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Für Junge ist der schulische Lockdown eine soziale Katastrophe – der Schutz der Gesellschaft darf nicht unverhältnismässig auf ihre Kosten gehen

Junge Menschen werden nicht gefragt, wenn wegen Covid-19 die Schulen geschlossen werden. Dabei ist dies für sie einschneidend – das soziale Leben ist der Humus ihrer Persönlichkeitsentfaltung. Wenn von Solidarität die Rede ist, sollte dies stärker beachtet werden.

Kinder und Junge brauchen Nähe und Geborgenheit, gerade in der Krise.

Kinder und Junge brauchen Nähe und Geborgenheit, gerade in der Krise.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Letzte Woche waren allein in Deutschland über 300 000 Schülerinnen und Schüler sowie 30 000 Lehrerinnen und Lehrer in Quarantäne. Dass diese Zahl für Virologen ein Grund zur Sorge ist, erscheint nachvollziehbar. Denn seit Beginn der Pandemie gilt jeder infizierte Mensch als Gefahr. Dabei muss man aber wissen: Nicht alle Lernenden, die sich in Quarantäne befinden, sind infiziert. Die allermeisten sind Kontaktpersonen von positiv getesteten Menschen. Und damit ist es der Verdacht, der diese Massnahme zu rechtfertigen versucht.

Ist das Solidarität?

Ob diese Massnahme epidemiologisch sinnvoll ist oder nicht, aus pädagogischer Sicht ist ein Wörtchen mitzureden – gerade in einer Zeit, in der die Quarantänezahlen steigen. Denn die sich aufdrängende Frage lautet: Kann Quarantäne auch negative Folgen haben?

Wie läuft Quarantäne ab, und was macht sie mit jungen Menschen?

Man mag sich verwundert die Augen reiben, dass Lehrerverbände diese Frage nicht stellen. Stattdessen werden sie in der Krise zu Chefvirologen und fordern nahezu einhellig, Schulen zu schliessen. Wo ist das pädagogische Ethos geblieben? Wo der sokratische Eid? Über Hartmut von Hentig mag man streiten, seine Umformulierung des hippokratischen Eides ist für Lehrpersonen wegweisend: «Als Lehrperson verpflichte ich mich, die Eigenheiten eines jeden Kindes zu achten und gegen jedermann zu verteidigen; für seine körperliche und seelische Unversehrtheit einzustehen; auf seine Regung zu achten, ihm zuzuhören, es ernst zu nehmen; zu allem, was ich seiner Person antue, seine Zustimmung zu suchen, wie ich es bei einem Erwachsenen täte.»

Wie läuft Quarantäne ab, und was macht sie mit jungen Menschen? Gefragt werden die Schüler nicht. Das Gesundheitsamt bestimmt per Bescheid und meldet sich vielleicht per Telefon – das waren dann auch die sozialen Kontakte. Es regiert nicht der Dialog, sondern die Diktatur. Das mag angesichts bestimmter Drohszenarien vertretbar sein, aber der Blick darauf, wie junge Menschen Quarantäne erleben, darf nicht fehlen.

Forschungen hierzu gibt es längst. Bereits im Mai veröffentliche eine Forschergruppe um Susanne Röhr eine Studie mit eindeutigem Ergebnis: Depression, Ängstlichkeit, Wut, Stress, posttraumatische Belastung, Einsamkeit und Stigmatisierung sind häufige psychosoziale Probleme. Sogar Suizid ist nicht auszuschliessen. Der mögliche Schutz der Gesellschaft geht also auf den faktischen Schaden des Einzelnen. Ist das Solidarität? Zumindest erinnert es an ihre perverse Macht, wie es Richard Sennett nennt.

Das bisschen Quarantäne . . .

Ohne Zweifel kommen manche problemlos durch eine Quarantäne. In «Ein Lied für jetzt» beschreiben die Ärzte ihre Erfahrungen: «Das bisschen Quarantäne ist nicht die schlimmste Sache der Welt.» Für manche Kinder und Jugendliche ist es aber genau das. Denn sie brauchen den sozialen Kontakt in ihrer Persönlichkeitsentfaltung mehr als Erwachsene. Die Sorgen, die sie sich machen, sind ebenso existenzbedrohend wie mögliche Vorwürfe, die man ihnen macht – es gibt Politiker, die allen Ernstes Kinder rhetorisch fragen, ob sie Schuld haben wollten am Tod der Oma.

Junge Menschen müssen ihre Rolle finden, wofür die Gleichaltrigen entscheidend sind – nicht so sehr die Geschwister oder die Eltern, obschon diese für Ausgleich sorgen können. Aber eine korrekte Quarantäne schliesst auch diese Menschen aus. So gilt in Bayern: «Das Kind soll sich, soweit es für sein Alter möglich ist, in der Wohnung von den anderen Familienmitgliedern fernhalten, wenn möglich in einem separaten Zimmer mit eigenem Bad und WC. Enger Körperkontakt sei so weit wie möglich zu vermeiden.»

Wie soll eine Familie mit zwei, drei oder mehr Kindern das allein räumlich machen? Wichtiger ist der pädagogische Einspruch: Kinder und Jugendliche brauchen Nähe und Geborgenheit, gerade in der Krise, der sozialen Isolation, der Sorge. Wer dafür plädiert, sie wegzusperren und ihnen keine Möglichkeit der körperlichen Aktivität im Freien zu geben, der vergeht sich an ihrer psychischen, physischen und sozialen Gesundheit.

Familien nicht allein lassen

So wichtig Quarantäne sein kann, sie muss immer auch in Abwägung des Einzelfalles geschehen, um verhältnismässig zu sein. Kinder und Jugendliche pauschal in Quarantäne zu schicken, ist inhuman und erreicht nicht das Ziel verantwortungsvollen Handelns. Der wichtigste Schritt dorthin ist Aufklärung: Menschen, die wissen, warum sie etwas tun, handeln verantwortungsvoll. Sinnlose und nicht nachvollziehbare Einschränkungen provozieren das Gegenteil. Pädagogisch ist dabei von Anfang an eine durchdachte Begleitung unerlässlich. Familien allein zu lassen, kann in sozialen Brennpunkten zum Inferno führen.

Man mag an der Vernunftfähigkeit zweifeln. Sie aber zu verneinen und gerade junge Menschen bei Verdachtsmomenten unter Sippenhaft zu stellen, ist pädagogisch unsinnig. Wichtiger wäre es, die Vernunftfähigkeit zu stärken. So bleibt ein abschliessender Blick auf den sokratischen Eid: «Damit verpflichte ich mich als Lehrperson, mich allen Personen und Verhältnissen zu widersetzen – dem Druck der öffentlichen Meinung, dem Verbandsinteresse, der Dienstvorschrift, wenn sie meine hier bekundeten Vorsätze behindern.»

Klaus Zierer ist Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg.

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