Switzerland

Hängt Andy Schmid nach 2022 nochmals eine Saison an? «Ich wäre ja blöd, hörte ich auf, wenn...»

In 44 Stunden vom Wohnzimmer in der Nähe von Heidelberg an die WM nach Ägypten. Andy Schmid, 37, der als Handballer schon fast alles erlebt hat, sagt im ersten Moment: «Völlig surreal.» Ebenso unwirklich scheint, dass die Schweizer Handballer ihr erstes WM-Spiel nach 26 Jahren Absenz gewinnen. Am Tag nach dem 28:25 gegen Österreich spricht der Ausnahmekönner über die ersten Eindrücke der WM.

Sie hatten sich auf Homeschooling mit Ihren Söhnen eingestellt. Sind Sie froh, dass Sie diese Aufgabe nun nicht übernehmen müssen?

Andy Schmid: Nein, ich hätte gerne den Ersatzlehrer gespielt. Aber klar: So unverhofft mit der Nati an die WM zu reisen, toppt alles. Ich habe meine Frau instruiert, damit sie es genau gleich gut macht wie ich. (lacht)

Sind Sie ein geduldiger Lehrer?

Ich bin per se sehr ungeduldig. Aber meinen Kindern gegenüber bin ich geduldig. Schon auch fordernd. Wenn sie die Dinge nach wiederholtem Üben nicht begreifen, kann ich ungeduldig werden. Ausserdem habe ich schon etwas Routine im Homeschooling aus dem Lockdown im Frühling.

Zwei Stunden warten am Flughafen in Zürich wegen des Schnees. Eine Stunde ausharren am Flughafen in Kairo, weil alle einem Coronatest unterzogen werden. Kein Gepäck bis eine Stunde vor dem Spiel. Wie viel Nerven hat die Reise an die WM beansprucht?

Genervt habe ich mich nicht. Aber es ging an die Substanz. Vor allem mental. Die kurze Vorbereitung hat ausserdem viel Schlaf gekostet. Wir wussten ja nicht, was uns erwartet, wie der Reisetag genau ablaufen würde, ob wir es rechtzeitig ans Spiel gegen Österreich schaffen würden. Es war nervenaufreibend, weil es auch ein Wettlauf gegen die Zeit war. Für die Psyche war es anstrengend. Aber wir haben es genommen, wie es kommt. Ich habe eine erstaunliche Gelassenheit im Team wahrgenommen.

Der 37-jährige Andy Schmid oder: Siegermentalität kennt kein Ablaufdatum.

Für etliche Schweizer Handballer war das Spiel gleichbedeutend mit ihrem ersten Auftritt bei einer Endrunde. Umso erstaunlicher, wie abgeklärt die Mannschaft agierte. War die kurze Vorbereitungszeit vielleicht sogar mitverantwortlich, dass keine Nervosität aufkam?

Ja, in diesem Kontext war die kurze Vorbereitung ein Vorteil. Uns blieb ja fast keine Zeit, um den Fokus auf diese Partie zu richten. Wir waren einerseits im Tunnel, andererseits aber immer wieder abgelenkt durch die diversen Hürden auf dieser Reise. Vor allem für junge Spieler ist es vorteilhaft, wenn sie sich vor einem solch wichtigen Spiel nicht zu viele Gedanken machen. Dazu hat schlicht die Zeit gefehlt.

Als der Nati wegen Corona die Chance genommen wurde, sich gegen Island für die WM zu qualifizieren, dachte man: Andy Schmid beendet im Sommer 2022 seine grosse Karriere, ohne je an einer WM gespielt zu haben.

Ich habe nicht mehr damit gerechnet, an einer WM teilzunehmen. Die letzte Chance wäre 2023 gewesen.

Wie bitte? Ihr Vertrag bei den Rhein-Neckar Löwen läuft 2022 aus. Sind Sie vom Plan abgekommen, Ihre Karriere im nächsten Jahr zu beenden?

Wenn wir uns für die EM 2022 qualifizieren, werde ich nochmals darüber nachdenken, ob ich nicht noch ein Jahr länger spiele. Vorausgesetzt natürlich, dass ich gesund und gut genug bin. Das waren zuletzt meine Gedanken. Ich wäre ja blöd, wenn wir uns in meinem letzten Vertragsjahr für die WM 2023 qualifiziert hätten und ich dann aufhörte.

Ein erster Gedanke, als Dienstagabend klar war, dass die Schweiz für die USA nachrückt: Macht es doch wie die Dänen 1992, die vom Strand an die Fussball-EM reisten und sogar Europameister wurden.

