Switzerland

Genfer Diplomat gehörte einem Killerkommando an

Erst galt der Fall als unlösbar. Ein bulgarische Waffenhändler namens Emilian Gebrew, sein Sohn und ein Firmenmanager zeigten im April 2015 alle Symptome einer schweren Vergiftungen. Sie überlebten, Gebrew schwebte allerdings einige Zeit in Lebensgefahr. Ein Anschlag galt als wahrscheinlich, doch die Polizei fand keine Spuren.

Dann, knapp drei Jahre später, wurde im englischen Salisbury der russische Doppelagent Sergej Skripal mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftet. Und die Bulgaren sahen bemerkenswerte Parallelen. Sie nahmen die Ermittlungen wieder auf und konnten die mutmasslichen Täter identifizieren: Drei Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Das Trio wird über die sogenannte «Rote Liste» von Interpol gesucht.

Nach dem Giftanschlag in die Schweiz

Eine gemeinsame Recherche der Investigativ-Netzwerks «Bellingcat», der russischen Internetzeitung «The Insider» und des Tamedia Recherchedesk zeigt nun: Sowohl bei der Vorbereitung des Anschlags in Sofia als auch danach spielte die Schweiz für die russischen Agenten eine wichtige Rolle.

Der bulgarische Waffenhändler Emilian Gebrev an einer Pressekonferenz im Jahr 2017. Foto: Nikolay Doychinov (AFP)

Zumindest ein GRU-Agent reiste mit einem Schengen-Visum, ausgestellt von der Schweizer Botschaft in Moskau. Das bestätigt die bulgarische Staatsanwaltschaft. Bulgarien gehört zwar nicht zu den Schengen-Staaten, lässt aber Ausländer mit Schengen-Visa für maximal 90 Tage ins Land.

Ein weiterer mutmasslicher Attentäter war nach dem Giftanschlag in Sofia fast zwei Jahre lang als russischer Diplomat in der Schweiz akkreditiert.

Zur Vorbereitung und zur Ausführung des Attentats waren die russischen Agenten unter den falschen Namen Sergej Fedotow, Wladimir Pawlow und Georgy Gorschkow nach Bulgarien gereist. Weil ihr Opfer den ersten Anschlag im Frühjahr 2015 überlebte, kamen sie im Sommer noch einmal. Wieder zeigte Waffenhändler Gebrew Vergiftungserscheinungen, wieder wurde er durch den schnellen Eingriff der Ärzte gerettet.

Giftanschlag in Grossbritannien: Sicherheitskräfte in Schutzwesten untersuchen den Tatort in Salisbury im März 2018. Foto: AP

Für kurze Zeit verlieren sich danach die Spuren der Russen. Dann tauchen zumindest zwei von ihnen in der Schweiz wieder auf: Der Mann mit dem Tarnnamen Sergej Fedotow reiste mehrere Male als Tourist in den Raum Genf und Lausanne. Dort traf er zwei weitere GRU-Agenten, die danach in Salisbury den Giftanschlag auf Sergej Skripal ausführten. Fedotow dürfte den Mordversuch von London aus geleitet haben. Mit richtigem Namen heisst er Denis Sergeew und wurde als Offizier in der Kampftruppe Speznas mit dem höchsten russischen Militärorden ausgezeichnet.

Ein zweiter Beteiligter der Anschläge in Bulgarien liess sich später ganz in der Schweiz nieder: Georgy Gorschkow wurde im Januar 2017 unter seinem richtigen Namen Egor Gordienko als russischer Diplomat bei der Welthandelsorganisation WTO in Genf akkreditiert. Laut den Recherchen von Bellingcat gehören sowohl Sergeew als auch Gordienko der «Unit 29155» an, einer Spezialeinheit in der GRU, deren Hauptaufgabe gewalttätige Aktionen sind. Die Tötung von sogenannten «Extremisten» im Ausland wurde vom russischen Parlament 2006 durch ein eigenes Gesetz legalisiert. Die New York Times beschreibt Unit 29155 als «geheime Einheit, um Europa zu destabilisieren».

