Switzerland

Gesellschaftskritik auf Zuckerstückchen

«Mit Schaffe allei kommsch auf kei grüne Zweig», singt das Wirte-Ehepaar Vetterli lauthals voller Überzeugung. Denn in ihrer Beiz kommen die Poulets natürlich aus der Schweiz, auch wenn sie in Brasilien geschlüpft sind, und das angeblich frische Gemüse auf der Karte schlummerte schon eine Weile im Tiefkühler eines Grossanbieters.

Ist es noch okay, dass Rebekka dem Herrn Hofer vom Amt eine Flasche Roten mitbringt, damit er die Genehmigung fürs Gospelkonzert noch schnell durchwinkt? Und darf die Schauspielerin Eglantine Roggenmoser ihre Gage bar auf die Hand annehmen?

Alle mit Dreck am Stecken?

Das Alpentheater im Kiental unter der Leitung von Sjoukje Benedictus hob in den letzten Monaten das Stück «Vetterli’s Wirtschaft» nach intensiven Improvisationsarbeiten aus der Taufe. Ist Korruption den Reichen und Mächtigen vorbehalten, oder haben wir alle irgendwie Dreck am Stecken?

Mit dieser Fragestellung entwickelte das Profitheater mit den Schauspielenden Barbara Tellenbach, Martin Kaufmann und Jonas Furrer ein Bühnenwerk in Mundart, bei dem viel Satire und Musik wie Zuckerstückchen bei bitterer Medizin wirken.

«Habt ihr alle den gleichen Preis bezahlt, oder kennt ihr jemanden vom Alpentheater persönlich?», fragt Jonas Furrer gleich zu Anfang das Publikum und springt damit mitten ins Geschehen. Der Schauspieler und Musiker komponierte den Soundtrack und fungiert als Betrachter für die verdächtigen Machenschaften, die sich da abspielen.

Barbara Tellenbach und Martin Kaufmann bringen beeindruckenderweise je vier Rollen im fliegenden Wechsel der Charaktere und Kostüme auf die Bühne. Mittig im Bühnenbild befinden sich zwei Türen, die immer wieder von den sich verwandelnden Akteuren aufgestossen werden.

Gegründet im Jahre 2006

Das Alpentheater in Kiental wurde 2006 von Sjoukje Benedictus in der alten Postauto-Garage gegründet. Die Schauspielerin und Tänzerin mit niederländischen Wurzeln entdeckte schon in den 1980er-Jahren ihre Liebe zu den Bergen, als sie nach ihrem Studium in Rotterdam für drei Monate in einer Hotelbar in Kandersteg arbeitete.

Mit einer Anstellung als Tanzlehrerin und Choreografin in der Kreutzberg-Tanzschule in Bern erfüllte sie sich den Traum, in der Schweiz ansässig zu werden. In dieser Zeit entwickelte Sjoukje Benedictus das Programm «D’Schwyz tanzt ...», das es noch heute als Schultanzprojekt gibt.

Ihr Profitheater mitten in den Bergen, tatkräftig unterstützt von Maria Steiner und Marianne Hügli, greift jedes Jahr gesellschaftskritische Themen auf, um sie mit viel Humor auf die Bühne zu bringen.