Switzerland

Gigafactory von Tesla: Wenn der ungeduldige Pionier Elon Musk auf deutsche Gründlichkeit trifft

Das Tempo auf der Grossbaustelle für eine Elektroauto-Fabrik des US-Herstellers Tesla ist für deutsche Verhältnisse enorm. Man will zeigen, dass nicht alles so lange braucht wie der benachbarte neue Hauptstadtflughafen.

Die Aufnahme vom 20. September zeigt den Rohbau einer Montagehalle auf der Grossbaustelle der Tesla Gigafactory in Grünheide bei Berlin.

Die Aufnahme vom 20. September zeigt den Rohbau einer Montagehalle auf der Grossbaustelle der Tesla Gigafactory in Grünheide bei Berlin.

Alex Kraus / Bloomberg

«Dass in einem Trinkwasserschutzgebiet so eine Fabrik gebaut werden darf, ist ein Verbrechen», sagt Manu Hoyer von der Bürgerinitiative Grünheide im Gespräch am Rande einer Anhörung ein paar Kilometer von der Baustelle entfernt. «Also ich freue mich ohne Ende, dass wir das Projekt haben, obwohl es uns auch ziemlich anstrengt», meint dagegen Dietmar Woidke, Ministerpräsident des ostdeutschen Bundeslandes Brandenburg im Interview mit der NZZ am Regierungssitz in Potsdam.

Dietmar Woidke, Ministerpräsident des Bundeslandes Brandenburg.

Dietmar Woidke, Ministerpräsident des Bundeslandes Brandenburg.

Krisztian Bocsi / Bloomberg

Wie Tesla nach Grünheide kam . . .

Kein Zweifel: Die «Gigafactory», die der US-amerikanische Elektroautohersteller Tesla derzeit in Grünheide in der Nähe von Berlin hochzieht, polarisiert wie kaum eine andere Baustelle. Vornehmlich jüngere Technikbegeisterte verfolgen die Baufortschritte ebenso akribisch wie euphorisch; eher ältere Naturschützer versuchen energisch, das Projekt durch Einsprachen doch noch zu verhindern oder zu bremsen; Politiker wie Woidke hoffen auf Investitionen, Folgeinvestitionen und Arbeitsplätze.

Von einer Drohne aufgenommen: Sand- und Kiesvorräte auf der Baustelle für die Gigafactory von Tesla in Grünheide.

Von einer Drohne aufgenommen: Sand- und Kiesvorräte auf der Baustelle für die Gigafactory von Tesla in Grünheide.

Sean Gallup / Getty

Dass das Projekt die Wogen derart hochgehen lässt, hat auch mit seiner schieren Grösse und der für deutsche Verhältnisse atemberaubenden Geschwindigkeit seiner Realisierung zu tun. Laut Woidke ist es das grösste private Investitionsprojekt in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung. Noch ist es kein Jahr her, dass Tesla-Chef Elon Musk bei einem Auftritt in Berlin am 12. November 2019 überraschend angekündigt hat, die geplante Gigafactory in Europa werde im Umfeld von Berlin angesiedelt. Zahlreiche Standorte in Europa hatten sich für die Ansiedelung interessiert, als Tesla bekanntgab, nach Werken in den USA und China eine vierte Gigafactory in Europa bauen zu wollen.

Den Zuschlag erhielt die Gemeinde Grünheide. Sie liegt in einer idyllischen brandenburgischen Seen- und Waldlandschaft im Südosten von Berlin und gehört zum Speckgürtel der Hauptstadt. Wer heute den Standort besucht, findet eine gigantische Baustelle mit bereits weit vorangeschrittenen Rohbauten, wo noch vor Jahresfrist Wald stand. Fast besser als vor Ort lässt sich der Bau im Internet verfolgen, da einige Fans des Projekts die Baufortschritte immer wieder dokumentieren, unter anderem mithilfe von Drohnen, und ihre teilweise eindrücklichen Foto- und Filmaufnahmen über Kanäle wie Twitter und Youtube verbreiten.

Die ein Stück ausserhalb der Ortschaft Grünheide gelegene Baustelle grenzt im Süden an ein bestehendes Güterverkehrszentrum, im Westen an die Autobahn A 10 (Berliner Ring), und im Norden führt die Bahnstrecke Berlin–Frankfurt (Oder) am Gelände vorbei. Die Nähe zu diesen wichtigen Verkehrssträngen war eines der Argumente für den Standort. Hinzu kam, dass hier ein grosses Grundstück in Landesbesitz zur Verfügung stand, auf dem zwar Wald stand, das aber seit rund 20 Jahren – ursprünglich mit Blick auf Pläne von BMW – für eine Industrieansiedlung gesichert ist, wie Arne Christiani, Bürgermeister von Grünheide, im Gespräch erläutert. Dies vereinfache das Genehmigungsverfahren.

