Switzerland

Georg Heitz im Interview: «Die Liga wird einmal zu den Top 7 der Welt gehören»

Sind Sie mit 50 Jahren gerade dabei, sich den berühmten «American Dream of Life» zu erfüllen?

Georg Heitz: Das ist zwar etwas übertrieben formuliert, aber natürlich ist mein Leben hier in Amerika speziell und aufregend.

Viele Schweizer sind Fan dieses Landes – Sie auch?

Ich war bereits einige Male da. Fan – das ist etwas hoch gegriffen. Aber ich bin schon fasziniert von diesem vielfältigen und unfassbar grossen Land.

Sie sind durch einen Headhunter zu diesem Engagement beim Chicago Fire Football Club gekommen. Was hat Sie davon überzeugt, einen Dreijahresvertrag zu unterschreiben?

Das Wichtigste war, dass Joe Mansueto und ich eine gemeinsame Linie festlegen konnten. Die Art und Weise, wie der Besitzer seine Ideen präsentierte, war ausschlaggebend für mich zu sagen: Ja, da ist Dynamik drin, da lässt sich etwas gestalten. Es gibt gemeinsame Ziele und es werden die Mittel zur Verfügung gestellt, um diese zu erreichen.

Es geht um Titel.

Ja klar. Die Amerikaner sind in dieser Beziehung weniger zurückhaltend, als wir Schweizer.

Sportlich erfolgreich war Chicago aber seit einer Ewigkeit nicht. Gleich in der ersten Saison gab es zwar den Meistertitel, aber das war 1998. Seither ist nichts mehr passiert.

Der Klub hat in den letzten Jahren sportlich gelitten. Und: Um in einem Playoff-System Meister zu werden, muss viel zusammenpassen. Du kannst dir keinen schlechten Tag erlauben.

Mansueto hat den Klub im September letzten Jahres gekauft. Was hat er für einen fussballerischen Hintergrund?

Zum Fussball ist er durch seine Kinder gekommen. Bei Chicago Fire ist er jedoch bereits 2018 mit einer 49-Prozent-Beteiligung eingestiegen.

Der Besitzer will Titel. Haben Sie eine Herkulesaufgabe übernommen?

Das Soldier Field: Hier trägt Chicago Fire in dieser Saison seine Heimspiele aus.

Ich bin neu in der Liga. Ich muss daher vorsichtig mit einer Einschätzung sein. Ich habe ein paar Testspiele und noch lange nicht alle Mannschaften gesehen. Es ist eine riesige Liga mit 26 Klubs. Ich denke aber, dass die Teams leistungsmässig relativ nah beisammen liegen.

Ist der Salary-Cap von 4,18 Millionen Franken der Grund dafür, dass die Ausgeglichenheit ausgeprägter ist, als in Europa?

Das ist der Kern des amerikanischen Profisports. Es sollen möglichst ausgeglichene Verhältnisse geschaffen werden. Es kommt dadurch seltener vor, dass ein Klub acht Mal hintereinander Meister wird (Heitz schaffte dies von 2010 bis 2017 mit dem FC Basel; die Red.). Das bedeutet: Die Qualität der Arbeit erhält ein höheres Gewicht.

Und damit im Besonderen jene von Trainer Raphael Wicky. Warum haben Sie ihn geholt?

Er ist technisch und taktisch sehr gut, ebenso kommunikativ. Er macht sich viele Gedanken. Das Trainerteam sitzt vom frühen Morgen bis zum späten Abend zusammen und tüfelt an Trainingseinheiten. Und: Wicky wollte unbedingt in die MLS. Das war ein Ziel von ihm. Das ist wichtig für mich. Ich wollte keinen, der den Job macht, weil er nichts Besseres hat.

Raphael Wicky: Sein Wunsch war es, in der MLS Trainer zu werden.

In einer Woche beginnt mit der Auswärtspartie gegen die Seattle Sounders die neue Saison. Ist das Kader komplett?

Als Neuling, der die Liga noch nicht so gut kennt, war es für mich speziell, die Mannschaft zusammenzustellen. Vor allem auch der Faktor Zeit war eine Herausforderung. Ich kam ja erst Ende Dezember und die Meisterschaft beginnt am ersten März-Wochenende. Was man auch sehen muss: Zuerst galt es einmal, einen Staff zusammenzustellen. Neben dem Cheftrainer wurden noch neun Mitglieder (u.a. der frühere FC-Aarau-Spieler David Zdrilic; die Red.) verpflichtet. In allen Belangen waren aber Wicky und unser Technischer Direktor Sebastian Pelzer eine enorme Hilfe. Dennoch: Es war ein sehr gedrängtes Programm. Bis heute Samstag wird die Mannschaft, bis auf eine oder zwei Positionen, stehen. Das Transferfenster ist aber noch bis am 5. Mai offen.

Wie ist das Gefühl?

