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Switzerland

«Gut fürs Klima, gesund für den Menschen»: Konzern-Chef Paul Bulcke (65) im Interview: Darum setzt Nestlé auf Fleisch ohne Fleisch

Was die WEF-Teilnehmer am Veggie-Day in Davos serviert bekamen, sah aus wie Fleisch und schmeckte wie Fleisch – aber es war keines. Nestlé-Präsident Paul Bulcke (65) erklärt, warum das unsere Nahrung der Zukunft ist.

BLICK: Herr Bulcke, was hatten Sie zum Lunch?
Paul Bulcke: Bloss ein paar Gemüseproteine, es war etwas hektisch.

Das WEF legte heute einen vegetarischen Tag ein, mit Fleischersatz aus Ihrer Firma. Wie kam das an?
Fleischersatz ist ein unschönes Wort, nennen Sie es lieber Pflanzenproteine. Viele merken gar nicht, dass sie nicht Fleisch essen.

Ich hätte es auch nicht gemerkt.
Prima, das ist das Ziel. Faszinierend, nicht? Das ist eine neue Dimension in der Entwicklung von Lebensmitteln. Die Menschen können essen, was sie sich geschmacklich gewohnt sind, haben aber viele Vorteile gegenüber Fleisch.

Sie werden zum Metzger-Schreck!
Nein. Wir haben überhaupt nichts gegen Fleisch, wir wollen bloss Alternativen bieten. Wir arbeiten seit 30 Jahren an Gemüseproteinen. In Saucen etwa kommen sie schon lange vor. Jetzt gibt es auch Burger, Speck und Fleischbällchen, die aussehen und schmecken wie die Originale.

Verhilft die Klimadiskussion dem Fleischersatz zum Durchbruch?
Mit dem Konsum pflanzlicher statt tierischer Proteine verursachen die Menschen einen viel kleineren ökologischen Fussabdruck. Das kann bis zu 90 Prozent ausmachen! Es ist gut, gesund und geschmacklich auch für Fleischliebhaber attraktiv.

300 Lebensmittelingenieure forschen bei Nestlé an neuen Lebensmitteln. Was ist das Schwierige?
Konsistenz, Geschmack und das Äussere müssen stimmen, schliesslich isst man auch mit dem Auge. Dann müssen die Kunden wissen, dass sie mit Gemüseproteinen auch die Nährstoffe aufnehmen, die der Mensch braucht. Das ist ja bei ausschliesslich veganer Ernährung nicht der Fall.

Um wie viel wird der Fleischkonsum zurückgehen?
Der steigt weltweit ja immer noch an, weil die Menschen an vielen Orten sich erst jetzt ein Stück Fleisch leisten können. Wo ich sicher bin: Es findet bei uns gerade ein fundamentaler Wechsel statt.

Was macht Sie so sicher, dass es nicht nur ein Hype ist?
Die Reaktion der Leute. Die Gesellschaft will nicht mehr weitermachen wie bisher, und das finde ich gut. Die Klimaerwärmung ist ein Fakt. Unsere Kinder und Grosskinder sagen: Hört auf – es geht um unsere Zukunft!

Warum brauchte es Greta Thunberg, damit auch Grosskonzerne handeln?
Greta Thunberg hat den Klimawandel über alle Generationen und alle gesellschaftlichen Schichten hinweg zum Gesprächsthema gemacht. Wir arbeiten seit Jahrzehnten an nachhaltiger Nahrung. Wir sind bereit. Und wenn sich wirklich etwas ändern soll, können Grosskonzerne am meisten bewirken. Wir wollen bis 2050 netto null CO2 ausstossen, nicht nur in unseren Fabriken, sondern in der ganzen Linie, vom Bauernhof bis zum Produkt.

Das sind 30 Jahre, dann sind Sie längst nicht mehr im Amt. Warum dauert das so lange?
Moment, wir werden bald konkrete Zwischenziele bekannt geben und uns daran messen. Das ist das CO2-Ziel. Wir haben auch andere Themen: Bis 2025 wollen wir 100 Prozent wiederverwendbare oder recycelbare Verpackungen, das ist quasi jetzt! Es geht schnell! Mir ist aber auch wichtig, dass diese Themen nicht zur PR verkommen. Das WEF arbeitet daran, eine Reporting-Plattform zu schaffen. Jede Firma macht heute ein Finanzreporting, aber noch nicht alle ein Umwelt-Reporting.

Wenn die Menschen in zehn Jahren Nestlé-Produkte kaufen: Was wird anders sein?
Sie werden sie nach wie vor lieben, weil sie gut sind …

… Das ist jetzt PR pur!
Aber es stimmt! Es wird viel mehr pflanzenbasierte und gesündere Produkte geben, dann auch personalisierte Nahrung, deren Nährstoffe individuell abgestimmt sind. Die Verpackung wird revolutioniert: leichter, nachhaltiger, viel weniger Plastik. Grosse Dinge passieren, schneller denn je! Und ich hoffe, dass dadurch auch wieder Vertrauen aufgebaut wird in Politik und Wirtschaft.

Ihr Markt ist die Welt – aber braucht die ganze Welt dasselbe?
In gewissen Teilen der Welt sind die Menschen überernährt, anderswo unterernährt. Deshalb sind wir völlig dezentralisiert: Nestlé Indien versteht, was Indien braucht. Nestlé in Afrika versteht, was Afrika braucht. Wir verkaufen täglich 1,3 Milliarden Produkte!

Ihr Unternehmen hat mehr als 300'000 Angestellte. Wie stellen Sie sicher, dass sich auch wirklich was verändert, wenn Sie in der Konzernzentrale etwas entscheiden?
Uns gibt es nicht erst seit gestern, sondern seit 150 Jahren. Wir haben eine Kultur, Strukturen, die richtigen Talente am richtigen Ort. Jeder weiss, was er wie und warum zu tun hat.

Nestlé-Präsident Paul Bulcke

Paul Bulcke (65) war acht Jahre CEO und ist seit 2017 Verwaltungsratspräsident von Nestlé, dem weltgrössten Nahrungsmittelhersteller mit Sitz am Genfersee. Der Wirtschaftsingenieur stammt aus Belgien und arbeitet seit 1979 in verschiedenen Funktionen für Nestlé. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und sieben Grosskinder. Vor kurzem hat er ein Haus im Greyerzerland gekauft und ist Schweizer Bürger geworden.

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