Gordienko ist 41 Jahre alt und hat ebenfalls eine militärische Ausbildung. Es gibt Hinweise, dass er 2014 an der russischen Besetzung der ukrainischen Halbinsel Krim teilnahm. Im Januar 2017 wurde der GRU-Agent als dritter Sekretär der russischen Mission bei der WTO in Genf akkreditiert. Das wird dieser Zeitung sowohl von der WTO als auch dem Schweizer Aussendepartement (EDA) schriftlich bestätigt. Daria Rudakova, die Mediensprecherin der russischen Mission in Genf antwortet hingegen: «Wir haben zu der von Ihnen genannten Person keine Informationen.» Wäre es denn möglich, dass Gordienko fast zwei Jahre ohne Wissen der russischen Mission als russischer Diplomat bei der WTO arbeitete? Auf diese Frage antwortet Mediensprecherin Rudakova nicht mehr.

Diese Zeitung hat Hinweise erhalten, dass russische Geheimdienste in das System der Schweizer Visavergabe eindringen konnten.

Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) hat die Bewegungen der Russen am Genfersee in den vergangenen Monaten mit viel Aufwand rekonstruiert. Er schreibt aber, dass er sich zu seiner operationellen Tätigkeit nur gegenüber der Departementschefin Viola Amherd und den Aufsichtsorganen äussere. Das EDA sagt, dass keine Aktivitäten von Gordienko im «Zusammenhang mit der GRU bekannt waren». Und auch die WTO stellt fest, dass sie über andere Tätigkeiten Gordienkos keine Kenntnis gehabt habe: Die Mitgliedstaaten könnten «registrieren, wen sie wollen».

Eigentlich sollte Gordienko vier Jahre in Genf bleiben, die Akkreditierung war bis 2020 gültig. Er hatte seine Familie mitgebracht, nahm am gesellschaftliche Leben teil, zum Beispiel am traditionellen Antigel-Lauf im Januar 2018. Gordienko war auch schon für den populärsten Genfer Lauf, die «Escalade», im Dezember desselben Jahres angemeldet. Er trat aber nicht an. Anfang Oktober 2018 flog er nach Moskau und kam nie wieder zurück. Sein Retourticket Moskau – Genf blieb unbenutzt. Wenig später folgte ihm seine Familie nach Russland.

Der russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Yulia wurden mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftet. Foto AP

Kurz bevor die Gordienkos Genf verliessen, hatte Bellingcat zum ersten Mal die Namen der mutmasslichen Nowitschok-Attentäter von Salisbury enthüllt. Möglicherweise fürchtete der Agent seine Enttarnung. Zu jener Zeit, als Gordienko in der Schweiz lebte und arbeitete, reisten jene drei GRU-Agenten mehrmals an den Genfer See, die für den Nowitschok-Anschlag auf Sergej Skripal verantwortlich gemacht werden. Die Daten ihrer Mobiltelefone zeigen, dass sie sich mehrmals in die Umgebung der WTO aufhielten.

Gordienko lebt mit seiner Familie laut Recherchen von Bellingcat heute in einem Haus im Zentrum von Moskau, das für im Kampf bewährten Veteranen zur Verfügung steht. Im selben Block lebt auch Alexander Myschkin – einer der mutmasslichen Attentäter von Salisbury. Gordienkos Bruder, ein ausgebildeter Chemiker, ist seit Anfang 2018 als Diplomat an der russischen Botschaft in der finnischen Hauptstadt Helsinki tätig. Der Giftanschlag auf Sergej Skripal war mit hoher Wahrscheinlichkeit die Rache an einem Doppelagenten, der dem Westen viel über das Innenleben der GRU verraten hatte.

Waren Visa-Anträge für die Schweiz manipuliert?

Die Gründe für den Anschlag auf den bulgarischen Waffenhändler im Jahr 2015 liegen hingegen immer noch im Dunklen. Eine grosse Nummer im internationalen Waffengeschäft war der Mann eher nicht. Aber er hatte militärische Ausrüstung nach Georgien geliefert, zu einer Zeit, als Russland dort Krieg führte.

Wie aber konnte zumindest einer der mutmasslichen Attentäter mit falschem Namen in Moskau Visa von der Schweizer Botschaft bekommen? Wurden seine Angaben nicht überprüft? Das zuständige Staatssekretariat für Migration (SEM) gibt zu Einzelfällen keine Auskunft, sagt aber, dass es in seltenen Fällen vorkomme, dass «Menschen mit richtigen Pässen, aber falschen Angaben reisen. In diesen Fällen ist die Unechtheit nur schwer nachzuweisen».

