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Heute geht die Champions League richtig los – das sind die Favoriten

Die Champions-League-Hymne ist ­zurück. Der Sound von Dienstag- und Mittwochabenden, die in Erinnerung bleiben. In der K.O.-Phase hält sie, was sie verspricht: «les meilleurs», «die Besten», «the champions». Erstmals überhaupt stehen ausschliesslich Teams aus Deutschland, England, ­Spanien, Italien und Frankreich im Achtelfinal. Die Bourgeoisie ist unter sich. Es ist ein Frühling ohne Klassenkampf. Das erinnert fast schon an die viel diskutierte «Superliga», mit der Europas Fussball-Elite kokettiert.

Vorhang auf also für die Aufführungen auf den bedeutendsten Bühnen Europas, für die fähigsten Fussballer, inszeniert von preisgekrönten Regisseuren wie Klopp, ­Zidane oder Guardiola. Vorhang auf für Geschichten, die uns in den nächsten Wochen in Wohnzimmern, Kantinen, Bars oder Zugabteilen unterhalten. Und für wen gibt es das Happy End als Liverpools Thronfolger? Eine Favoriten-Rundschau.

Juventus Turin

Bei Juventus Turin hängt viel von Cristiano Ronaldo ab.

In Turin findet ein Kräftemessen zwischen Cristiano Ronaldos körperlichen Vergänglichkeit und seinem Ehrgeiz statt. Letzterer hat noch die Nase vorn. Der Portugiese traf zuletzt in zehn Ligaspielen en suite. Trotzdem ist Juves Hegemonie im Calcio gefährdet. Lazio Rom und Inter Mailand opponieren. Und Trainer Maurizio Sarri scheint noch nicht ganz in Turin angekommen. Doch gelingt es ihm, seine intelligente Ballbesitzphilosophie mit dem Selbstverständnis der Juve zu paaren, ist das Team auch international kaum zu bezwingen. Die Sehnsucht nach dem ersten Champions-League-Titel seit 1996 ist riesig. Aber: Ist das Team neben Ronaldo tatsächlich gut ­genug für den grossen Wurf? War das Out gegen Ajax nur ein Ausrutscher? Fragezeichen sind angebracht.

FC Liverpool

Liverpool zweifelt dank Klopp nicht mehr.

Die Irische See bringt der Mersey Wasser und Liverpool Wolken. Und immer auch ein wenig Zweifel. Trainer Jürgen Klopp sagte bei seinem Amtsantritt, er wolle den Zweiflern mit Zuversicht begegnen. Wolken gibt es in Liverpool noch immer – Zweifel nicht. 2019 krönten sich die Reds in der Champions League zu den Königen Europas. Das legendäre 4:0 im Halbfinal-Rückspiel gegen Barcelona ist unvergessen.

Und nun wird im Sommer auch der erste Meistertitel seit 30 Jahren folgen. Liverpool siegt sich mit einer beeindruckenden Leichtigkeit durch die Premier League. 25 Punkte liegt Verfolger Manchester City schon zurück. ­

Die Reds sind das konstanteste Team Europas. Doch reicht es ob all der Vorfreude auf den Titel zu Hause auch, um den Henkelpott zu verteidigen? Im Achtelfinal wartet mit Atlético Madrid der wohl unangenehmste Gegner. ­Zeremonienmeister Diego Simeone predigt kompromisslose Zweikampfführung. Indes findet Liverpool mit Klopp mittlerweile auch Lösungen mit dem Ball.

Klopp gegen Simeone ist das Aufeinandertreffen zwischen vermeintlich Gut und vermeintlich Böse. «No Time to Die» heisst es für James Bond. Der K.-o.-Modus der Königsklasse lässt ­jedoch nur einen Überlebenden zu.

FC Barcelona

Lionel Messi ist einmal mehr Hoffnungsträger beim FC Barcelona.

Der FC Barcelona reklamiert für sich, «més que un club» zu sein. Er ist tatsächlich mehr ist als ein Fussballklub. Barça prägte verschiedene Stilepochen dieser Sportart. Erst die niederländische Schule, später das Tiki-Taka, dessen einflussreichste Gelehrten – Xavi und Andrés Iniesta – den Verein längst verlassen haben.

Vielversprechende Jünger aus La Masia waren zuletzt aber selten. Also soll nun Frenkie de Jong das Spiel der Katalanen prägen. Allerdings ist der Niederländer ein anderer Spielertyp. Er braucht noch Zeit. Dasselbe gilt für den talentierten Ansu Fati im Angriff. Dort fallen mit Luis Suarez und Ousmane Dembélé zwei torgefährliche Spieler monatelang aus. Über dem extrovertierten Antoine Griezmann liegt derweil der Schatten von Lionel Messi, der den Franzosen auf dem Spielfeld geflissentlich ignoriert. Messi legte sich zudem kürzlich mit Sportdirektor Éric Abidal an. In Katalonien reicht das für eine mittlere Staatskrise.

Viel Arbeit also für Quique Sétien, der Ernesto Valverde an der Seitenlinie abgelöst hat. Erstmals seit 17 Jahren wechselte der Klub während der Saison den Trainer. Inmitten der Selbstfindungsphase hängt einmal mehr alles von Messi ab. Will Barcelona die Champions League gewinnen, muss es aber vor allem eines sein: Més que un Messi.