Den Gedanken hatte ich nicht. Wahrscheinlich, weil ich 1992 erst 9-jährig war. Aber viele Menschen haben diesen Gedanken an mich herangetragen. Nur: Ein Vergleich ist schwierig. Es sind total unterschiedliche Sportarten und Zeiten. Aber es hat schon etwas von einem Märchen, dass wir an dieser WM sind. Mein erster Gedanke war: Cool, dass wir gehen können. Aber so richtig gut wird es erst, wenn wir das erste Spiel gewinnen. So gesehen ist der Sieg gegen Österreich der Dosenöffner für unser WM-Abenteuer.

Der Sieg bedeutet im Normalfall bereits den Einzug in die Hauptrunde.

Ja. Wenn nicht Österreich gegen Frankreich oder Norwegen gewinnt.

Sie sprachen von einem Dosenöffner. Doch, was befindet sich in dieser Dose? Was liegt für die Schweiz an der WM drin?

Das ist noch schwierig zu sagen. Nur weil wir gegen Österreich gewonnen haben, rechnen wir uns nicht grosse Siegchancen gegen Frankreich und Norwegen aus. Schliesslich gehören diese beiden Teams zu den Titelfavoriten. Wir gehen die nächsten Aufgaben gelassen an und versuchen, etwas von der Euphorie nach dem Startsieg mitzunehmen. Es geht für uns in jedem Spiel auch darum, zu zeigen, dass wir zu Recht an dieser WM sind.

Die Schweizer Nati logiert gemeinsam mit sechs weiteren Teams in einem Hotel. Unter anderem monierte der norwegische Superstar Sander Sagosen, die Schutzkonzepte würden zu lasch umgesetzt. Er sagte: «Bis jetzt ist das alles eine Parodie und Wilder Westen gewesen.» Wie nehmen Sie die Zustände im Hotel wahr? Mischen sich die Spieler beim Buffet tatsächlich, wie Sagosen behauptet?

Es ist klar, dass die Schutzkonzepte nicht bis in die letzten Details umgesetzt werden. Aber damit haben wir auch nicht gerechnet. Es war zu erwarten, dass man Dinge sieht, die wahrscheinlich nicht im Hygienekonzept stehen. Mehrheitlich ist es aber sicher. Es ist nicht so, dass man beim Essen alle Mannschaften durcheinander mischt. Und es ist auch nicht so, dass das Hotelpersonal keine Schutzmasken tragen würde. Wir haben uns noch gar nicht gross Gedanken darüber machen können, weil wir erst seit kurzem hier sind. Die Anreise ist nicht zu toppen, deshalb gehen wir relaxed mit solchen Dingen um. Aber klar: Wir müssen vorsichtig sein und auch neben dem Platz beweisen, dass wir professionell sind.

Mit welchen Gefühlen haben Sie sich am Mittwoch testen lassen? Es war klar: Ein positiver Test, und die Reise nach Ägypten am Tag darauf können Sie vergessen.

Ich habe mich in den Tagen und Wochen zuvor sehr diszipliniert verhalten. Aber die Befürchtung, auf der Zielgeraden oder auf der Rollbahn noch ausgebremst zu werden, war präsent.

Apropos Rollbahn. Unmittelbar nach der Landung in Kairo wurde die Mannschaft nochmals getestet.

Auch dort blieb kaum Zeit, uns damit auseinanderzusetzen. Klar ist es ungewöhnlich, wenn man im Bus sitzt und einem jemand ein Stäbchen in den Rachen schiebt. Die vielen speziellen Momente dieser WM-Vorbereitung werden wir ein Leben lang nicht mehr vergessen.

War es der denkwürdigste Tag Ihrer Karriere?

In der Nati definitiv. Eine solche Geschichte kann man wohl nicht mal erfinden, und wir erleben sie hautnah. Diesen Tag werde ich nie mehr vergessen. Leider war keiner mit der Kamera dabei. Das gäbe einen tollen Film.

Erst die lange und beschwerliche Reise, danach der grosse Sieg gegen Österreich. Beschreiben Sie die Ambiance danach!

Wir sind ins Hotel, haben eingecheckt, etwas gegessen. Die Stimmung war eine Mischung aus Stolz, Erleichterung und Müdigkeit. Unsere Substanz war schon stark angekratzt. Die letzten Tage kosteten mental sehr viel Kraft.

Eine grosse Geste war, wie die Schweiz mit der Nummer 18 am Ärmel und die Österreicher Herburger und Frimmel mit der 6 auf der Brust aufliefen. Also Dimitrij Küttels Rückennummer bei der Nati respektive bei Kadetten Schaffhausen. Hatten Sie schon Kontakt mit Küttel, der an Lymphknotenkrebs erkrankt ist?

Er hat uns nach dem Spiel ein SMS geschickt und sich für die Geste bedankt. Und er hat geschrieben, dass er bereit ist, den Kampf um sein wohl wichtigstes Spiel aufzunehmen. Wir stehen komplett hinter ihm und das wollten wir mit der Geste signalisieren.

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