Switzerland

Gurits mutiger Schritt zahlt sich aus

Der Zürcher Material- und Formenhersteller Gurit profitiert von der Konzentration auf das Windenergie-Geschäft, das derzeit rasant wächst. Das Unternehmen investiert überdurchschnittlich viel in neue Kapazitäten.

Konzernchef Rudolf Hadorn will in neue Kapazitäten investieren.

Konzernchef Rudolf Hadorn will in neue Kapazitäten investieren. 

Dominic Steinmann / Keystone

Mit vier Fabriken in China ist auch Gurit von den Auswirkungen des Corona-Virus direkt betroffen. Ein Werk sei derzeit zu. Wie gross der Schaden sein wird, könne er noch nicht quantifizieren, sagte Konzernchef Rudolf Hadorn anlässlich der Bilanzmedienkonferenz. Trotzdem reichte dies aus, damit der Hersteller von Verbundstoffmaterialien und Formen für die Windenergie seine Prognosen für das laufende Jahr etwas zurückhaltender als beabsichtigt formulieren muss. Einen Umsatz um 600 Mio. Fr. sowie eine Ebit-Marge von 8,5% bis 11% sagt nun das Budget vorher. Was die Rentabilität betrifft, will sich das Unternehmen nicht aus dem Fenster lehnen, eine 11%ige Ebit-Marge wurde in den fortlaufenden Aktivitäten (ohne die verkaufte Fabrik in Ungarn, die an die Autobranche liefert) schon in 2019 erwirtschaftet.  

Höhere Dividende

Der etwas zaghafte Ausblick kontrastiert mit einer soliden Verfassung des Unternehmens, die seit langem nicht mehr so gut war. Die 2018 durch die Akquisition der dänischen JBS begleitete Konzentration auf das Windenergiegeschäft, das nun über drei Viertel der Einnahmen generiert, wurde überraschend rasch und gut verdaut. Dank einem äusserst robusten operativen Cashflow konnten nicht nur die überdurchschnittlich hohen Investitionen in neue Anlagen finanziert, sondern auch die Nettoschulden um einen Drittel reduziert werden (vgl. Tabelle). Das erlaubt es dem Unternehmen, die Dividende auf 25 Fr. (i. V. 20) pro Aktie zu erhöhen. 

Wegen des rasanten Baus neuer Windkraftwerke – im vergangenen Jahr erhöhten sich die neu installierten Kapazitäten weltweit um 32% auf 66 Gigawatt – ist es zu Materialengpässen gekommen, die noch einige Zeit brauchen, bis sie behoben sind. Innert Jahresfrist habe sich der Preis für Balsaholz verdoppelt. Weil auch das Angebot an Polyethylenterephthalat (PET) knapp ist, errichtet Gurit in Mexiko und China neue Extrusionsanlagen, die aus PET die Hochleistungskunststoffe herstellen, die es für die riesigen Rotorenblätter der Windturbinen braucht. Ende Jahr wird das Unternehmen über fünf eigene Extrusionsanlagen für PET verfügen. Deren Ausstoss sei zu einem beträchtlichen Teil von den Kunden, den Herstellern der Windturbinen, vertraglich abgenommen worden.   

Letzte Schweizer Produktionsstätte schliesst

Flau läuft es Gurit zurzeit lediglich im Bereich Werkzeuge (u. a. Wendesysteme für Formen). Weil es sich bei den Abnehmern zunehmend um lokale chinesische Kunden handelt, schmälert dies vorübergehend auch die Rentabilität. In dem für die Luft- und Raumfahrt produzierenden Bereich wird Gurit in gute einem Jahr den letzten Schweizer Produktionsstandort in Zullwil (SO) schliessen und die Fabrikation nach Kassel (D) verlagern. Davon sind in der Schweiz 30 Mitarbeiter betroffen.

Mit Blick auf die hohe Abhängigkeit vom Windenergiegeschäft hängt die Gesundheit von Gurit grösstenteils davon ab, wie viele neue Kapazitäten in den kommenden Jahren errichtet werden. Weil in den beiden wichtigen Märkten USA und China Subventionen auslaufen, rechnen Branchenexperten ab 2021 mit einem zaghafteren Ausbau, «es könnte aber auch mehr sein», sagte Hadorn, der mit Gurit schon einige Zyklen durchlaufen hat. In der Vergangenheit hat sich wiederholt gezeigt, wie rasch Prognosen auf den Kopf gestellt werden, weil Förderregimes verlängert, gestrichen oder erneuert wurden. Wenn die langfristigen Erwartungen zutreffen, dass über drei Viertel der in den kommenden Jahrzehnten investierten Mittel in Kraftwerke aus erneuerbaren Energien fliessen, sollte das Umfeld für Gurit günstig bleiben.  

Gurit in Zahlen

Geldwerte in Mio. Fr. (Swiss GAAP FER)

2018 2019 +/–%
Umsatz 425,3 576,4 36
Betriebsergebnis Ebit 28,6 51,9 81
Ebit-Marge (%) 6,7 9
Konzernergebnis 19,9 34,9 75
Cashflow aus Geschäftstätigkeit 19,4 65,9 240
Rendite Nettoaktiven (Rona, %) 9,4 12,2
Eigenkapitalquote (%) 33,8 40,2
Nettoschulden 80 52,9 –34
Personalbestand 2419 2923 21