Real Madrid

Karim Benzema (l.) ist bester Torschütze bei den Königlichen.

Die Mannschaft spielt seit Jahren zusammen. Carvajal, Varane und Ramos verteidigen seit 2013 gemeinsam. Sie vertrauen sich. In zwölf der 24 Meisterschaftspartien blieb Real ohne Gegentreffer. Modric aussenristet seit bald acht Jahren in Madrid. Und Benzema trägt seit 2009 Weiss. Über eintausend Spiele in der Champions League summiert das Kader der Blancos. Kein anderes Team in diesem Wettbewerb ist derart erfahren. Und nur wenige sind durchschnittlich älter. Von den Achtelfinalisten nur Juventus.

Trainer Zinédine Zidane hat nach seiner Rückkehr aber allmählich den Umbruch eingeleitet. Im linken ­Abwehrcouloir ist inzwischen Mendy gesetzt. Im Mittelfeld ist Valverde eine grossartige Ergänzung zu Modric und Kroos. Dazu soll Hazard ganz vorne die Lücke füllen, die Ronaldo hinterliess. Der Belgier ist auf dem königlichen Hof zwar noch nicht heimisch geworden. Aber wehe, er kommt in der Rückrunde nach den vielen (auch verletzungsbedingten) Sorgen im Herbst in Fahrt und kann Benzema unterstützen, der auch mit 32 Jahren zuverlässig trifft – dann ist ein nächster Titel nach 2016, 17 und 18 möglich. Die erste Hürde: Manchester City und Pep Guardiola. Für die aktuelle Saison ist City noch nicht aus der Königsklasse verbannt. Doch Probleme hat es auch so genug.

Paris Saint-Germain

Zuletzt scheiterten Kylian Mbappé (l.) und Neymar zweimal im Achtelfinal.

Der Paris Saint-Germain Football Club befindet sich Jahr für Jahr im Kreise der Favoriten. Eine sportliche Daseinsberechtigung dafür gibt es nicht. Als sich PSG letztmals für einen Champions-­League-Halbfinal qualifizierte, führte Rednex’ «Cotton Eye Joe» die Schweizer Hitparade an und die Blackburn ­Rovers die Premier League. Es war 1995.

Die Branche ist bisweilen geblendet vom Portemonnaie des Präsidenten Nasser Al-Khelaifi. Von Neymar und dessen Launen. Und von der Stadt ­Paris als Sehnsuchtsort und Kulturhauptstadt. Der üppige Geldbeutel, Neymar und Paris verpflichten zu internationalem Ruhm. Die nationale Meisterschaft ist Voraussetzung, nicht Verheissung. Auch in dieser Saison bleibt die französische Fussballrevolution aus. Das zweitplatzierte Marseille liegt zehn Punkte hinter PSG.

Gegen «les meilleurs» in der Champions League ist indes ein funktionierendes Kollektiv gefragt. Gerade ­Neymar nimmt es aber dann und wann nicht so genau mit liberté, égalité und fraternité – und verzichtet gerne auf ­Abwehrarbeit. Diese ist freilich auch nicht die Stärke von Achtelfinalgegner Dortmund. Vorzüglich ist die Mannschaft von Trainer Lucien Favre dafür in Kreation und Vollendung von Torchancen. Spektakel-Alarm?

Bayern München

Mit Hansi Flick ist Bayern München in der Bundesliga zurück an der Tabellenspitze.

Die Münchener haben international nicht mehr dasselbe Renomme wie einst. Davon zeugen die Transfers von Philippe Coutinho und Álvaro Odriozola. Beide sassen bei spanischen Spitzenteams auf der Bank und stiessen nun auf Leih­basis zum FC Bayern.

Doch mit Lewandowski, Thiago oder Kimmich weiss der vom Interimstrainer zum Chef aufstiegene Hansi Flick Fussballer gehobener Weltklasse in seinen Reihen. Dazu kommt das den Bayern eigene Selbstverständnis. «Mia san mia» ist nicht nur ein Marketingmanöver, sondern Teil der Klub-DNA.

Die ersten Wochen nach der Winterpause waren jedenfalls für jeden Bayern-Fan verheissungsvoll. Und international? Die Aussenseiterrolle muss kein Nachteil sein – höchstens der eher schmale Kader.

Champions League - Achtelfinale

18. Februar
Borussia Dortmund - Paris St.-Germain
Atletico Madrid - FC Liverpool
19. Februar
Tottenham Hotspur - RB Leipzig
Atalanta Bergamo - FC Valencia
25. Februar
FC Chelsea - FC Bayern München
SSC Neapel - FC Barcelona
26. Februar
Real Madrid - Manchester City
Olympique Lyon - Juventus
10. März
RB Leipzig - Tottenham Hotspur
FC Valencia - Atalanta Bergamo
11. März
Paris Saint-Germain - Borussia Dortmund
FC Liverpool - Atletico Madrid
17. März
Manchester City - Real Madrid
Juventus - Olympique Lyon
18. März
FC Bayern München - FC Chelsea
FC Barcelona - SSC Neapel