Switzerland

Gewalt gegen jüdische Schüler, Selbstzensur in der Lehrerschaft – was Islamisten in französischen Schulen anrichten

Als Schulinspektor hat Jean-Pierre Obin die Verbreitung islamistischer Denkmuster in Frankreich jahrzehntelang mitverfolgt. Sein neustes Buch ist eine Warnung an alle, die dieses Problem lieber leugnen und verdrängen.

«Je suis Prof»: Nach dem islamistischen Mord an Samuel Paty protestieren Lehrer im ganzen Land – hier in Toulouse.

«Je suis Prof»: Nach dem islamistischen Mord an Samuel Paty protestieren Lehrer im ganzen Land – hier in Toulouse.

F. Scheiber / Imago

Jüdische Kinder sind die Ersten, die den religiösen Hass zu spüren bekommen. Als Jean-Pierre Obin, Generalinspektor des französischen Erziehungsministeriums, 1996 eine Schule in einem Einwanderungsviertel von Lyon evaluiert, eröffnet ihm der Rektor folgendes: «Herr Generalinspektor, ich muss Ihnen mitteilen, dass meine beiden letzten jüdischen Schüler das Collège verlassen haben.»

Er habe alles versucht, um die Kinder zu schützen, versichert der Rektor. Aber auf dem Schulweg seien sie weiter gemobbt und geschlagen worden. Heute zeigen Untersuchungen, dass in Frankreich nur noch jedes dritte jüdische Kind eine öffentliche Schule besucht. Die grosse Mehrheit hat sich aus Angst vor islamistisch motivierter Gewalt in jüdische und katholische Privatschulen zurückgezogen. Nachzulesen sind diese Tatsachen in Jean-Pierre Obins kürzlich erschienenem Buch «Comment on a laissé l'islamisme pénétrer l'école» («Wie wir den Islamismus in die Schulen eindringen liessen»).

Relativieren, Wegsehen, Leugnen

Das Buch ist in Frankreich just vor den Terrorakten im letzten Oktober erschienen, als ein Islamist den Lehrer Samuel Paty auf offener Strasse enthauptete und ein tunesischer Asylsuchender in Nizza drei Kirchgängerinnen mit dem Messer tötete. Obins Befunde haben in Frankreich für grosses Aufsehen gesorgt; im deutschsprachigen Raum sind sie jedoch höchstens auszugsweise zitiert worden, da bis jetzt keine Übersetzung vorliegt.

Dabei hat der pensionierte Lehrer und Schulinspektor den Aufstieg des Islamismus während Jahrzehnten verfolgt. Und was er auf knapp 160 Seiten zu sagen hat, ist nicht nur für französische Leser interessant. Die Probleme, die er beschreibt, sind mittlerweile in fast allen europäischen Einwanderungsgesellschaften virulent – ansatzweise in der Schweiz, deutlich in deutschen Grossstädten wie Berlin, wo jüdische Kinder gemobbt werden und sich Jugendliche öffentlich mit Patys Mörder solidarisiert haben.

Lehrer, aber auch Schüler müssen in Frankreich mancherorts von der Polizei geschützt werden – Szene aus Conflans-Sainte-Honorine nach dem Mord an Samuel Paty.

Lehrer, aber auch Schüler müssen in Frankreich mancherorts von der Polizei geschützt werden – Szene aus Conflans-Sainte-Honorine nach dem Mord an Samuel Paty.

Aurelien Meunier / Getty

Erhellend ist die Lektüre aber auch, weil in Frankreich genau jene Verdrängungs- und Abwehrmechanismen wirken, die im Westen populär sind: Relativieren, Wegsehen, Leugnen, die Schuld bei anderen suchen. Anders als manche Soziologen und Politiker betrachtet Obin den Islamismus nicht als «französisches» Problem, das vor allem durch Diskriminierung und einen aggressiven Laizismus genährt wird.

Zwar verhehlt der ehemalige Lehrer nicht, dass der antimaghrebinische Rassismus, die Jugendarbeitslosigkeit und die Banlieue-Politik Frankreichs die Segregation begünstigt haben. Ebenso räumt er ein, dass es im streng laizistischen Frankreich Pädagogen gibt, die sehr unsensibel auf religiöse Gefühle ihrer Schüler reagieren. Nur erklärt das seiner Meinung nach nicht, weshalb Juden für junge Muslime plötzlich nicht mehr akzeptabel sind.

Gewalt gegen Mädchen

Die Hauptursache der heutigen Probleme ortet er deshalb in der islamischen Welt selber, wo sich religiöse Eiferer und Antisemiten ab den 1970er Jahren vielerorts durchgesetzt haben oder zumindest eine grosse Popularität geniessen. Durch die Agitation der Muslimbrüder, der Salafisten und anderer Gruppen ist diese «Islamisierung des Islam» laut Obin auch in Europa spürbar – besonders in Frankreich, wo 43 Prozent aller Einwanderer Muslime sind.

