Switzerland

Für den Oberfan gibt es jetzt Wichtigeres als die Tigers

Letzthin blieb Martin Leuenberger zu Hause, als die SCL Tigers ein Heimspiel hatten. Seine Frau hatte etwas los, er hütete den anderthalbjährigen Sohn Lukas. «Ich verfolgte das Spiel am Radio und war überhaupt nicht nervös», sagt er. Das wäre früher nicht möglich gewesen.

Es gab eine Zeit in Martin Leuenbergers Leben, da hat er alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ja kein Heimspiel zu verpassen. Doch seit er in Biembach den Hof seiner Schwiegereltern übernommen hat und vor allem seit er Vater wurde, seien wichtigere Sachen in sein Leben gerückt. So begründet er gegenüber den Anhängern der SCL Tigers, weshalb er nach elf Jahren als Leiter der Fanszene zurücktritt.

Martin Leuenberger auf dem Hof in Biembach, den er von seinen Schwiegereltern übernommen hat. (Bild: Marcel Bieri)

Am Samstag, wenn er seinen 38. Geburtstag feiert und sein Club zu Hause gegen die ZSC Lions spielt, wird Leuenberger zum letzten Mal in offizieller Mission in der Fankurve stehen. Die Pauke werde er zwar weiterhin schlagen. Aber er wird nicht mehr das offizielle Gesicht der Tigers-Anhängerschaft darstellen. «Ich bringe die nötige Zeit für dieses wichtige und aufwendige Amt schlichtweg nicht mehr mit», erklärte er im Rücktrittsschreiben an die «liebe Tigerfamilie».

Leuenberger wird keine Sitzungen mit den aktiven Fanclubs und Gruppierungen in der Fankurve mehr leiten, keine Absprachen mit der Choreogruppe mehr treffen, nicht mehr die Verbindung zwischen Anhängern und Geschäftsleitung der Tigers darstellen und keine Medienanfragen mehr beantworten. Aber Martin Leuenberger wird weiterhin in der Ilfishalle anzutreffen sein, so oft es geht.

Die Emotionen

Auf einen Sitzplatz wechseln werde er erst, wenn er einmal nicht mehr gut stehen könne. «Ich könnte nicht still sitzen, würde die ganze Zeit hochspringen», sagt er. Man kann sich einen kribbelig-zappeligen Martin Leuenberger zwar nicht recht vorstellen. Im Gespräch wirkt er überaus ruhig und bedacht. «Es kommt aber schon vor, dass ich mich im Spiel verbal austobe», gesteht er.

Dann deckt auch er den Gegner mit unfreundlichen Voten ein oder kommentiert die Arbeit des Schiedsrichters wenig schmeichelhaft. Das gehöre einfach dazu, sagt er. Martin Leuenberger weiss: «Für viele mit privaten oder beruflichen Problemen sind Eishockeyspiele ein Ventil, das ihnen Gelegenheit gibt, ihrem Ärger Luft zu machen.» Auch er selber könne hier «total abschalten».

Als der langjährige Capo Stefan Hofstettler sein Amt als Stimmungsmacher während der Spiele im Sommer 2018 niederlegte, tat er dies aus Protest: Er hatte in den eigenen Fanreihen Personen ausgemacht, die nicht wegen der Spiele, sondern zum Krawallmachen in die Stadien kämen, wie er sagte.

Die sozialen Medien

Ist die viel gelobte Langnauer Fankultur also in Gefahr? «Sie ist immer noch gut», sagt Müller. Die Bindung der Fans zu ihrem Club sei «extrem stark», freut sich der Geschäftsführer. «Aber ihr Verhalten an den Auswärtsspielen erfordert heute mehr Aufmerksamkeit.» Müller spricht von Suchtmitteln, die die Hemmschwelle senken, betont aber: «Es ist weniger das Verhalten der Menschen, das sich gegenüber früher verändert hat, als die Tatsache, dass heute jeder kleinste Vorfall in den sozialen Medien kommuniziert wird.»

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Die soziale Funktion

Für Leuenberger hat der Club eine Funktion, die weit über die wirtschaftliche Bedeutung für die Region hinausreicht. Er stärke das Selbstwertgefühl der Emmentaler. «Auch Leute, die nichts mit Eishockey anfangen können, freuen sich, wenn die Langnauer mit den grossen Clubs der Schweiz mithalten können.» Und der Landwirt erwähnt den sozialen Zusammenhalt: «Ob ein hoher Bankangestellter oder ein Arbeitsloser, in der Fankurve kommen alle zusammen.»

«Ob ein hoher Bankangestellter oder ein Arbeitsloser, in der Fankurve kommen alle zusammen», sagt Martin Leuenberger. (Bild: Valeriano Di Domenico)

Manchmal könne er auch die Rolle eines Psychologen übernehmen. Das hat dann aber weniger mit seiner Funktion als Fanszene-Leiter zu tun, als mit der Gelassenheit, die er ausstrahlt. Martin Leuenberger ist keiner, der aus der Haut fährt. Er ist auch keiner, der diktatorisch sagt, wo es langgeht. Vielmehr ist er stolz darauf, dass in den elf Jahren, in denen er den Verbund der verschiedenen Fanclubs leitete, selten eine Abstimmung nötig gewesen sei. «Wir haben die Themen diskutiert und jeweils im Gespräch einen gemeinsamen Entscheid gefunden.»

Die Fankultur

Es habe selten grosse Probleme oder extreme Meinungsverschiedenheiten gegeben. Wenn doch, habe er das Gespräch gesucht. Leuenberger findet: «Die Fankultur hat sich gut entwickelt.» Natürlich gebe es «ein paar schwarze Schafe» in den Reihen der Tigers-Anhänger, aber das sei vor zwanzig Jahren nicht anders gewesen. «Im Vergleich mit anderen Clubs sind wir immer noch gut dran», ist Leuenberger überzeugt. Aber er weiss, dass das nicht selbstverständlich ist. Seinem Nachfolger gibt er jedenfalls die dringende Bitte mit auf den Weg, «das grösste Kapital unseres Clubs so weiterzuführen, wie es sich für Langnau gehört».

«Es ist wichtig, dass der Kontakt und der Austausch bleiben, damit unsere Fankultur auch in zehn Jahren noch als einmalig gilt in der Schweiz.»Peter Müller, Geschäftsleiter der SCL Tigers AG

Es sind sein bisheriger Stellvertreter, Nicolas Abbühl, und Florian Haldemann, die sich die Leitung der Fanszene Langnau künftig teilen. Leuenberger beschreibt seine Nachfolger als «umgänglich» und ist überzeugt, dass sie positiv auf die «Tigerfamilie» einwirken werden. Das hofft auch Peter Müller, Geschäftsleiter der SCL Tigers AG. «Es ist wichtig, dass der Kontakt und der Austausch bleiben, damit unsere Fankultur auch in zehn Jahren noch als einmalig gilt in der Schweiz.»

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