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Halbwegs mit dem Schrecken davongekommen

So defensiv, vorsichtig und unterlegen wie am Sonntag in St.Gallen nach der Pause waren die Young Boys in der Super League jahrelang nicht. Die Spieler des Meisters verbarrikadierten sich nach der 2:1-Führung rund um den eigenen Strafraum, sie schlugen den Ball meistens nur noch hoch und weit und mit den besten Glückwünschen in die gegnerische Hälfte, in die sich lange Zeit gar kein YB-Akteur mehr entschlossen hintraute.

Mit Ruhe im Tollhaus

Bemerkenswert war am Sonntagabend, wie ruhig die Vertreter von YB im Tollhaus Kybunpark blieben. Sportchef Spycher analysierte das Geschehen nüchtern und zog ein positives Fazit: «Das war ein Schritt in die richtige Richtung.» Viel besser als in den vorherigen Auswärtspartien in Luzern (0:2) und Lugano (1:2) präsentierten sich die Young Boys, wobei das nicht besonders schwierig war. In der Offensive mit Fassnacht und Nicolas Ngamaleu auf den Flügeln sowie Torjäger Jean-Pierre Nsame und dem erneut überzeugenden Youngster Felix Mambimbi im Angriff verfügten die Berner über aussergewöhnliche Qualitäten. «Hier muss man zuerst einmal drei Tore erzielen», sagt Spycher.

Es wird die Herausforderung für Seoane sein, seinem Team wieder mehr Stabilität zu verordnen. Der Coach verlor in St.Gallen in riesengrosser Hektik nie den Überblick und sagt, jeder müsse selber für sich entscheiden, wie er mit den Emotionen umgehe. Es war ein smarter Seitenhieb gegen die Entscheidungsträger des FCSG, die nicht immer souverän unterwegs waren und auf das für sie brutale Ende wenig stilvoll reagierten.

Klar für YB aber ist: Mit solchen Abwehrfehlern wie in den letzten Monaten regelmässig wird es schwierig, den Titelhattrick zu realisieren. Vielleicht verletzt sich nun nicht mehr jede Woche ein anderer Leistungsträger, was es den Young Boys erlauben würde, Automatismen und Stilsicherheit zu gewinnen.

In einigen Wochen sollten ihnen mehrere wertvolle Akteure wie Lauper, Sierro, Lotomba und Aebischer wieder zur Verfügung stehen. Zugang Meschack Elia beeindruckt im Training mit flinken Bewegungen. Die Routiniers Miralem Sulejmani und Guillaume Hoarau können sich, wenn sie endlich fit sind, nur steigern.

YB erneut effizient

Und deshalb wird man vielleicht Ende Saison behaupten, an diesem verrückten Februarabend in der Ostschweiz habe YB einen entscheidenden Schritt Richtung Titelverteidigung realisiert. Die St.Galler Aufsteiger wiederum verpassten eine grosse Chance. Sie waren jung und dynamisch, frech und forsch, stark und dominant. Sie hatten mit Stürmer Ermedin Demirovic und Aufbauer Lukas Görtler auch physisch überzeugende Vorzeigefiguren. Aber es gelang ihnen eben wieder nicht, YB zu bezwingen.

Und nach dem verletzungsbedingten Ausfall seines Abwehrchefs Yannis Letard bereits in der 35.Minute beim Stand von 1:0 leistete sich auch der Leader nach zuvor stabiler Vorstellung einige Patzer in der Verteidigung.

Das nutzten die erneut effizienten Young Boys aus. In Lugano eine Woche zuvor hatten sie mit dem ersten Torschuss durch Samuel Ballet gleich getroffen, in St.Gallen landeten die ersten zwei Versuche durch Nsame und Ngamaleu unmittelbar vor der Pause im Netz. Umso erstaunlicher war das harmlose Auftreten nach dem Seitenwechsel. Goalie David von Ballmoos regte sich dermassen über das zuweilen lasche Verhalten seiner Vorderleute auf, dass er mehrmals weit aus seinem Strafraum rannte und Mitspieler lautstark zurechtwies.

Am Ende kam YB halbwegs mit dem Schrecken davon. Aber auch mit der Erkenntnis, dass dieser FC St.Gallen tatsächlich ein ernsthafter Meisterkandidat ist.

Den Young Boys fehlte der Zugriff aufs Geschehen. Weil sie zu tief standen, zu wenig energisch agierten, zu stark darauf hofften, den St.Galler Angriffswirbel irgendwie überstehen zu können.

Der Plan der Gäste, wenn es denn überhaupt einer war, konnte nicht aufgehen.

Und natürlich ging die Abwehrschlacht nicht auf. Dem FCSt.Gallen gelang das 2:2. Der FC St.Gallen schoss zu Beginn der Nachspielzeit das 3:2. Der FCSt.Gallen hatte eine Begegnung gedreht, in der er schon nach einer Viertelstunde 3:0 hätte führen können. «Wir waren in vielen Phasen des Spiels deutlich zu passiv», sagt YB-Trainer Gerardo Seoane. «Es ist uns nicht immer gelungen, richtig in die Zweikämpfe zu kommen», sagt sein Captain Fabian Lustenberger. Und Sportchef Christoph Spycher sagt, YB habe sich teilweise zu weit zurückgezogen.

Ohne Balance und Stabilität

Es gibt gute Gründe für den erneut nicht restlos überzeugenden YB-Auftritt. Die lange Verletztenserie etwa hat dazu geführt, dass mit Jordan Lefort und Nicolas Bürgy die Innenverteidiger Nummer 5 und 6 in der Hierarchie das zentrale Abwehrduo bildeten. Lustenberger war im Mittelfeld gefordert, Sandro Lauper sass nach Kreuzbandriss und monatelanger Pause erstmals auf der Bank, Mohamed Camara und Frederik Sörensen fehlten.

YB liess die Balance in der luftig interpretierten 4-4-2-Formation vermissen, wobei Seoane betont, der zu zaghafte Auftritt sei keine Frage des Systems gewesen. Oft jedoch gerieten die zentralen Aufbauer Lustenberger und Christopher Martins in personelle Unterzahl, Lustenberger fiel erstaunlich oft mit Grätschen und Reklamationen auf. Und unter dem bemerkenswerten Druck der wie euphorisiert auftretenden St.Galler schlichen sich Fehler in der Berner Defensive ein.

YB wankte, YB fiel, aber YB stand wieder auf. Klasse und Moral des Teams sind hoch, und das 3:3 in St.Gallen ist gemessen am Spielverlauf ein sehr gutes, fast schon optimales Ergebnis. Aber der Auftritt stellt die Ansprüche des Vereins nicht zufrieden. So sehen das auch die Spieler. Christian Fassnacht betont mehrmals, dass sich die Young Boys viel mehr vorgenommen hätten: «Wir wollten viel mutiger und offensiver sein. Aber leider ist uns das nicht gelungen.»