Der internationale Kontext der Radikalisierung zeigt sich in Frankreich bereits Anfang der 1990er Jahre, als Islamisten den algerischen Staat bekriegen und Saddam Hussein den ersten Golfkrieg provoziert. Schulleiter und Lehrer, so schreibt Obin, hätten ihm damals von Verhaltensänderungen bei Schülern aus dem Maghreb berichtet. Daneben habe man erstmals von «Ereignissen» zwischen jüdischen und arabischen Schülern gehört.

Was hinter diesen «Ereignissen» steckt, realisiert der Schulinspektor erst 1996, als man ihn in Lyon auf die systematische «Ausschulung» jüdischer Schüler hinweist, die nach der Logik ihrer Peiniger für die Politik Israels büssen sollen. Sein Schock über das, «was da in allgemeiner Stille vor sich geht», ist so gross, dass er islamistische Tendenzen im ganzen Land zu untersuchen beginnt.

Die Befunde, die er Erziehungsminister Luc Ferry 2003 zusammen mit anderen Forschern vorlegt, sind erschreckend. Denn neben dem verbalen und gewalttätigen Antisemitismus fallen islamistisch inspirierte Schüler und Eltern durch eine offene Verachtung demokratischer Werte und Prinzipien auf. Sie lehnen es ab, bestimmte Bücher zu lesen, historische Fakten wie den Holocaust zur Kenntnis zu nehmen oder dem Biologieunterricht zu folgen. Sie protestieren gegen gemischten Turnunterricht, und sie weigern sich, Frauen oder Homosexuellen die Hand zu geben.

Dazu gibt es Berichte von Jungen, die Mädchen und «Ungläubige» drangsalieren. Ein Lehrer berichtet, er unterrichte nur noch mit dem Koran auf dem Pult. Eine Schule im Departement Drôme verzichtet darauf, die französische Trikolore zu hissen, weil diese regelmässig verbrannt wird. Und in Marseille, wo an manchen Schulen jeder zehnte Schüler schon einmal im Knast war, haben Jugendliche ein Mädchen verfolgt und getötet, das sie der Sittenlosigkeit bezichtigten.

Kampf gegen die drei kleinen Schweinchen

Anders, als sich das die Autoren wünschen, sorgt der «Bericht Obin» in den Jahren 2003 und 2004 nur kurz für Aufsehen. Einige Zeitungen berichten darüber, einige Politiker und Feministinnen versuchen daraus Kapital zu schlagen, dann verschwindet das Papier in einer Schublade von Luc Ferrys Nachfolger François Fillon. Dieses «Begräbnis ohne Zeremonie» ist für Obin Ausdruck einer Verweigerungshaltung, die zwischen 1995 und 2015 alles noch viel schlimmer macht.

Diesen Befund untermauert der Bildungsexperte mit zahlreichen Anekdoten und Studien. Laut Letzteren stellen heute zwei Drittel der muslimischen Schüler religiöse Gesetze über jene des Staates. 41 Prozent glauben, dass Frauen vor allem für die Betreuung der Kinder zuständig sind, und gerade einmal 6 Prozent halten die Evolutionstheorie für glaubhaft.

In der Lehrerschaft ist die Angst vor «Zwischenfällen» derart gross, dass sich gemäss Umfragen mehr als die Hälfte aller Grundschullehrer schon einmal selber zensuriert haben. Sie sehen sich mit neunjährigen Mädchen konfrontiert, die verschleiert in die Schule kommen; Kantinen bieten Menus für Muslime an, und das Märchen von den drei kleinen Schweinchen ist nach dem Empfinden vieler Eltern genauso skandalös wie das Wort cochonnerie (Schweinerei).

Chlorallergien, dank denen sich Schülerinnen vom Schwimmunterricht dispensieren lassen können, haben gemäss Obin epidemische Ausmasse angenommen. Und einige Schulleiter rekrutieren ihr Aufsichtspersonal gleich im kleinkriminellen oder salafistischen Quartiermilieu, denn vor den lokalen Grand Frères haben die Jugendlichen wenigstens Respekt. Die Verantwortung für diesen fortschreitenden «Separatismus» ortet der ehemalige Staatsfunktionär einerseits bei den Salafisten, die in Frankreich die etwas minder radikalen Muslimbrüder vielerorts beerbt haben.

Die Hauptschuld tragen seiner Meinung nach jedoch die Bildungsbehörden, die Schulleitungen und die Politiker, die «ihre» Lehrer allzu oft im Stich lassen – aus Angst, Bequemlichkeit oder ideologischer Verblendung. Denn während sozial bessergestellte Eltern das Problem verschärfen, indem sie ihre Kinder in «sicheren» und privaten Schulen platzieren (ein Verhalten, das bei linksliberalen Bobos besonders beliebt ist), gibt es offiziell gar kein Problem.

Opferlinke und andere nützliche Idioten

«Das betrifft nur wenige Schulen», solches bekommen Warner laut Obin seit Jahren zu hören, oder: «Wir wollen hier mal nicht unnötigen Wirbel veranstalten.» Besonders hartnäckige Geister versucht man zum Schweigen zu bringen, indem man ihnen wahlweise Islamophobie, Rassismus, Paranoia, Anbiederung an die Rechten oder alles zusammen vorwirft.