Arne Christiani, Bürgermeister von Grünheide.

Arne Christiani, Bürgermeister von Grünheide.

Krisztian Bocsi / Bloomberg

Einer der wesentlichen Punkte für Elon Musk sei zudem die Versorgung mit erneuerbarer Energie, ergänzt Ministerpräsident Woidke. «Tesla will am Ende nicht nur das klimaneutralste Auto haben, sondern auch das Auto mit der klimaneutralsten Produktion», erklärt er. Dazu brauche das Unternehmen erneuerbare Energie, und die könne man in Brandenburg, dem Bundesland mit der höchsten Produktion solcher Energien pro Kopf und pro Fläche, liefern. Mit der Gigafactory könne man zeigen, dass Klimaschutz mit Wertschöpfung und der Schaffung von Arbeitsplätzen verbunden werden könne.

. . . und nach Berlin schielt

Beim Standortentscheid ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die Nähe zu Berlin. Die Grossstadt beherbergt nicht nur viele wissenschaftliche Einrichtungen, sondern bietet sich auch als Wohnort für Mitarbeiter an – und sie passt zum hippen Selbstbild, das Musk und Tesla von sich pflegen. Der Konzernchef spricht denn auch gerne von «Giga Berlin», wenn er das Projekt in Brandenburg meint.

Ferner kann Tesla wie jedes andere Unternehmen staatliche Fördergelder beantragen für Investitionen, die die regionale Wirtschaftsstruktur verbessern, und für die Qualifizierung von Fachkräften. Ein erster Antrag liegt laut Angaben des Bundeslandes vor. Da die förderfähige Investition wohl über 100 Mio. € liegen werde, sei eine Zustimmung der EU-Kommission nötig, heisst es in einer Internet-Dokumentation des Bundeslandes – sie ist eine der ausführlichsten Informationsquellen über das Projekt, da Tesla selbst kaum informiert und Anfragen selten beantwortet. Bei der Grösse des Projekts spiele die Förderung aber wohl eine untergeordnete Rolle, sagt Woidke dazu. Noch ist der Umfang des Tesla-Vorhabens nicht ganz klar. In der erwähnten Dokumentation heisst es unter Verweis auf Tesla, die Gesamtinvestition solle im «mittleren einstelligen Milliardenbereich» liegen.

Im Januar hat das Bundesland das rund 300 ha grosse Grundstück in Grünheide für 43,4 Mio. € an den US-Konzern verkauft. Schon im Februar begann Tesla mit der Rodung eines Teilstücks von 92 ha, begleitet von einzelnen Protestaktionen und kurz unterbrochen von einem temporären Rodungsstopp infolge von Klagen zweier Naturschutzverbände. Es folgten Planierungsarbeiten und der Beginn der eigentlichen Bauarbeiten, obwohl die definitive Genehmigung des Projekts durch das Landesamt für Umwelt noch immer aussteht.

Start auf eigenes Risiko

Den Kritikern des Projekts ist dieser vorzeitige Baubeginn ein Dorn im Auge. An der eingangs erwähnten Anhörung, die Corona-bedingt von März auf September/Oktober verschoben worden war, geisselten sie deswegen das ganze Genehmigungsverfahren voller Bitterkeit und Misstrauen als Farce. An der Veranstaltung in der Stadthalle im nahen Erkner wurden die Einwendungen erörtert, die gut 400 Einzelpersonen, Verbände und Bürgerinitiativen zuvor eingebracht hatten – während acht statt wie ursprünglich vorgesehen zweier Tage. Nun wird all dies ausgewertet, und ein Genehmigungsentscheid wird bis Ende Jahr erwartet.

Dass er positiv ausfallen wird, gegebenenfalls mit Auflagen, bezweifelt kaum jemand. Woidke und Christiani weisen aber jeden Vorwurf zurück, dass das Prestigeprojekt eine Vorzugsbehandlung geniesse. Tatsächlich sieht das relevante Gesetz (Paragraf 8a Bundes-Immissionsschutzgesetz) explizit vor, dass die Behörde auf Antrag vorläufige Baumassnahmen zulassen soll, falls drei Voraussetzungen erfüllt sind: Erstens muss (am Ende) mit einer Entscheidung zugunsten des Projekts gerechnet werden können, zweitens muss ein öffentliches Interesse oder ein berechtigtes Interesse des Antragstellers am vorzeitigen Beginn bestehen, und drittens erfolgt dieser auf eigenes Risiko des Antragstellers. Würde Tesla am Ende doch keine Genehmigung erhalten, müsste der Konzern die Gigafactory zurückbauen. Dieser Weg vorläufiger Zulassungen werde häufig genutzt, er sei keine Spezialität von Tesla, betonen beide Politiker.

