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Geheimdienst-Experte erklärt, was an den Crypto-Leaks wirklich dran ist: US-Nachrichtendienst gab gezielt Dokumente frei

Dieser Mann hat schon viele wieder freigegebene Geheimdienstdokumente gesehen. Am meisten erstaunt an den Crypto-Leaks hätten ihn die Details über die Lieferdaten, Kunden und Länder, an die die Crypto AG ihre Dechiffriergeräte geliefert habe, sagt Professor Wolfgang Krieger (73) von der Philipps-Universität Marburg (D) dem BLICK. So ist nun bekannt, dass die argentinische Militärdiktatur 1977 manipulierte Geräte aus Zug besass, die die Amerikaner ablauschen konnten. Krieger ist auf die Geschichte der Geheimdienste sowie aktuelle Fragen der Geheimdienstpolitik und der internationalen Sicherheitspolitik spezialisiert.

Die Zusammenarbeit der Crypto AG mit den Nachrichtendiensten NSA (USA) und BND (Deutschland) dagegen ist Krieger schon lange bekannt. Als wichtige alte Informationsquelle nennt er das Buch «Inside the Company: CIA Diary» von 1975. Darin beschreibt Ex-CIA-Geheimagent Philip Agee (1935–2008), wie wichtig die Crypto AG für die CIA war.

US-Nähe des Crypto-Gründers war kein Geheimnis

Vieles, das schon seit Jahrzehnten über die US-Verbindung der Zuger Firma publiziert wurde, stammt laut Krieger aus freigegebenen Dokumenten von 1955. Sie zeichnen die Zusammenarbeitspläne des schwedischen Crypto-AG-Gründers Boris Hagelin (1892–1983) mit dem US-Nachrichtendienst NSA detailliert nach. Auch die Herstellung von sauberen Geräten für die Nato und die Schweiz sowie getricksten für Länder in Südamerika sei gemäss den Dokumenten damals schon festgelegt worden.

«Dechiffriergeräte gab es lange fast nirgends auf der Welt», führt Krieger aus. De facto habe die Crypto AG ein Monopol gehabt – und Länder wie Argentinien, Chile usw. gar keine Auswahl. «Da Hagelin schon im Zweiten Weltkrieg mit den Amerikanern zusammengearbeitet hat, ist es nur logisch, dass sich die Amerikaner Anfang der 70er-Jahre an Hagelins Firma beteiligten», ergänzt Krieger.

Die 280-seitigen Papiere über die Crypto-Aktion, die die «Washington Post» einsehen konnte, waren gemäss Krieger keinem Externen voll zugänglich. Zudem sei es nicht das erste Mal, dass die NSA Dokumente über ihre interne Geschichte freigebe. Aus seiner Sicht handelt es sich nicht um ein Leck, sondern um eine gezielte Freigabe. Allerdings fehlten darin finale Beweise; also Originaldokumente, Telegramme und Transkripte von den Abhöraktionen.

Thema Verschlüsselung politisch brandheiss

Da auch nicht klar ist, was alles abgehört und erhoben wurde, bleibe offen, was die Amerikaner und die Deutschen über die Verbrechen in Argentinien und Chile wirklich mitkriegten, wie Krieger ausführt.

Der Experte sieht zwei Gründe für die Herausgabe zum jetzigen Zeitpunkt. Zum einen sei die NSA seit den Aktionen von Whistleblower Edward Snowden (36) unter öffentlichem Druck und habe ein Interesse, ihre «anständige Arbeit im Auftrag der Regierung» darzustellen. Zum anderen seien die traditionellen Crypto-Maschinen mit linearer Verschlüsselung technisch durch jene mit elektronischen Verschlüsselungen überholt worden und somit irrelevant, betont er. Politisch bleibe das Thema Verschlüsselung brandheiss. Niemand könne heute sagen, ob Daten von Software und Hardware wie Mobiltelefonen extern abgesaugt werden können.