Les extrèmes se touchent: Linke und konservative Muslime demonstrieren vereint gegen «Islamophobie», Paris 2019.

Les extrèmes se touchent: Linke und konservative Muslime demonstrieren vereint gegen «Islamophobie», Paris 2019.

Vincent Isore / Imago

Die Verweigerungshaltung ist nach dem Empfinden des ehemaligen Schulinspektors ein parteiübergreifendes Phänomen. Allerdings schreibt er der politischen Linken eine massgebliche Verantwortung für die in Ministerien und Universitäten verbreitete Tendenz zu, sämtliche Muslime als Opfer zu betrachten. Die marxistisch inspirierte, in Frankreich traditionell starke extreme Linke geht dabei besonders weit.

Denn diese «Opferlinke» (Obin) betrachtet die Muslime nicht nur als neues Proletariat; sie scheut sich auch nicht davor, mit erzreaktionären Islamisten zu kooperieren. Gemeinsam klagt man über die Islamophobie, die USA und den «Zionismus», mit dem oft schlicht die Juden gemeint sind. Neben der extremen Linken definiert Obin eine «sozialliberale» Linke, die einem kulturrelativistischen Multikulturalismus huldigt sowie eine «moralisierende», ehemals christlichsoziale Linke; diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie Staaten weder das Recht zugesteht, Migration zu steuern, noch von Migranten Pflichten einzufordern.

Objektiv, so Obin, würden auch diese Strömungen zu nützlichen Idioten der Islamisten, selbst wenn sie nicht offen mit ihnen kooperierten. Die Rechtsextremen und die Rechtspopulisten wiederum betrachtet er als «verfeindete Brüder» der Islamisten – denn beide missbrauchen die Existenz ihres (ideologisch gar nicht so weit entfernten) Gegners, um sich als Opfer des Bösen zu inszenieren.

Kurzfristig pessimistisch, langfristig optimistisch

Obin selber schreibt aus der Sicht eines Altlinken, der während des Indochina- und des Algerienkrieges politisiert wurde. Sein Bruder war Aktivist der Kommunistischen Partei, er selber arbeitete nach der Niederlage der französischen Kolonialarmee mehrere Jahre in Algerien. In dem von Kriegsverbrechen traumatisierten Land wird der junge Lehrer nicht nur Zeuge einer Steinigung. Er begegnet auch vielen aufgeschlossenen Muslimen, die überzeugt sind, dass sich die islamische Bevölkerung bald von traditionellen Zwängen emanzipieren werde.

Der Glaube, wonach sich letztlich auch in der islamischen Welt die «Kräfte des Lichts» durchsetzen werden, hat sich der pensionierte Staatsdiener bis heute bewahrt. Ebenso offenbart er in seinem Buch einen unerschütterlichen Glauben an die integrierende und emanzipatorische Kraft der laizistischen Schulen Frankreichs. Kurzfristig, so sein Fazit, müsse man pessimistisch sein, langfristig aber optimistisch.

Zumindest in Frankreich scheint ein Umdenken eingesetzt zu haben, und dies nicht erst seit den barbarischen Morden vom letzten Oktober. Statt vage über «Terrorismus» zu klagen, wird der Feind nun von vielen Politikern klar benannt. Einen Wendepunkt ortet Obin im Jahr 2015, als muslimische Schüler Hunderte Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Anschläge auf die Charlie-Hebdo-Redaktion und einen koscheren Supermarkt störten. Denn nun wurde die Rhetorik von den «Einzelfällen» endgültig als Wunschdenken entlarvt.

Sein Buch, so schreibt Obin, soll ein «Alarmschrei» sein. Gewidmet hat er es der Enkelin eines befreundeten Paares. Die 17-jährige Schülerin wurde am 13. November 2015 in der Pariser Konzerthalle Bataclan von Islamisten ermordet.

Jean-Pierre Obin: Comment on a laissé l'islamisme pénétrer l'école, Hermann Éditeurs, Paris 2020. 163 S., Fr. 31.90.

Football news:

Cavani ist wieder im Training und wird wahrscheinlich mit Crystal Palace spielen
Fabio Capello: Juve spielte Rugby gegen Porto. Nur Ronaldo und Chiesa können einen Unterschied in dieser Zusammensetzung machen
Neymar: Ich habe geschrieben, wie ich mich von der Verletzung erholt habe, und habe keine Nachrichten mit den Worten bekommen: Wow, was für ein Profi. Kein einziger PSG-Stürmer Neymar äußerte sich unzufrieden mit der Aufmerksamkeit, die ihm bei seiner Arbeit an der Genesung zukommt
Ole-Gunnar Sulscher: Die Arbeit der Schiedsrichter ist sehr komplex und ohne zusätzlichen Druck. Wir müssen ihre Entscheidungen treffen
Er gibt dem Klub 30% des Einkommens
Trent vergöttert Gerrard von Kindheit an und kam in ein Märchen: Er erhielt von Steven Pflege und Kapitänsbinde. Die Geschichte der schönen Beziehungen
Hazards Genesung nach der Verletzung verzögert sich. Wahrscheinlich wird er am 7.März nicht mit Atlético spielen