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Gazprom wird von vielen Seiten bedrängt

Den russischen Erdgaskonzern Gazprom hat das Glück verlassen. Sanktionen, hohe Temperaturen im Winter und sinkende Preise lasten auf dem Unternehmen. Und auch die Konkurrenz im eigenen Land schläft nicht.

Der russische Erdgaskonzern Gazprom schaut derzeit bei vielen seiner Projekte in die Röhre.

Der russische Erdgaskonzern Gazprom schaut derzeit bei vielen seiner Projekte in die Röhre.

Jens Buettner / EPA

Der russische Erdgasriese Gazprom könnte derzeit eine gute Nachricht vertragen. Seit Tagen wird in Russland darüber spekuliert, was die geheimnisvolle Reise der «Akademik Tschersky» zu bedeuten hat. Vor kurzem ist das Röhrenverlegeschiff von der russischen Hafenstadt Nachodka an der Pazifikküste aufgebrochen und nahm Kurs auf Singapur. Schon frohlockten kremlnahe Kommentatoren, dass es von dort aus weiter Richtung Europa und schliesslich in die Ostsee gehen könnte, um die derzeit wegen amerikanischer Sanktionen stillgelegte Verlegetätigkeit im Rahmen des Erdgasleitungsprojektes Nord Stream 2 wiederzubeleben.

Probleme mit Nord Stream 2

Die Pipeline gilt in Russland als politisches Prestigeobjekt. Und die «Akademik Tschersky» ist derzeit das einzige Schiff im russischen Besitz, das zumindest auf dem Papier den Anforderungen der von Dänemark erteilten Baugenehmigung für die russische Gasröhre entspricht. In Singapur, dem Zielhafen der «Akademik Tschersky», könnte das Schiff genau für Zwecke dieses Baus nachgerüstet werden. So will es zumindest die Moskauer Gerüchteküche.

Doch eine Prüfung der Fakten zeigt ein anderes Bild. Michail Krutichin, Partner der Beratungsfirma RusEnergy, verweist darauf, dass Gazprom erst Ende Januar eine Ausschreibung über die Nachrüstung der «Akademik Tschersky» mit Schweissvorrichtungen im Wert von 12 Mio. $ beendet habe. Doch diese Ausrüstung sei für ein anderes Gazprom-Projekt in der Nähe der Insel Sachalin bestimmt. Ein Blick in die Dokumente der Ausschreibung verrät tatsächlich, dass die bestellte Ausrüstung für Rohre mit einem Durchmesser von bis zu 32 Zoll ausgelegt ist, während bei Nord Stream 2 Rohre mit 48 Zoll eingesetzt werden. «Es scheint derzeit sehr unwahrscheinlich, dass das Schiff in Europa zum Einsatz kommt», sagt Krutichin im Gespräch. Wenn die «Akademik Tschersky» in Singapur nachgerüstet wird, dann geschieht dies höchstwahrscheinlich nicht für Nord Stream 2.

Ohnehin scheint man derzeit in der Gazprom-Zentrale in Moskau mit anderen Problemen beschäftigt zu sein. Statt fehlender Kapazitäten sind es derzeit eher überschüssige und leerstehende Leitungen, die Gazprom umtreiben. Hinzu kommen sinkende Erdgaspreise in Europa und die Konkurrenz von einem privaten russischen Erdgasanbieter, der entgegen früheren Beteuerungen mehr Erdgas nach Europa verkauft.

Schon im vergangenen Jahr waren Gazproms Exporte in die EU leicht rückläufig. Jüngste Exportzahlen zeigen, dass die Gaslieferungen in den ersten Wochen des Jahres nun massiv zurückgegangen sind. Allein im Januar sind die Lieferungen ins Ausland mit 9,72 Mrd. m3 Gas rund 35% geringer als im ersten Monat des vergangenen Jahres. Schuld daran ist nicht nur das warme Wetter in Europa. Vielmehr wird Gazproms Sturheit bei den Verhandlungen mit der Ukraine derzeit immer teurer. Bis zuletzt hofften die Russen, dank Nord Stream 2 auf die ukrainischen Leitungen verzichten zu können.

