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«Gibt es das im Busch nicht?» – Nati-Spielerinnen über ihre Erfahrungen mit Rassismus

Die Nati-Spielerinnen Coumba Sow (2. von rechts) und Eseosa Aigbogun (3. von rechts) geben einen tiefen Einblick ins Thema Rassismus. Bild: keystone

Interview

«Gibt es das im Busch nicht?» – Nati-Spielerinnen über ihre Erfahrungen mit Rassismus

Coumba Sow und Eseosa Aigbogun wissen bestens, was es heisst, aus der Menge herauszustechen – nicht nur wegen ihres Talents, sondern auch aufgrund ihrer Hautfarbe. Wie die beiden im Gespräch mit watson erklären, war und ist Rassismus ein grosser Bestandteil in ihrem Leben.

Die Profi-Fussballerin Coumba Sow ist 26 Jahre alt, geboren ist sie in der Schweiz, ihr Vater ist aus dem Senegal, die Mutter aus den Niederlanden. Die offensive Mittelfeldspielerin läuft für die Schweizer Nationalmannschaft auf und steht beim Paris FC unter Vertrag. Erfahrungen mit Rassismus machte sie schon früh.

«Als 10-Jährige, leidenschaftliche Fussballerin benötigte ich vor dem Training dringend ein neues Paar Fussballschuhe, da meine alten langsam aber sicher auseinanderfielen. Also fuhren mein Vater und ich nach Zürich. Eilig rannten wir die Strasse runter zum nächsten Sportgeschäft, als ich plötzlich bemerkte, wie ein Polizeiwagen uns verfolgte und kurz darauf neben uns anhielt. Die Polizisten stiegen aus dem Auto und baten meinen Vater um seinen Ausweis. Vor Nervosität fand er seine ID zunächst nicht und ich wurde allen Ernstes gefragt, ob das denn wirklich mein Vater sei. Ich war völlig ausser mir, fassungslos und fragte, warum sie meinen Vater und mich jedes Mal kontrollieren müssen. Mit meiner weissen Mutter kommt es nie zu solchen Situationen, weder in der Stadt noch an der Grenze.»

Coumba Sow, Schweizer Nationalspielerin

Sow hat niederländische und senegalesische Wurzeln. Bild: keystone

Eseosa Aigbogun ist 27-jährig, hat schweizerisch-nigerianische Wurzeln und war die erste dunkelhäutige Schweizer Frauennationalspielerin. Auch sie schnürt sich die Schuhe für den Paris FC. Und auch sie wurde schon oft mit Rassismus konfrontiert.

«Nach einer intensiven Einheit auf dem Fussballplatz entschieden mein Bruder und ich uns schliesslich, eine wohlverdiente Pause einzulegen. Wir setzten uns auf die Bank, löschten den Durst und erholten uns. Plötzlich bemerkten wir eine auffällige Gruppe von Kindern, die uns beobachtete und immer wieder davonrannte. Irgendwann fragten wir die Kinder aus Neugier, was sie da eigentlich taten und sie antworteten in einer Selbstverständlichkeit: ‹Wir spielen: Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?› Ich war völlig schockiert, traurig und wütend zugleich. Am liebsten hätte ich die Kinder angeschrien. Gleichzeitig war mir aber auch bewusst, dass die Kleinen in einem System aufwachsen, wo solche Spiele zur Normalität gehören. Kinder kennen keinen Rassismus, sie leben nur aus, was ihnen beigebracht wird.»

Eseosa Aigbogun, Schweizer Nationalspielerin

Aigbogun hatte in Deutschland zu kämpfen. Bild: www.imago-images.de

Es zu wissen, reicht nicht

Sow und Aigbogun teilen nicht nur ihre Freundschaft und die Leidenschaft für den Fussball, sondern auch ihr Schicksal. Sie wissen, was es heisst, im vollen Zug zu sitzen und als Einzige einen freien Platz neben sich zu haben. Sie wissen, was es heisst, als Kind nach Hause zu laufen und von rechtsradikalen Skin-Heads verfolgt zu werden. Sie wissen, was es heisst, tagtäglich daran erinnert zu werden, anders zu sein. Auch wissen sie aber, was es heisst, immer wieder aufzustehen und sich stark zu machen für ihre Herkunft. Denn sie wissen: Wer nicht kämpft, hat bereits verloren.

Rassismus schmerzt und hinterlässt Narben, das sieht man in den Augen von Sow und Aigbogun, die im Zoom-Interview mit watson Situationen aus ihrem Leben schildern. «Wie oft schon wurde ich auf Hochdeutsch angesprochen, nur weil man davon ausgeht, dass ich kein Mundart verstehe», so die gebürtige Zürcherin Sow. «Gibt es das im Busch nicht?», fragte mal ein Lebensmittelverkäufer Aigbogun aus dem Nichts an der Kasse. Mache man etwas Gutes, sei man Schweizerin, ansonsten die minderwertige Afrikanerin.

