Switzerland

«Gerade in Schweizer Dörfern habe ich grosse Freiheit erlebt»

Durch das eine Panoramabild helvetischer Berggipfel pflügt mit harten Strichen das Metallgeländer einer Aussichtsterrasse; über das andere legt sich das orange Netz einer Baustellensicherung. Auf einem weiteren Foto schraffieren die Lamellen einer Jalousie den Ausblick. Und ins Postkartenidyll des Brienzersees schiebt sich weiss und gross das Nebelhorn eines Schiffs.

Teju Cole, Bild aus «Fernweh» (Mack, 2020). Foto: Teju Cole und Mack

Von 2014 bis 2019 bereiste der amerikanisch-nigerianische Autor, Kunstkritiker und Fotograf Teju Cole immer wieder die Schweiz, lebte 2014 als Writer-in-Residence gar sechs Monate in Zürich. Jetzt, wieder daheim in Massachusetts, wo der Mann mit den zwei Pässen an der Harvard-Universität lehrt, legt er einen betexteten Bilderessay mit dem Titel «Fernweh» vor: Schweiz-Ausschnitte – meist optisch eingerahmte Schweiz-Momente –, die viel mehr meinen als nur unser Land. Der Sehnsuchtsort Schweiz ist für Teju Cole sozusagen ein Bild für die Position, von der aus Künstler wirken können in unserer unruhigen Zeit. Fernweh heisst für ihn nicht Eskapismus.

Sind die vielen Zäune, Rahmen und Streben auf Ihren Fotos eine Übersetzung des Schweizer Diskurses der Enge?
Ich habe doch gar keine Enge erfahren in der Schweiz! Und ich plante keine gesellschaftskritische Setzung mit diesen angeschnittenen «Rahmen» in meinen Bildern. Allerdings glaube ich, dass der konzentrierte fotografische Blick auf europäische Länder unterschwellig zwangsläufig die «Festung Europa» mitabbildet. Und auch, dass man im 21. Jahrhundert keine Berggipfel vor die Linse holen kann, ohne subkutan den Klimawandel mitzuthematisieren.

Teju Cole, Bild aus «Fernweh» (Mack, 2020). Foto: Teju Cole und Mack

Auch die Festung USA wird ausgebaut: Eben verhängte Donald Trump einen weiteren Einreisebann – für Nigerianer.
Das ist wirklich schrecklich – und unnötig brutal. Das riesige Land Nigeria hat seit vielen Jahren enge Beziehungen zu den USA. Rund 400'000 nigerianische Immigranten leben dort; 60 Prozent von ihnen haben mindestens einen Bachelor-Abschluss. Es gibt keinen Grund für diesen Nonsens, das ist bloss eine politische Geste. Trump spielt vor seiner Basis den starken Mann gegen Schwarze und Muslime. Wobei in Nigeria nur die Hälfte der Bewohner Muslime sind; die meisten anderen sind Christen. Es wird für alle Nigerianer sehr schwierig werden, in die USA zu reisen. Überhaupt: Im Moment leben wir in einem Albtraum.

Die Demokraten versuchen gerade, einen Retter zu nominieren. Wen unterstützen Sie?
Ich will jetzt keinen Namen nennen. Aber eins ist klar: Wir laufen in ein Desaster historischen Ausmasses hinein. Die USA müssen einen besseren Weg finden, mit Mensch und Umwelt umzugehen. Wir brauchen eine ernsthafte Selbstverpflichtung, die Welt zu reparieren, die durch uns so schwer beschädigt wurde – Stichwort Einwanderung, Ökologie, Gesundheitsversorgung. Kein einzelner Erlöser ist gefragt, auch nicht der kompetitive Turniergeist, Blau gegen Rot, sondern das Umdenken der gesamten Gesellschaft. In der Nachbarschaft, den Gemeinden, Bundesstaaten: Überall tut Veränderung not. Im Moment sind die USA ein sehr grausames Land.

Tragen Künstler da auch eine Verantwortung?
Zuallererst der Kunst gegenüber. Für mich sehe ich die Aufgabe, «to clear the space»: zu entrümpeln, die Sicht freizuräumen, sodass Spannungen offenliegen und ethische Möglichkeiten aufscheinen. Künstler müssen in der Welt sein, nicht abgehoben – aber auch nicht heillos in sie verstrickt. Sie sind keine Propagandakeulenschwinger. Sondern durch Kunstwerke spüren wir alle die Intensität menschlichen Lebens: Kunst reicht grundsätzlich über ideologische oder nationale Grenzen hinaus, selbst wenn man die kulturellen Wurzeln eines einzelnen Werks vielleicht nicht im Detail versteht.

