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Gold-Schützin Christen über ihre post-olympische Depression: «Ich wollte am Morgen nicht mehr aufstehen»

Emanuel Gisi (Interview) und Benjamin Soland (Fotos)

Freitagnachmittag, 14 Uhr, Küssnacht am Rigi. Nina Christen erscheint auf die Minute pünktlich zum Interviewtermin. Die 27-jährige Schützin, die im Sommer in Tokio Olympia-Gold im Dreistellungsmatch und Bronze im 10-m-Luftgewehr-Wettbewerb holte, zog sich kurz nach ihrer Rückkehr aus Japan komplett aus der Öffentlichkeit zurück – eine post-olympische Depression hatte der Nidwaldnerin schwer zugesetzt. Nun mag sie sich erstmals zu den Geschehnissen der letzten Monate äussern. Die Oktobersonne sorgt dafür, dass es auf der Terrasse des «Seehofs» nicht nur ruhig ist, sondern angenehm warm. Christen bestellt einen Cappuccino und beginnt zu erzählen.

Blick: Nina Christen, nach den Spielen gab es Berichte von Olympiasiegern, deren Goldmedaillen abgeblättert sind. Bei Ihnen auch?
Christen: Nein, meine sieht eigentlich noch ganz gut aus.

Sie haben ein robusteres Stück bekommen?
Bis jetzt scheint es so. Aber als ich meine Gold- und meine Bronzemedaille das letzte Mal angeschaut habe, hatten sie ein paar «Näggi», Gebrauchsspuren.

Wie ist das denn passiert?
(lacht) Das kommt vor, wenn man zwei Medaillen gewinnt. Die schlagen die ganze Zeit gegeneinander, das sieht man ihnen an. Gerade bei der goldenen, Gold ist ja relativ weich. Ein Luxusproblem, würde ich sagen.

Wie oft schauen Sie Ihre Medaillen an?
Gar nicht so oft. Aber manchmal mache ich es, weil ich denke, es hilft mir, zu realisieren, was ich in Tokio erlebt habe.

Realisieren Sie noch nicht, dass Sie Olympiasiegerin sind?
Ich weiss natürlich, dass ich es bin. Aber so richtig gecheckt habe ich es noch nicht. Darum schaue ich mir die Aufzeichnung des Olympiafinals manchmal wieder an.

Was sehen Sie da?
Das ist schwierig zu beschreiben. Ich hatte je länger es her war, desto mehr das Gefühl, dass das nicht ich bin, die ich im Fernsehen sehe. Ich sehe jemanden, aber ich fühle nicht mit. Das versuche ich nun zurückzubekommen, meine Emotionen wieder zurückzukriegen. Ich versuche aufzuschreiben, warum und wie ich geschafft habe, was ich geschafft habe. Es ist, als ob ich diese Gefühle erst wieder freischalten müsste.

Sie haben eine schwierige Zeit hinter sich, im September machten sie öffentlich, dass sie an einer post-olympischen Depression leiden.
Irgendwann habe ich gemerkt: Es geht nicht mehr. Es ist fertig. Ich bin völlig erschöpft. Ich kann nicht mehr. Es ging mir nicht gut. Es kam einfach der Moment, wo ich niemanden mehr sehen wollte. Ich wollte am Morgen nicht mehr aufstehen, nur noch daheimbleiben.

Was war passiert?
Die ersten zwei, drei Wochen nach Olympia hatte ich so viele Verpflichtungen, da habe ich einfach funktioniert. Das Adrenalin hat am Anfang sehr viel geholfen. Als ich mehr Freiheit hatte, kam plötzlich die Frage: Warum mag ich morgens nicht mehr aufstehen? Warum habe ich keine Lust mehr, rauszugehen? Da wusste ich, ich muss etwas ändern.

Phelps und Cancellara litten auch darunter

Nina Christen ist kein Einzelfall. Rekord-Olympionike Michael Phelps kämpfte damit, Rad-Star Fabian Cancellara war betroffen, Ski-Überflieger Bode Miller ebenfalls, genauso wie Short-Track-Ikone Apolo Ohno: post-olympische Depression. Wer jahrelang mit höchstem Einsatz auf ein Ziel wie Olympische Spiele hinarbeitet, kann danach in ein tiefes Loch stürzen.

Der 23-fache Olympiasieger Phelps erzählte später, dass er jedesmal nach den Spielen in eine schwere Depression gefallen sei. Nach London 2012 dachte er gar über Suizid nach, hatte Probleme mit Drogen und Alkohol.

Der Sportpsychologe Scott Goldman von der Universität Michigan beschreibt es als «Achterbahnfahrt, schnell und hektisch. Sie kommt in der Sekunde zum Stillstand, in der die Olympsichen Spiele vorbei sind», sagt er in «The Atlantic». «Die Athleten sind körperlich und geistig erschöpft, weil es so ein Ansturm auf ihr System ist.»

Die australischen Forscher Courtney Walton and Andrew Bennie beschäftigten sich zuletzt ebenfalls mit der Materie. Sie sagen: «Die Wochen und Monate nach den Spielen sind entscheidend für das Wohlbefinden der Athleten.» Hilfreich sei zum Beispiel, wenn bereits im Voraus ein Unterstützungs-System etabliert und Pläne geschmiedet würden – Ferien, eine Hochzeit, ein kleiner Job, Training.