Die Video-Botschaft gegenüber watson könnte deutlicher nicht sein

Video: watson

An das schlimmste Erlebnis erinnert sich Aigbogun noch genau. «Nach dem Training packte ich meine Tasche und machte mich auf den Heimweg. Ich war als junges Mädchen zu Fuss unterwegs – wie jedes Mal. Plötzlich bemerkte ich, wie mich ein Auto verfolgte, bestehend aus jungen, glatzköpfigen Männern, die mir schlimme Wörter zuriefen. Noch nie zuvor dominierte mich solch ein Angstgefühl. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause, ohne aber meine Adresse zu verraten. Das habe ich dann irgendwie auch geschafft. Es ist unglaublich; die Männer ergötzten sich daran, ein kleines Mädchen für immer zu traumatisieren. Dieses Erlebnis lehrte mich, vorsichtig zu sein und zu realisieren, dass ich anders bin.»

Das Gute vom Schlechten unterscheiden

Als Fussballerinnen ist ihnen die privilegierte Ausgangslage klar. Sie sind fähig, Menschen aufzuklären, Diskussionen anzuregen und sich stark zu machen für Minderheiten. «Wir ebnen den Weg für die nächsten, in der Hoffnung, ihnen Mut zu machen für eine bessere Zukunft, frei von Rassismus», sind sich beide einig. Der Weg dorthin sei lange, mühselig, steinig und mit vielen Auf und Abs verbunden. Ihre positive Art, die sie in sich tragen, sei nicht selbstverständlich und geprägt von früheren, einschneidenden Erlebnissen.

«Als kleines Kind war mir noch nicht klar, dass es Rassismus gibt, auch wenn wir immer wieder mit herablassenden Sprüchen konfrontiert wurden. Es gehörte dazu – hinterfragt haben wir es nicht, bis zu dem Zeitpunkt, als wir älter wurden und das Gute vom Schlechten zu unterscheiden wussten», erklärt Sow, die von ihrer besten Freundin Aigbogun wie folgt ergänzt wird: «Heute wehre ich mich, auch wenn es Momente gibt, in denen mir die Kraft dazu fehlt, meine Stimme zu erheben. Entweder gehst du daran kaputt, oder es macht dich stark. Bei Coumba und mir war zum Glück Letzteres der Fall.»

Auch in der Nationalmannschaft gab es vereinzelt Fälle von Rassismus. «Viel schlimmer war es aber in Deutschland, als ich bei Potsdam unter Vertrag stand», so Aigbogun. Rassistische Aussagen waren da schon fast gang und gäbe, vor allem in der Umgebung, wo sie wohnte, erlebte sie Tag für Tag einschneidende Geschichten. «Ich gehe auf dem Platz jedes Mal an meine Grenze und kämpfe. Irgendwann aber fragte ich mich, wofür ich das denn alles opfere, wenn der Dank solche Aussagen sind? Für wen renne ich mich platt? Ich erreichte meinen absoluten Tiefpunkt und fing an, alles zu hinterfragen, sogar den Fussball.» Rassismus war einer der Gründe, warum Aigbogun zum Paris FC wechselte, wo sie sich nun wohl und verstanden fühlt.

Auch Sow hat internationale Erfahrung gesammelt in den USA, in Oklahoma. «Dort weisst du, wer rassistisch ist. Es ist offensichtlich und wird nicht vertuscht wie in der Schweiz. Hier ist man im Vergleich verpönt. Ich finde es besser zu wissen, wer rassistisch ist und dazu steht, als diesen teilweise indirekten Alltagsrassismus zu erleben.» Das solle aber nicht heissen, dass die USA kein Rassismus-Problem hätten, im Gegenteil – dort bilden sich sogenannte «Black-Communities», um weniger Gefahren ausgesetzt zu sein. Die Menschen grenzen sich also von der Gesellschaft ab, um sich zu schützen.

Eine wichtige Sensibilisierung

Wäre das Leben als weisse Frau einfacher? Den Kopf nach unten gesenkt, zögern beide bei der Antwort auf diese Frage. Es dauert aber nicht lange, bis Aigbogun sich erklärt: «Natürlich wäre es einfacher, eintauschen würde ich mein Leben aber niemals. Ich bin stolz, Schweizerin und Nigerianerin zu sein und beide Kulturen zu kennen.» So habe man auch Verständnis für andere Minderheiten, führt Sow fort. Angesprochen auf Spiele wie «Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?» oder Begriffe wie «Mohrenkopf» haben beide eine klare Haltung. Dieses Spiel müsse umbenannt werden, genau so wie der Begriff «Mohrenkopf.»

Sow (11) und Aigbogun (19) spielen in der Nati und im Club zusammen. Bild: keystone

«Früher wurde ich mit dem Begriff ‹Mohrenkopf› beleidigt, das war nicht lustig. Was tut es zur Sache, dieses Wort nicht mehr in den Mund zu nehmen», fragt sich Aigbogun. Womöglich sei das zwar bloss eine reine Symptombekämpfung, es finde aber auch eine enorm wichtige Sensibilisierung dahinter statt, erklärt Sow.

Diese ganze Energie aufzuwenden lohne sich, da sind sich beide zu 100 Prozent sicher. «Wir geben diesen Kampf niemals auf. Ich habe jüngere Geschwister und wusste immer: wenn ich meinen Mund nicht öffne, dann wird es ihnen gleich gehen wie mir.» Genau dagegen kämpft Aigbogun mit der Unterstützung ihrer besten Freundin. «Zusammen sind wir stärker. Wir sind offen für jede und jeden, der sich mit uns austauschen möchte. Nur wer hinschaut, kann etwas verändern», so Sow.

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