Teju Cole, Bild aus «Fernweh» (Mack, 2020). Foto: Teju Cole und Mack

Wieso haben Sie mit «Fernweh» der Schweiz ein Denkmal gesetzt?
Habe ich das? Die Schweiz ist ein Ort, an dem man den Lärm mal abschalten und quasi von aussen gucken kann. Ich habe mich nie als Schweizer gefühlt, und ein dauerhafter Umzug käme für mich nicht infrage. Aber in der Schweiz konnte ich ein beglückendes Weitwegsein spüren. Die Formel «Fernweh» erinnert an dieses Glück und an das schmerzliche Sehnen danach. Gerade in den Dörfern und wenig besiedelten Landschaften der Schweiz habe ich grosse Freiheit erlebt – und doch gibt es überall Spuren der menschlichen Zurichtung, der Kuratierung dieser Landschaft: Zäune, Schienenstränge, Vorhänge, alte Milchkartons ... Es ist nicht die Schweizer Kultur per se, die mich interessiert. Sondern mich fasziniert, wie eine fast post-apokalyptische Welt von menschlichen Überbleibseln gezeichnet ist. Und mein Buch ist wie ein Gespräch mit den klassischen touristischen Foto-Sujets der Schweiz; vieles wirkt wie tot, aber darunter vibriert das Leben. Da ist diese unfassbare Schönheit des Landes – in dem auch Armut versteckt wird und Rassismus keineswegs ein Fremdwort ist.

Teju Cole, Bild aus «Fernweh» (Mack, 2020). Foto: Teju Cole und Mack

Den Rassismus in der Schweiz haben Sie weniger krude erlebt als seinerzeit James Baldwin. Trotzdem sind Sie pessimistischer als er.
Wenn ich durch Leukerbad schlendere, werde ich nicht wie Baldwin in den 1950ern wie ein wildes Tier beäugt. Und bestelle ich in Zürich in einem schicken Restaurant einen guten Wein, bedient man mich genauso zuvorkommend wie einen Weissen. Das Portemonnaie zählt. Aber der Rassismus – die Angst vor dem Anderen – ist eine allgegenwärtige strukturelle Angelegenheit. Auf die extreme Not, die Menschen aufs Meer treibt, fehlt eine humane Antwort. Es lagern so viele Gelder aus Afrika auf Schweizer Banken: Das Geld ist willkommen, die Afrikaner sind es nicht. Man betreibt ungeniert einträglichen Waffenhandel mit den Potentaten anderer Kontinente – aber nein, Kriegsflüchtlinge sollen nicht kommen. Es gilt: «Sie sind nicht wir.» Sogar linke Schweizer sagten oft zu mir: «Immerhin tun wir mehr als die Österreicher.» Was für ein Argument ist das denn? Es geht hier um Leben und Tod! Häufig denke ich an die jüdischen Flüchtlingsboote, die nicht in den USA landen durften.

Was wäre zu tun?
Ich habe keine fertigen Lösungen. Eher eine Art prinzipiellen Ansatz: Jede Gemeinschaft auf der Erde ist Teil des kollektiven Projekts, eine menschliche Welt zu schaffen – und überall lässt sich etwas mitnehmen. Die Frauen in der Yoruba-Gesellschaft beispielsweise verfügen über mehr Stärke und Selbstbewusstsein als die durchschnittliche US-Amerikanerin. Die Musik und das Essen in Lagos machen mich glücklich, genauso, wie ganz allein auf einer Bergwanderung in Graubünden unterwegs zu sein. Nach der Aufklärung hat sich der Westen derart seine Überlegenheit eingeredet, dass er glaubte, sich selbst exportieren zu dürfen, ohne Rücksicht auf Verluste. Der Kolonialismus hielt sich lang. Kunst dagegen ist supranational, von meinem geliebten Brahms bis zu den Yoruba-Musikern, die ich schätze.

Teju Cole, Bild aus «Fernweh» (Mack, 2020). Foto: Teju Cole und Mack

Kunst als Therapeutikum für die Welt?
Nicht im Sinn einer Spritze, und gut is`. Die französischen Höhlenzeichnungen der frühen Menschen sind für mich so etwas wie der Inbegriff dessen, was wir heute noch versuchen. Diese Künstler hatten im Grunde eine klarere Vision der Realität als wir. Gerade weil ihre Arbeiten rituelle Gebrauchskunst waren, hatten sie eine Tiefe, die unseren Bildern abgeht. Klar, dahin können wir nicht zurück. Aber wenn Bücher, Fotos, Musikstücke sich auf andere beziehen, sie im Subtext intonieren und so den Ort schaffen für ein Gespräch auf Augenhöhe – dann entsteht der Raum, nach dem ich mich sehne.

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