Es gibt aber auch einen schwerwiegenden Verdacht: Bellingcat und diese Zeitung haben Hinweise erhalten, dass russische Geheimdienste eine Zeit in das System der Schweizer Visavergabe in Moskau eindringen und so ihren eigenen Leuten leichter Visa beschaffen konnten. In vielen Ländern werden Visaanträge nicht mehr vom Schweizer Konsulat selbst behandelt, sondern von privaten Firma. In Russland ist das «TLScontact». Vor etwa einem Jahr war diese Zeitung in Kontakt mit einem ehemaligen Mitarbeiter von TLScontact, der in die USA geflohen und dort um Asyl angesucht hatte. Dieser Mann, ein russischer IT-Techniker namens Vadim H., behauptete, er sei vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB zur Informationsbeschaffung gezwungen worden. Der FSB habe damals über eine elektronische Hintertür in das System der Visabearbeitung eindringen können und sogar Zugang zu den Aufzeichnungen der Überwachungskameras im Büro von TLScontact gehabt.

Konnte der Geheimdienst Visaanträge manipulieren? TLScontact reagierte auf mehrere Anfragen dieser Zeitung nicht. Ein Sprecher des EDA versicherte, dass die hohen Sicherheitsstandards des Departements für bei den privaten Partner regelmässig kontrolliert werden. Die Daten der Antragsteller seien «sicher geschützt». Zudem liege der Entscheid für eine Visumerteilung ausschliesslich bei der zuständigen Schweizer Behörde und nicht beim externen Serviceanbieter.

TLScontact ist für die Schweiz in Russland seit 2013 tätig. Laut dem geflüchteten Vadim H. hatte der FSB von 2014 bis Mitte 2017 Zugang zur Datenübermittlung. Das war genau jene Zeit, zu der GRU-Offizier Denis Sergeew unter seinem Tarnnamen Sergej Fedotow von der Schweiz ein Visum für den Schengenraum erhielt.

Mord und Cyberangriffe: Operationen russischer Geheimdienste im Westen

Januar 2015:
Cyberangriff auf deutschen Bundestag. Sicherheitsexperten machen dafür die Hacker der Gruppe «APT28» (auch «Sofacy group» oder «Fancy bear») verantwortlich, die dem russischen Militärgeheimdienst GRU zugeordnet wird.
April 2015:
Cyberangriff auf den Fernsehsender «TV5 Monde» in Paris. Auch hinter diesem Fall soll APT28 stehen.
April und August 2015:
Giftanschläge gegen einen bulgarischen Waffenhändler, seinen Sohn und einen Firmenmanager. Alle drei überleben. Die bulgarische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen acht Agenten des GRU.
März 2016:
Im US-Wahlkampf werden Mailserver des Teams von Hillary Clinton gehackt und Mails veröffentlicht. 2018 klagt US-Sonderermittler Robert Mueller deshalb 12 Agenten des GRU an.
September 2016:
Cyber-Angriff auf eine Konferenz der Weltdopingagentur WADA in Lausanne. 2019 klagen die USA sieben Agenten des GRU wegen Angriffe auf die WADA an.
Oktober 2016:
Ein Putschversuch in Montenegro scheitert. Zwei Jahre später werden 14 Personen zu langen Gefängnisstrafen verurteilt, unter ihnen (in Abwesenheit) zwei russische Agenten des GRU
Frühjahr 2017:
Im französischen Wahlkampf werden Mails aus dem Team des Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron veröffentlicht. Französische Medien sehen dahinter Hacker des GRU.
März 2018:
Mordversuch an dem russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seiner Tochter Julia. Als mutmassliche Täter werden Offiziere des GRU identifiziert. Sie hatten sich zuvor mehrmals im Raum Genf – Lausanne aufgehalten.
April 2018:
Verhaftung und Ausweisung von vier GRU-Agenten in Amsterdam, die das Computernetz der Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) hacken wollten. Das Quartett besass Zugbillette in die Schweiz, wo es das Labor Spiez im Visier hatte.
August 2019:
Mord an einem Tschetschenen mit georgischen Pass in Berlin. Der mutmassliche Täter stand laut Recherche von Bellingcat mit dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB in Verbindung.