Die Tesla-Baustelle in Grünheide ist fast schon zu einer Touristenattraktion geworden: An einem sonnigen Sonntag im September werfen Radfahrer einen Blick darauf.

Die Tesla-Baustelle in Grünheide ist fast schon zu einer Touristenattraktion geworden: An einem sonnigen Sonntag im September werfen Radfahrer einen Blick darauf.

Alex Kraus / Bloomberg

Aussergewöhnlich ist allerdings das Tempo, das Elon Musk anschlägt. Schon nächsten Sommer soll das erste Auto in Grünheide vom Band rollen. Vorgesehen ist in der ersten Ausbaustufe eine Produktionskapazität von bis zu 500 000 Fahrzeugen vor allem des Typs Model Y pro Jahr. Zu ihrer Herstellung sollen bei Vollauslastung bis zu 12 000 Mitarbeiter im Dreischichtbetrieb in Grünheide arbeiten. Die Fabrik soll unter anderem aus Presswerk, Giesserei, Karosseriefertigung, Lackiererei, Fertigung von Antrieb und Sitzen sowie der Endmontage bestehen. Für eine spätere Ausbauphase hat Musk zudem die Errichtung eines Batteriewerks vor Ort in Aussicht gestellt.

Ein Elektrofahrzeug des Typs Model Y von Tesla.

Ein Elektrofahrzeug des Typs Model Y von Tesla.

Reuters

Mentalitäten prallen aufeinander

Schnell gehen muss es für Musk nicht zuletzt, weil er den technologischen Vorsprung nutzen will, den er derzeit auf die Konkurrenten noch hat. Dafür nimmt Tesla auch eine Art rollende Planung in Kauf. So hat der Konzern die im Januar eingereichten Unterlagen für das Genehmigungsverfahren im Juni geändert und ergänzt.

Das Tempo des hemdsärmeligen, risikofreudigen Pionierunternehmers mit autokratischen Neigungen passt nicht so recht zur papierversessenen Gründlichkeit deutscher Bürokratien. Beide Seiten mussten sich aneinander gewöhnen, und Friktionen sind nicht ausgeblieben. Anlässlich eines Blitzbesuchs im September war Musk dann aber des Lobes voll über die Zusammenarbeit.

Umgekehrt will die deutsche Seite am Beispiel Tesla beweisen, dass Deutschland als Investitionsstandort besser ist als sein Ruf und dass die Genehmigungsverfahren nicht gar so schrecklich und langwierig sind wie oft behauptet. Zugleich müssen aber die Verfahrensschritte eingehalten und der Genehmigungsentscheid rechtssicher sein, um auch einer juristischen Anfechtung standzuhalten. Die Gigafactory soll gewissermassen das Gegenbeispiel werden zum rund 20 km entfernten neuen Flughafen Berlin Brandenburg (BER), der nach über 14 Jahren Bauzeit und unglaublichen Verzögerungen Ende Oktober eröffnet wird.

«Deutschland rocks», ruft Tesla-Chef Elon Musk bei einem Besuch auf der Gigafactory-Baustelle am 3. September den wartenden Journalisten zu.

«Deutschland rocks», ruft Tesla-Chef Elon Musk bei einem Besuch auf der Gigafactory-Baustelle am 3. September den wartenden Journalisten zu.

Patrick Pleul / AP

Die Gratwanderung zwischen Tempo und Gründlichkeit hat zuweilen fast rührende Folgen. So listet die erwähnte Dokumentation des Bundeslandes unter anderem auch akribisch auf, was zum Schutze von Pflanzen und Tieren unternommen wird. So ist zu lesen, dass für Zauneidechsen in direkter Umgebung ein (Ausweich-)Areal von 4,9 ha durch Auflichtung und Errichtung von Habitatsstrukturen angelegt worden sei. Bei der Durchsuchung des für den Bau vorgesehenen Geländes wurde dann eine einzige Zauneidechse «gefunden und sicher umgesiedelt».