Wir haben uns bemüht, die Spielerrekrutierung sehr sorgfältig zu machen. Es gibt weite Reisen in verschiedene Zeitzonen und enorme Klimaunterschiede. Houston im Sommer ist ein Backofen, in Colorado spielt man auf grosser Höhe (1600 Meter; die Red.). Das sind schon Herausforderungen. Deshalb war eine Überlegung, bei den Neuverpflichtungen auch auf das Alter zu schauen. Keiner ist über 28 Jahre alt. Für ältere Spieler könnten all die genannten Belastungen erschwerend sein. Ich denke, wir sind gut vorbereitet dank der akribischen Arbeit von Wicky und seinem Trainerstaff.

Es gibt drei Spieler pro Verein, die einen unbeschränkt hohen Lohn beziehen dürfen, die sogenannten Designated Players. Am Mittwoch haben Sie mit dem 19-jährigen argentinischen U23-Nationalspieler Ignacio Aliseda von Defensa y Justicia den jüngsten Designated Player in der Geschichte der MLS verpflichtet. Die Transfersumme soll 3 Millionen Euro betragen. Wer sind die beiden anderen?

Robert Beric von Saint-Etienne und ein defensiver Mittelfeldspieler aus Argentinien, der schon für die A-Nationalmannschaft gespielt hat.

Mit Verlaub: Ein Blick auf die Kaderliste von Chicago Fire ist für unsereiner wie ein Buch mit sieben Siegeln. Weshalb ist keiner dabei mit der Strahlkraft eines Bastian Schweinsteiger, der zuletzt ja noch für Chicago aufgelaufen ist und mit 5,6 Millionen Dollar bezahlt wurde? Amerikaner fahren doch ab auf Namen wie Beckham, Ibrahimovic (erhielt von Los Angeles Galaxy 7,2 Millionen Dollar; die Red.) oder Rooney.

Spielte noch in der letzten Saison für Chicago: Bastian Schweinsteiger.

Ich schliesse nicht aus, künftig auch mal wieder einen solchen Leuchtturm zu verpflichten. Jetzt ging es zuerst einmal darum, die Mannschaft sportlich so zu verstärken, damit wir kompetitiv sind. Wir sind bestrebt, auch Spieler herauszubringen. Der junge Argentinier Aliseda ist ein spektakulärer Spieler, den sich in der momentanen Situation kaum ein Schweizer Klub leisten könnte. Wenn man unsere Spieler nicht so gut kennt in Europa, so bedeutet das nicht, dass bei uns nicht auch investiert wird.

Lässt sich in den USA als Klub(besitzer) mit Fussball Geld verdienen?

Man kann davon ausgehen, dass die meisten MLS-Klubs defizitär sind. Das hängt damit zusammen, dass die Fernsehverträge noch nicht das ganz grosse Geld bringen. Doch man ist auf dem Weg dahin.

Ist Chicago Fire auch daran interessiert, Spieler nach Europa zu verkaufen?

Auf jeden Fall. Aber nicht unbedingt, um viel Geld zu machen. Das ist nicht das Ziel unseres Besitzers. Aber wir wollen ein Image aufbauen, sodass wir in Nordamerika eine wichtige Anlaufstelle für Talente werden.

Da wäre es doch auch hilfreich, neben Beric noch weitere Spieler aus Europa zu holen.

Es ist ausgesprochen schwierig, junge Spieler aus Europa hierher zu locken. Sie haben im Gegensatz zu Südamerikanern Hemmung, nach Nordamerika zukommen. Einen Schweizer U21-Natispieler zu holen, ist beispielsweise unmöglich. Das hat auch mit Vorurteilen gegenüber der Liga zu tun. Aber die MLS ist im Kommen und wird einmal zu den Top 7 der Welt gehören. Dann kommen auch vermehrt junge Europäer.

Warum eigentlich hat Chicago Fire mit 12 300 Fans den schlechtesten Zuschauerschnitt aller MLS-Klubs?

Der eine Grund ist die starke Konkurrenz in der Stadt durch die grossen Sportarten Football, Eishockey, Basketball und Baseball. Der andere ist ganz banal: Das bisherige Stadion liegt in Bridgeview weit vor den Toren der Stadt – ohne ÖV-Anbindung. Deshalb erfolgt auf diese Saison hin die Rückkehr ins legendäre Soldier Field, (wo schon 1994 WM-Spiele stattfanden und das 61 000 Zuschauer fasst; die Red.), das ganz zentral liegt. Wir müssen so gut werden, dass in einer Stadt wie Chicago (2,7 Millionen Einwohner; die Red.) im Schnitt 20 000 Zuschauer kommen.

Liegt der Fussball in dieser Stadt vom Interesse her deutlich hinter den anderen Sportarten?

Ja, eindeutig. Das lässt sich auch nicht so schnell ändern. Aber es ist wie überall auf der Welt: Wer erfolgreich ist, erhält Aufmerksamkeit. Wir müssen in Vorleistung gehen und den Leuten mit schnellem Offensivfussball etwas bieten; auch, was das Stadionerlebnis betrifft. Was hier ja noch viel wichtiger ist, als in Europa. Das ist im Soldier Field, wo auch die Footballer der Bears spielen, möglich.

Chicago am Lake Michigan.

Mal abgesehen vom Job: Wie ist das neue Leben?

Ich wohne in Gehdistanz zum Stadion. In Chicago ist es im Winter zwar kalt und es gibt Schneestürme. Aber die Stadt hat enorme Qualität.

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