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Gott verbreitet Fake News auf Twitter

Der äusserst populäre Comedy-Twitterer The Tweet Of God beschuldigt US-Präsident Trump des Mords. Was steckt dahinter?

US-Präsident Donald Trump im stillen Gebet. Jetzt hat Gott anscheinend genug – zumindest auf Twitter.

US-Präsident Donald Trump im stillen Gebet. Jetzt hat Gott anscheinend genug – zumindest auf Twitter.

Foto: Keystone

Eigentlich ist Gott ein ganz lustiger Typ. Zumindest auf Twitter. Dort meldet er sich seit bald zehn Jahren als The Tweet Of God zum irdischen Geschehen zu Wort, oft religionskritisch, meist sarkastisch, manchmal auch etwas zynisch. Mal schwört er, bei der nächsten Schöpfung bleibe er nüchtern, den Tod von Rock-’n’-Roll-Legende Little Richard kommentierte er liebevoll: «Ich habe einen Neuen hier oben, er brabbelt. Weiss jemand, wasWop-Bop-A-Loo-Bop-A-Lop-Bam-Boombedeutet?»


Doch seit einigen Tagen zürnt der Allmächtige. Am Dienstag setzte er einen Tweet ab, der es in sich hat.

«Donald Trump hat im Oktober 2000 seine persönliche Assistentin Carolyn Gombell getötet. Er hat sie erwürgt, weil sie schwanger geworden war und damit drohte, es der Presse zu erzählen. Dann hat er den Chef der New Yorker Polizei Bernie Kierik bestochen, es zu vertuschen. ES IST AN DER ZEIT, ZU ERMITTELN. #JusticeForCarolyn»

Spielt der Twitter-Gott auf eine Schmutzkampagne Trumps an?

US-Präsident Trump ein Mörder? Ist der Herr jetzt verrückt geworden? Keine Spur der sonst so feinen Ironie war da zu lesen, er schob noch ein paar Tweets mit angeblichen Fakten zum Fall hinterher, und erntete damit Zehntausende Retweets und weit über 100’000 Likes. Meint Er das ernst?

Nun sind die Wege des Herrn, das wissen wir aus der Bibel, oft unergründlich; es bleibt also nur zu vermuten, dass The Tweet Of God auf eine Twitter-Kampagne Trumps reagiert, die dieser früher im Monat Mai begonnen hatte. Dass der US-Präsident Twitter als bevorzugten Kommunikationskanal nutzt und dort im Umgang mit Kritikern nicht grade zimperlich ist, ist hinlänglich bekannt.

Am 12. Mai twitterte der Mann im Weissen Haus etwas, was selbst für seine Verhältnisse geschmacklos schien.

«Wann öffnen sie den ungeklärten Fall mit der Psycho-Joe-Scarborough-Sache in Florida. Ist er mit einem Mord davongekommen? Manche denken das. Warum verliess er den Kongress so leise und schnell? Ist das nicht offensichtlich? Was passiert jetzt? Ein totaler Irrer!»

Dieser Tweet scheint selbst Trumps Unterstützern zu derb

Um diesen Tweet zu erklären, muss man ausholen: Joe Scarborough war von 1994 bis 2001 republikanischer Kongressabgeordneter für den ersten Distrikt in Florida. Danach wechselte er in die Medienbranche und moderiert seit 2007 beim Fernsehsender MSNBC das Morgenmagazin «Morning Joe». Noch als Mitglied der Republikanischen Partei wendete er sich 2016 gegen eine Kandidatur Trumps und kritisierte den Präsidenten seither immer wieder.

Natürlich liess Trump die Kritik nicht unerwidert, die Bezeichnung «Crazy Joe» nutzt der US-Präsident bereits seit einer Weile. Seiner Partei warf Scarborough vor, ihre Werte auch im Hinblick auf eine Unterstützung Trumps verletzt zu haben und wechselte 2017 vom republikanischen in das unabhängige Lager.

Der Vorfall, auf den sich Trump am 12. Mai bezog, ereignete sich im Sommer 2001. Damals starb eine Mitarbeiterin Scarboroughs, Lori Klausutis, während der Arbeit an den Folgen eines Sturzes sowie einer Herzerkrankung. Obwohl die Polizei den Tod auf natürliche Ursachen zurückführte, bringt Trump Scarborough nun mit dem Ableben Klausutis in Verbindung.

Dass der mächtigste Mann der Welt Verschwörungstheorien verbreitet, ist leider nichts Neues. Doch dieser Tweet scheint selbst seinen Unterstützern etwas zu derb, wie die New York Times berichtete.

Twitter reagiert, wenn auch spät

Und auch Twitter scheint langsam der Geduldsfaden zu reissen. Liess der Kurznachrichtendienst ihren wohl populärsten Nutzer bislang weitgehend gewähren, versah er am Dienstag erstmals einen Tweet Trumps mit einem Hinweis, der zu weiteren Informationen führte. Und nun eskaliert Twitter weiter: Ein Tweet Trumps wurde verborgen, weil er möglichen Plünderern mit Gewalt droht. Derzeit finden in den USA nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd vielerorts teils gewalttätige Proteste statt.

Erstmals wurde ein Tweet des US-Präsidenten mit einem Hinweis versehen, dass er wohl zumindest irreführend sei.

Erstmals wurde ein Tweet des US-Präsidenten mit einem Hinweis versehen, dass er wohl zumindest irreführend sei.

Screenshot: Twitter.com/realDonaldTrump

Twitter greift spät durch. Kritiker fordern seit Jahren, gegen das erratische Verhalten des Präsidenten vorzugehen; dass dies zu einer Zeit besonderer Krise und eines startenden Wahlkampfs beginnt, kann man als pikant werten. Zumal in Bezug auf die Scarborough-Affäre vor kurzem noch der Bitte des Witwers Klausutis nicht stattgegeben wurde, Trumps Tweet zu löschen.

Doch was hat das jetzt alles mit Gott zu tun? Es scheint, als wolle er mit seiner haltlosen Anschuldigung uns Erdenkindern aufzeigen, wie verrückt das alles ist, was der US-Präsident auf Twitter so treibt. Vielleicht möchte The Tweet Of God auch die Plattform selbst herausfordern. Sein Tweet, auf den er bereits mehrfach nachgedoppelt hat, blieb bislang unkommentiert stehen.

Problematisch ist, dass The Tweet Of God über sechs Millionen Menschen folgen, die nun ihrerseits Fake News ausgesetzt sind. Die natürlich nicht witzig werden, nur weil es Donald Trump trifft. Wie ernst die Sache ist, zeigt wohl auch die Tatsache, dass die Fact-Checking-Website Snopes sich dem Vorwurf angenommen hat. Ihr Urteil ist klar: Nein, Trump hat keine Frau namens Carolyn Gombell umgebracht.

Hinter The Tweet Of God steht übrigens David Javerbaum, Autor und Comedy-Schreiber. Er arbeitete viele Jahre für die «Daily Show» von Jon Stewart und hat Gottes Memoiren geschrieben, die seit einigen Jahren auch als Broadway-Musical aufgeführt werden. Dass ein solcher Mann im Frühjahr 2020 am Ende seiner Geduld mit dem US-Präsidenten ist, dürfte verständlich sein. So betrachtet kann man den Tweet mit der ungeheuren Anschuldigung auch einfach als menschliche Überreaktion lesen. Dass der Comedy-Gott auf Twitter Fake News an seine Schäflein verbreitet, ist aber vor allem eins: nicht lustig.

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