Switzerland

Frankreich will seine Intensivpflege-Kapazitäten verdreifachen und bestellt eine Milliarde Masken

Nach bald zwei Wochen Ausgangssperre hat die französische Regierung eine Kommunikationsoffensive gestartet. Auch wenn sich der Premierminister dabei gegen Kritik verwehrt, werden die offenen Flanken des Krisenmanagements deutlich.

Regierungschef Édouard Philippe und Gesundheitsminister Olivier Véran erklären am Samstag ausführlich, wie Frankreich gegen das Coronavirus kämpft.

Regierungschef Édouard Philippe und Gesundheitsminister Olivier Véran erklären am Samstag ausführlich, wie Frankreich gegen das Coronavirus kämpft. 

Geoffroy Van Der Hasselt / EPA

Eine aussergewöhnliche Lage bringt aussergewöhnliche Phänomene mit sich – zum Beispiel aussergewöhnlich lange Pressekonferenzen. Fast zwei Stunden lang hat Frankreichs Premierminister Édouard Philippe am frühen Samstagabend erläutert, mit welcher Strategie seine Regierung gegen das Coronavirus kämpft. Unterstützung bekam er dabei von seinem Gesundheitsminister und dessen Chefbeamten, Epidemiologen und Ärzten, die nacheinander das Wort ergriffen. Allerhöchste Transparenz hatte Philippe im Vorfeld versprochen. Doch stellte sich bald heraus, dass es nicht um eine kritische Betrachtung des eigenen Krisenmanagements ging. So sagte er fast trotzig, er lasse das Argument, die Ausgangssperre sei zu spät gekommen, nicht gelten.

Vielmehr schien Philippe um das Vertrauen der Bevölkerung bemüht, das, zumindest wenn man Umfragen glaubt, nach zwei Wochen Ausgangssperre zurückgeht. Gründe dafür lieferten einerseits einige Regierungsmitglieder mit ungeschickten Äusserungen. Andererseits wirft die umstrittene Durchführung der Kommunalwahl vom 15. März ihren Schatten. In der vergangenen Woche haben sich mehrere Wahlhelfer an die Öffentlichkeit gewandt, weil sie positiv auf das Virus getestet worden sind.

Intensivpflege-Kapazität verdreifachen

Vieles, das die Regierung am Samstag in grosser Detailtreue darlegte, hätte schon vor Wochen erläutert werden können und wirkte daher seltsam entrückt: die Erklärung, wie sich das Virus verbreitet und weshalb die Ausgangssperre notwendig geworden ist, oder die Methode, wie Infizierte und Todesopfer gezählt werden. Als Gesundheitsminister Olivier Véran die Kapazitäten der etwas mehr als 600 Spitäler im Land ausbreitete, wurde dennoch deutlich, wo die Engpässe in Frankreich liegen.

Vor der Krise gab es in ganz Frankreich für eine Bevölkerung von 67 Millionen 5000 Betten auf Intensivstationen. Inzwischen dürften es, nicht allein dank dem Feldlazarett in Mulhouse, einige mehr sein. Doch im Vergleich zu Deutschland, das für 83 Millionen Einwohner rund 25 000 Notfallbetten hat, ist die Versorgung deutlich schlechter. Am Samstagabend befanden sich laut dem französischen Gesundheitsministerium 4273 Personen in Intensivpflege. Die Regierung will die Kapazitäten so bald wie möglich auf bis zu 14 500 Plätze erhöhen. Doch steht auch Frankreich vor der Herausforderung, das notwendige Personal sowie genügend Material zu bekommen. 1000 Beatmungsgeräte seien bestellt, sagte Véran. Und am Wochenende habe man 25 zusätzliche Geräte aus Deutschland bekommen.

Bestätigte Corona-Fälle in Frankreich pro 100 000 Einwohner

Nach Regionen

Bestätigte Corona-Fälle in Frankreich pro 100 000 Einwohner - Nach Regionen

Über eine unzureichende Versorgung mit Schutzmaterial klagen zudem nicht nur Polizisten und Mitarbeiter in Supermärkten, sondern auch das medizinische Personal in Spitälern und Altersheimen – und zwar bereits seit Wochen. Dass der Bestand der Schutzmasken in Frankreich nicht ausreichen wird, wurde der Regierung offenbar bereits Anfang März klar, als sie Lager und Produktion beschlagnahmte. Auch wenn inzwischen Textil- und Modeunternehmen die heimische Produktion unterstützen, kann diese in einem Monat nur gerade die Menge an Masken herstellen, die allein pro Woche im Gesundheitswesen verbraucht wird: 40 Millionen Stück. Die Regierung hat daher im Ausland, «überall, wo möglich», Masken bestellt, insgesamt eine Milliarde. Ein grosser Teil soll aus China kommen. Der Gesundheitsminister sprach von einer Luftbrücke, die zwischen den beiden Ländern eingerichtet worden sei. Angesichts der weltweiten Nachfrage könne man aber erst sicher sein, dass es mit der Lieferung geklappt habe, wenn das Flugzeug auf französischem Boden gelandet sei.

Als Nächstes droht Paris der Stresstest

Bis jetzt trifft das Coronavirus den Osten Frankreichs – insbesondere das Elsass – sowie die Region um die Hauptstadt stärker als den Rest des Landes. Véran zeigte am Samstag eine Karte, die verdeutlichen sollte, dass die westlichen Regionen des Landes vom Schlimmsten verschont bleiben könnten, wenn die Ausgangssperre konsequent eingehalten werde. Die Regierung hat diese am Freitag vorläufig um zwei Wochen bis Mitte April verlängert. Édouard Philippe sagte am Samstag, man erhoffe sich, Ende der kommenden Woche einen ersten Effekt der Massnahme sehen zu können. Konkret geht es dabei um die Zahl der Personen, die in Intensivpflege kommen. Gemäss dem Regierungschef verdoppelt sich die Zahl der neu registrierten Fälle derzeit noch immer alle drei bis vier Tage.

In einem Interview mit dem «Journal du Dimanche» deutete der Gesundheitsminister an, dass er das Ende der Ausgangssperre eng mit den Testkapazitäten im Land verknüpft – im Idealfall mit Bluttests, die eine Immunität nachweisen können, die aber noch nicht verfügbar sind. Frankreich testet derzeit nur noch Verdachtsfälle mit schweren Symptomen; zurzeit sind das rund 5000 pro Tag. Bis Mai soll die Zahl vervierfacht werden können. Zudem sollen bis Juni auch täglich 100 000 Schnelltests dazukommen, deren Verlässlichkeit noch umstritten ist. 

Einer Aussicht auf ein schnelles Ende der krassen Einschränkungen im Alltag erteilte der Regierungschef eine Absage. Die beiden kommenden Wochen würden noch deutlich schwieriger werden als die beiden vergangenen, sagte Philippe. Nach der nordöstlichen Region Grand Est dürften die Spitäler in der Region Paris an ihre Grenzen stossen. Dort befanden sich am Samstag 1570 Personen in Intensivpflege, offiziell gibt es 1500 Notfallbetten. Ausserdem wurden allein in der Region Île-de-France aus 241 Altersheimen Corona-Fälle gemeldet. 

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