Ende Dezember liess sich Gazprom doch noch auf einen Vertrag mit der Ukraine ein, weil Nord Stream 2 wegen US-Sanktionen auf Eis gelegt werden musste. Die neuen Vertragsbedingungen konnte Kiew diktieren, und die sehen vor, dass Gazprom nicht die tatsächlich genutzte, sondern die gebuchte Kapazität bezahlt. Umso schmerzhafter dürfte es für den russischen Konzern sein, dass die ukrainische Leitung derzeit zu grossen Teilen ungenutzt ist. So hat der russische Energiekonzern im Januar laut der Agentur S&P Global Platts rund 2 Mrd. m3 Gas durch die ukrainische Leitung gepumpt, jedoch volle 5,5 Mrd. m3 bezahlt. Die Extrakosten betragen im Monat etwa 80 Mio. $.

Konkurrenz im Land

Doch während die jüngste Nachfrageflaute vorübergehend sein dürfte, wird Gazproms drittes Problem nicht so schnell verschwinden. Denn zuletzt bekam der Konzern Gesellschaft auf dem europäischen Markt v0m russischen Konkurrenten Novatek. Der Konzern wird geleitet vom Milliardär Leonid Michelson. Für Rückendeckung im Kreml sorgt ein weiterer Teilhaber, Gennadi Timtschenko, der als langjähriger Freund und Vertrauter des Präsidenten Wladimir Putin gilt. Beide spielen regelmässig zusammen Eishockey. Der französische Energiekonzern Total ist mit knapp 19% an Novatek beteiligt, grösster Aktionär ist Michelson.

Novatek investierte zusammen mit ausländischen Partnern, darunter Total, 27 Mrd. $ in das Flüssig-Erdgas-Projekt Jamal LNG. Weitere 21 Mrd. $ sollen in ein zweites Projekt in der Region fliessen. Damit sich das rechnet, gewährte Russland einmalige Steuervorteile, befreite Novatek und seine Partner von der Ressourcensteuer und reduzierte die Gewinnsteuer für Novatek von 18% auf 13,5% für die kommenden 12 Jahre.

Weil der russische Haushalt am Export von Gazproms Pipeline-Gas mehr verdient, sollte Novatek sein Flüssig-Erdgas (LNG) vor allem nach Asien verkaufen. Doch weil die Erdgaspreise in Asien derzeit so niedrig wie schon lange nicht mehr sind und der Transport über die Polarmeer-Route teuer ist, fliesst das Gas über europäische Häfen. Eigentlich sollte es von da aus weiter Richtung China gehen, doch jüngste Zahlen sprechen dafür, dass ein nicht zu kleiner Teil in Europa bleibt.

Die russische Zeitung Kommersant hat kürzlich berechnet, dass im vergangenen Jahr fast 80% des LNG von Novatek an Europa gegangen sind. Leonid Michelson erklärt seinerseits jüngst, die EU-Statistik erfasse einen Teil der Gasumladungen, die für Kunden in Asien bestimmt sind, als Importe. Tatsächlich gingen mehr als 50% nach Asien. Für Gazprom ist selbst das zu viel. Zumal ursprünglich Novatek beteuert hatte, nur einen Bruchteil seiner Produktion in Europa verkaufen zu wollen. Immer wieder lässt der Konzern seinen Unmut über Novatek in die russische Presse sickern; offenbar mit dem Ziel, den Kreml dazu zu bringen, die Konkurrenz im Zaum zu halten. Derzeit hält Gazprom noch das Monopol für Erdgasexporte per Pipeline. Beim LNG hat Gazprom dieses Privileg verloren.

Hauptsache, russisches Gas

Novatek-Chef Leonid Michelson kontert, sein Unternehmen sei in Europa nicht in Ländern aktiv, die Gazprom beliefere. Doch das stimmt nicht ganz. Einen Vorgeschmack gibt etwa Litauen, das sich einen LNG-Terminal angeschafft hat, um unabhängiger von Gazprom zu sein. Zuletzt kaufte es immer wieder Erdgas von Novateks kleiner LNG-Anlage in Wyssozk an der russischen Ostseeküste. Der Marktanteil des LNG-Anbieters stieg 2019 auf 13%.

Die Beteuerungen von Michelson, nicht mit Gazprom zu konkurrieren, dürften vor diesem Hintergrund die Führung des Energieriesen kaum beruhigen. Leonid Michelson sieht die Situation dagegen sichtlich entspannt. «Ob mit Novatek oder ohne, die Kunden werden sowieso LNG kaufen», sagte Novatek-Chef Michelson auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos. «Dann soll es wenigstens russisches LNG sein.»