Die Sache mit dem Wasser

Die Kritiker aus Umweltschutzkreisen allerdings geben sich mit der Umsiedlung einzelner Zauneidechsen und Ameisenhaufen nicht zufrieden. Einer ihrer Haupteinwände zielt auf das Wasser. Zum einen wird Tesla selbst einen hohen Wasserbedarf haben. Zum andern befindet sich ein Teil der 300 ha in einem Trinkwasserschutzgebiet. Wenn nun durch den Bau die Oberfläche versiegelt werde, trockne der darunterliegende Sandboden aus, es werde weniger Trinkwasser zur Verfügung stehen und Salzwasser aus tieferen Schichten angesogen, befürchtet Steffen Schorcht von der Bürgerinitiative Grünheide. «Tesla gräbt sich selbst das Wasser ab», erklärt er im Gespräch.

Bürgermeister Christiani lässt das nicht gelten. Das Wasser für die Fabrik komme gar nicht aus der Region, sondern werde über eine Fernleitung hergeführt. Und zum Trinkwasserschutzgebiet sei die Gegend erst erklärt worden, als das Areal längst als Industrieerweiterungsgebiet ausgewiesen worden sei; der bestehende Bebauungsplan habe Bestandesschutz. Tesla wiederum hat bei der Überarbeitung des Projekts im Sommer den Frischwasserbedarf um etwa 30% gesenkt.

Allzu viel Rückhalt scheinen die Kritiker indessen nicht zu haben. So unterstützen die Grünen, die in der vom Sozialdemokraten Woidke angeführten Brandenburger Landesregierung sitzen, das Projekt, das eben auch zur in Deutschland angepeilten Energie- und Verkehrswende passt. Und laut einer von der «Märkischen Allgemeinen» in Auftrag gegebenen repräsentativen Forsa-Umfrage befürworten 82% der Brandenburger Bevölkerung die Ansiedelung. In der Standortgemeinde selbst sei die Zustimmung mindestens so hoch, schätzt Christiani, eine Spaltung der Gemeinde sei nicht zu bemerken.

«Wir wollen keine Grossstadt werden»

Der Bürgermeister setzt ähnlich wie Woidke grosse Hoffnungen in die Ansiedelung. So erwartet er die Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze, die es jungen Menschen ermöglichen würden, nach ihrer Ausbildung im Ort zu bleiben. Aber auch ein Ausbau des öffentlichen Verkehrs und der Versorgungseinrichtungen einschliesslich der medizinischen Versorgung würden der ganzen Bevölkerung zugutekommen. Umgekehrt ist auch die öffentliche Hand gefordert. Geplant sind unter anderem die Errichtung eines neuen Autobahnanschlusses und die Verlagerung einer Regionalbahn-Haltestelle, um das Tesla-Gelände besser zu erschliessen.

Denn ein grosser Teil der Beschäftigten dürfte nicht in Grünheide selbst wohnen. Man habe mehrere Studien anfertigen lassen, erzählt Christiani. Demnach sei zu erwarten, dass von den bis zu 40 000 Mitarbeitern, die Tesla Grünheide im Endausbau haben könnte, 51% aus Berlin, 35% aus der Region Brandenburg und 8% aus dem nahen Polen kämen. Grünheide selbst werde in den nächsten Jahren auch wachsen, von derzeit knapp 9000 Einwohnern auf vielleicht 12 000. Mehr wolle man gar nicht, betont der Bürgermeister: «Wir wollen keine Grossstadt werden!»

Sie können dem Berliner Wirtschaftskorrespondenten René Höltschi auf Twitter folgen.

Football news:

Rooney, der in der Saison 2010/11 zu Barça wechseln konnte: darüber Spekulierte er. Er konnte perfekt passen
Hurra, in England werden wieder die Zuschauer auf die Tribüne gelassen! Bis zu 4 tausend und nicht überall, aber die Vereine sind glücklich 😊
Sulscher über das Spiel gegen Istanbul: Das ist der türkische Meister, es wird schwierig werden
Gasperini über die Nominierung für den besten Trainer des Jahres: wenn wir Liverpool schlagen, kann ich ein paar Stimmen gewinnen
Julian Nagelsmann: Leipzig will PSG dieses Gefühl des Finales geben, von dem Sie sprechen
Tuchel über Champions League: Das Spiel gegen Leipzig - das Finale unserer Gruppe
Antoine Griezmann: es ist Zeit, alles an seine Stelle zu setzen. Barcelona-Stürmer Antoine Griezmann hat sein Interview mit dem TV-Sender Movistar angekündigt. Unter anderem spricht der Franzose über seine Beziehung zum Katalanen-Stürmer Lionel Messi