Aber ganz generell müsse «ein grösseres Augenmerk auf die mentale Gesundheit von Athleten gelegt werden», so Sportwissenschaftler Bennie und Psychologe Walton. Das Thema dürfte in den nächsten Jahren wichtiger werden.

Nina Christen ist kein Einzelfall. Rekord-Olympionike Michael Phelps kämpfte damit, Rad-Star Fabian Cancellara war betroffen, Ski-Überflieger Bode Miller ebenfalls, genauso wie Short-Track-Ikone Apolo Ohno: post-olympische Depression. Wer jahrelang mit höchstem Einsatz auf ein Ziel wie Olympische Spiele hinarbeitet, kann danach in ein tiefes Loch stürzen.

Der 23-fache Olympiasieger Phelps erzählte später, dass er jedesmal nach den Spielen in eine schwere Depression gefallen sei. Nach London 2012 dachte er gar über Suizid nach, hatte Probleme mit Drogen und Alkohol.

Der Sportpsychologe Scott Goldman von der Universität Michigan beschreibt es als «Achterbahnfahrt, schnell und hektisch. Sie kommt in der Sekunde zum Stillstand, in der die Olympsichen Spiele vorbei sind», sagt er in «The Atlantic». «Die Athleten sind körperlich und geistig erschöpft, weil es so ein Ansturm auf ihr System ist.»

Die australischen Forscher Courtney Walton and Andrew Bennie beschäftigten sich zuletzt ebenfalls mit der Materie. Sie sagen: «Die Wochen und Monate nach den Spielen sind entscheidend für das Wohlbefinden der Athleten.» Hilfreich sei zum Beispiel, wenn bereits im Voraus ein Unterstützungs-System etabliert und Pläne geschmiedet würden – Ferien, eine Hochzeit, ein kleiner Job, Training.

Aber ganz generell müsse «ein grösseres Augenmerk auf die mentale Gesundheit von Athleten gelegt werden», so Sportwissenschaftler Bennie und Psychologe Walton. Das Thema dürfte in den nächsten Jahren wichtiger werden.

Wissen Sie, was schiefgelaufen ist?
Schwierig. Die Struktur war weg, das Training fand nicht statt, meine Ziele hatte ich erreicht. Ich hatte mit meinem Sportpsychologen Jörg Wetzel darüber gesprochen, dass es sein kann, dass ich in ein Loch falle. Das kann passieren, wenn man so viele Jahre so stark auf etwas hingearbeitet hat – und dann ist es vorbei. Es begann mit dem Empfang nach dem zwölfstündigen Rückflug aus Tokio.

Was war da los?
Der Trubel in der Ankunftshalle am Flughafen in Zürich… das war ein riesiger Stress für mich. Ich wusste, die sind alle wegen mir da. Die freuen sich alle für mich und mit mir. Die Schützen sind mit so vielen Leuten aufgefahren, das hat mich gleichzeitig sehr stolz gemacht. Aber es war schon sehr viel. Und die nächsten Wochen blieb es dann so. Bis ich irgendwann Stopp gesagt und mich zurückgezogen habe.

Hätte Ihnen das auch passieren können, wenn Sie bei den Spielen nicht so erfolgreich gewesen wären?
Das werden wir nie erfahren. (lacht) Aber ich kenne Schützinnen aus anderen Ländern, die ähnliche oder schlimmere Erfahrungen gemacht haben.

Wie geht es Ihnen denn jetzt?
Besser. Ich habe wieder mehr Energie. Dadurch geht vieles wieder besser. Aufstehen, denken, sich etwas bewegen. Ich kann ein bisschen an die Zukunft denken. In der Zeit davor musste ich mich zu allem zwingen.

Was war das Schwierigste?
Am Morgen aufzustehen. Ich bin einfach nicht aus dem Bett gekommen. Bis ich mit Jörg Wetzel einen Plan gemacht habe: Um 9 Uhr aufstehen, um 22.30 Uhr ins Bett, eine Stunde vorher schon kein Handy mehr. Und ich habe ein paar Tricks gelernt: Ich habe bewusst um 10 Uhr morgens etwas abgemacht, damit ich auch wirklich aufstehen musste. Man muss dazu wissen: Ich mag zwar kein Morgenmensch sein, vor Olympia bin ich jahrelang regelmässig um 7.30 Uhr aufgestanden, um ins Training zu gehen, das war überhaupt kein Ding. Und jetzt ging es nicht mehr.

Wie haben die Leute auf Ihre Erklärung reagiert?
Der grösste Teil sehr verständnisvoll. Viele sind auch auf mich zugekommen und haben mir von ihren eigenen Erfahrungen erzählt. Zu Beginn musste ich aber auch das dosieren, weil es selbst manchmal zu streng war zuzuhören. Mittlerweile freue ich mich über jede Geschichte.

Im Moment trainieren Sie nicht, Ihr nächster Wettkampf steht in den Sternen. Was denken Sie beim Stichwort Paris 2024?
Dass ich da gerne dabei sein möchte. Aber es ist auch vieles offen. Kurz- und mittelfristige Ziele habe ich mir noch nicht gesetzt. Ich weiss noch nicht, wann ich wieder trainieren werde. Mein Bauch sagt aber: Ich höre nicht auf, ich mache weiter. Aber man weiss es nie. So ehrlich muss ich sein.