten ihrerseits mit dem Einhorn-Unternehmen «Campus X» Startups nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Mentoring-Programme an.

Dass Bulgarien, anders als Rumänien oder jüngst auch die Türkei, noch kein Unicorn, also keinen Börsengang im Wert von mehr als 1 Mrd. $ hervorgebracht hat, wird bei allen Gesprächen mit Branchenvertretern erwähnt.

Desinteresse der Regierung ist ein Vorteil

Das Re:turn-Projekt berät auch Auslandbulgaren, die zurückkehren wollen. Denn Fachkräftemangel wird immer mehr ein Thema, wie Iwan Wasilew, der mit einem Elektroroller zum Treffen kommt, erklärt. Der junge Mann arbeitet für den Branchenverband Besco, der etwa 500 bulgarische Technologieunternehmen vertritt. «Wir haben 17 000 Software-Ingenieure in Bulgarien, könnten aber gut das Doppelte brauchen.» Das macht sich auch bei den Gehältern bemerkbar. Der Durchschnittslohn in Bulgarien beträgt 1200 Lewa (660 Fr.); in der IT-Branche liegt er bei 4000 Lw.

Wasilews Organisation fordert erleichterte Visabestimmungen, um etwa Fachleute aus der Ukraine ins Land zu bringen. Man setze sich aber auch anderswo für regulatorische Erleichterungen ein. Zurzeit sei es aus gesetzlichen Gründen nicht möglich, selbstfahrende Autos zu testen. Dabei gebe es, wie auch bei der Drohnentechnologie, in diesem Bereich spannende Initiativen im Land.

Dass sich die Regierung nicht sonderlich für die Branche, die etwa 4% zum Bruttoinlandprodukt beiträgt, interessiere, sei dabei natürlich nicht hilfreich. Angesichts der bekannten Probleme mit Korruption und Rechtsstaatlichkeit sei es aber meistens ein Vorteil, dass man kaum Berührungspunkte mit offiziellen Stellen habe.

«Weite Teile der bulgarischen Wirtschaft sind staatlich geprägt und funktionieren über öffentliche Ausschreibungen. Die Tech-Branche aber exportiert ins Ausland. Mit den korrupten Netzwerken kommen wir so kaum in Kontakt», sagt Wasilew. Und die grundsätzlichen Rahmenbedingungen seien ohnehin attraktiv, vor allem die tiefe Unternehmenssteuer von einheitlich 10%.

«Ein besseres Leben als in der Schweiz»

Dieser Ansicht ist auch Philip Baerfuss, der schon seit sieben Jahren als Unternehmer und Berater in Bulgarien tätig ist. Zurzeit arbeitet der Waadtländer, der in der Schweiz bei einer Privatbank angestellt war, am Aufbau einer Firma im Bereich Telemedizin. «Der Standort ist attraktiv für Unternehmer und für Angestellte. Ich verdiene nicht annähernd so viel wie bei der Bank in Genf. Trotzdem kann ich mir bei den hiesigen Lebenshaltungskosten mehr leisten.» Als Nächstes wolle er seine Eltern von Montreux nach Sofia holen.

Viele Bulgaren sehen in der Emigration den besten Weg, um ihre Lebenssituation zu verbessern. Die Mitarbeiter der IT-Industrie haben hingegen allen Grund zu bleiben – und sich gegen die Missstände in der Politik aufzulehnen.

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