Switzerland

Fussball mit Fans – wagen wir es! Die Analyse zum brisanten Vorschlag von Daniel Koch

Es war ein völlig unerwarteter Steilpass. Aber ­genial in der Ausführung. Fast so, wie einst Hakan Yakin in Höchstform. Der Spielmacher heute heisst Daniel Koch. Am Sonntagabend sass er im «Sportpanorama» des Schweizer Fernsehens und überraschte die Zuschauer mit einer Aussage, die man noch vor kurzem für völlig undenkbar gehalten hätte: Schon bald soll es wieder Fussballspiele mit Zuschauern geben, am liebsten bereits im Juli. Ja, so sagt das Koch, der Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten des Bundesamts für Gesundheit. Das ist deshalb so bemerkenswert, weil Koch in den letzten Wochen eben gerade nicht damit ­aufgefallen ist, für rasche und unkomplizierte Lockerungen einzustehen.

Zunächst einmal: Im Überschwang der Freude sollte nun kein Fussballfan an die gewohnte Stadionwelt voller überbordender Emotionen denken. Dafür ist es zu früh. Wenn Koch von Zuschauern beim Fussball spricht, dann tut er dies bereits mit einer klaren Vorstellung der Abläufe rund um die Stadien. Es müssten ­zwischen den Zuschauern jeweils Plätze leer bleiben. Und – das ist der entscheidende Punkt– es muss rückverfolgt werden können, wer wann neben wem gesessen hat, im Klartext: Es würde nur nummerierte, personalisierte Tickets geben. Noch ist in dieser Frage der Konjunktiv Trumpf. Entscheide fällt nicht Koch, sondern der Bundesrat. Am Mittwoch ein nächstes Mal. Angesichts der weiter tiefen Zahl von neuen Coronafällen ist es aber nicht auszuschliessen, dass Bundesrätin Viola Amherd die Planspiele von Koch tatsächlich bereits vorantreibt.

Das letzte Spiel auf Schweizer Boden mit Fans: Am 23. Februar empfängt St.Gallen im Spitzenspiel YB.

Gerade in der Kultur wäre der Ärger von vielen Veranstaltern verständlich, wenn Absagen doch vermeidbar gewesen wären

Im Interview mit CH Media hat Amherd bereits vor zwölf Tagen festgehalten, dass sie durchaus offen ist für kreative Ideen. Wenn nun der Bundesrat tatsächlich Varianten für Fussballspiele mit Zuschauern ausarbeitet, so wäre das endlich ein echter Beweis für das Bewusstsein in der Regierung, dass der Schweizer Profisport in seiner Existenz bedroht ist.

Doch natürlich drängen sich auch Fragen auf. Fussballspiele mit Zuschauern im Juli würden dem Grossveranstaltungsverbot bis 31. August widersprechen. Ob der Bundesrat tatsächlich bereit ist, seine Weisungen zu überdenken? Er würde damit indirekt auch Fehler zugeben. Nämlich dass es falsch war, bereits so früh für so lange so ziemlich jede Gelegenheit des ­sportlichen und kulturellen Zeitvertreibs zu verunmöglichen. Gerade in der Kultur wäre der Ärger von Veranstaltern verständlich, wenn sich nun herausstellen sollte, dass Absagen doch vermeidbar gewesen wären.

Doch eines haben die letzten Tage eben auch gezeigt: Irgendwann ist die Geduld der Gesellschaft erschöpft. Die Partynacht in Basel oder das illegale Fussballspiel in der Romandie mit Hunderten unvorsichtigen Menschen waren Beispiele dafür. Es kann weder im Interesse der Behörden noch im Interesse der weiterhin verzichtenden Bevölkerungsmehrheit sein, dass sich solche Mini-Revolten mehren. Die Strategie, möglichst rasch kontrollierte Lockerungen zuzulassen, scheint darum richtig. Ganz im Sinne von: je weniger Verbote, desto geringer die Lust auf Revolte. Dass der Profifussball aber keine Ausnahme bilden darf, ist selbstredend. Es sollen auch kontrollierte Kino-, Theater-, oder Konzertbesuche wieder möglich sein. Dass die Bevölkerung die nötigen Schutzkonzepte respektiert und umsetzt, hat sie in den letzten Wochen grösstenteils mit Bravour gezeigt.

Noch ist es erst ein Steilpass von Daniel Koch. Noch ist der Ball nicht im Lattenkreuz versenkt. Dafür verantwortlich, dass genau dies geschieht, sind am Ende die Fussballclubs und ihre Fans. Die Clubs, indem sie sich am Freitag an ihrer ausserordentlichen Ligaversammlung in grosser Mehrheit dazu bekennen, den Betrieb wieder aufzunehmen. Und die Fans, indem sie beweisen, ein Fussballleben mit Corona zu akzeptieren. Auch wenn einiges ungewohnt bleiben wird.

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