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Finanzexperte Kaspar Müller (68) über das AKW-Geheimpapier: «Kernenergie war nie rentabel»

Das Risiko, dass der Steuerzahler für den Abbruch der Kernkraftwerke und die Entsorgung des Atommülls geradestehen muss, ist hoch. Dies zeigt ein geheimes Gutachten des Stilllegungs- und Entsorgungsfonds für AKW (Stenfo), das BLICK publik machte. Sollte ein grosses Energieunternehmen pleitegehen, ist gar ein Dominoeffekt bei den Partnern von AKW-Betreiberfirmen zu befürchten. Im Interview äussert sich nun Experte Kaspar Müller (68) zu den Enthüllungen.

BLICK: Herr Müller, erstaunen Sie die Erkenntnisse des Rechtsgutachtens?

Kaspar Müller: Nein, überhaupt nicht. Das weiss man seit langem. Schon im Jahr 1999 war die Marktbewertung des Kernkraftwerks Leibstadt negativ, nämlich minus zwei Milliarden Franken. Das heisst, Leibstadt hat keinen finanziellen Wert, sondern ist bloss eine Milliardenlast. Dass das eines Tages zum finanziellen Problem werden muss, ist offenkundig.

Aber die Zahlen der Energieunternehmen und Kernkraftwerke sehen doch solide aus, nicht?

Bezogen auf die Kernkraft nein. Es fehlt an Transparenz. Die Axpo veröffentlicht zum Beispiel keine Segmentrechnung für die Kernenergieproduktion. Diese ist ein risikobehaftetes Geschäft und braucht sehr viel Kapital. Die Betreiber verfügen aber nicht über das notwendige Eigenkapital. Hier haben wir seit langem ein Finanzierungsproblem, das ziemlich sicher beim Steuerzahler landen wird.

Gut, derzeit sind die Strompreise tief. Die beiden grossen Energieunternehmen geben aber an, sich abgesichert zu haben. Man hofft, dass der Strompreis wieder steigt.

Kernkraftwerke konnten noch nie rentabel betrieben werden. Daran werden auch steigende Strompreise nichts ändern. Dann sind nämlich Energiequellen wie Wasser, Sonne und Wind erst recht rentabel, und für teuren Atomstrom bleibt kein Platz.

Ist die Schweiz hier ein Einzelfall? Sie haben ja für die EU die Situation in ganz Europa angeschaut.

Alle Länder haben die gleichen Probleme. Die Entsorgung ist nicht gelöst. Die Kernfrage ist: Wer bezahlt die Entsorgungskosten, wenn sich beispielsweise 20 Jahre nach der Stilllegung herausstellen sollte, dass beträchtliche finanzielle Ressourcen fehlen, weil die Kosten weiter gestiegen sind und weiter steigen werden? Dieses Szenario ist sehr wahrscheinlich, zumal die Entsorgung Kosten über eine Dauer von mehr als 100 Jahren verursachen wird.

Experte für AKW-Finanzen

Der Ökonom und Finanzexperte Kaspar Müller (68) beschäftigt sich seit 2007 mit der Wirtschaftlichkeit von Atomkraftwerken. Er publiziert laufend zum Thema. Unter anderen analysierte er im Auftrag Brüssels die finanziellen Aspekte der Entsorgung nuklearer Abfälle in den einzelnen EU-Staaten. Müller war langjähriger Präsident der Aktionärsrechte-Stiftung Ethos.

Offenbar ist das – wie bei uns – historisch so gewachsen und überall ein Problem. Die Schweiz hat aber entschieden, schrittweise aus der Atomkraft auszusteigen. Löst sich unser Problem nicht von allein?

Nein. Das finanzielle Problem muss allein schon aus Sicherheitsgründen gelöst werden. Es wird teuer werden und die Frage ist: Wer bezahlt, wenn die Besitzer ausfallen?

Aber die Betreiber erklären doch immer, dass die Übernahme der Kosten durch den Bund «Ultima Ratio» sei, weil mehrere Sicherheitsebenen bestünden.

Es besteht keine verlässliche und transparente Regelung, die die öffentliche Hand schützt. Je stärker es der Kernenergie-Lobby gelingt, sich heute vor den Kosten zu drücken, umso wahrscheinlicher werden diese dereinst an Bund, Kantonen und künftigen Steuerzahlenden hängen bleiben.

Hat hier die politische Aufsicht versagt? Haben das Bundesamt für Energie und das Uvek als zuständiges Departement jahrelang nicht genau hingeschaut?

Es muss festgestellt werden, dass alle involvierten Kreise die finanzielle Seite der Atomkraftwerke schlicht und einfach nicht thematisieren wollten. Bei der Berechnung der Beiträge an die Stilllegungs- und Entsorgungsfonds ist der Stenfo der Ansicht, finanzielle Aspekte wie zum Beispiel die Bonität der Betreiber gingen ihn nichts an. Auch deshalb sind die Beitragszahlungen zu tief. Die Atomlobby hat es sogar geschafft, den zentralen Pfeiler einer wirksamen Absicherung der Finanzrisiken der Entsorgung, den Sicherheitszuschlag von 30 Prozent, wieder abzuschaffen.

Greenpeace schlägt Folgendes vor: Da dereinst sowieso der Steuerzahler für die Atomkraftwerke zahlen muss, sollen die AKW-Betreiber einwilligen, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu begrenzen. Dafür soll der Steuerzahler dereinst die Kosten tragen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Greenpeace hat vermutlich recht, dass es in diese Richtung gehen wird. Zusätzlich würde ich aber zuerst noch die Aktionärskantone in die Pflicht nehmen.

Wie das?

Die Verwaltungsräte von Alpiq und Axpo müssen ihren Aktionären, das sind hauptsächlich Kantone, klaren Wein einschenken und sagen: Wir lagen falsch, jetzt brauchen wir viel zusätzliches Eigenkapital. Das müsst ihr als Aktionäre aufbringen. Wichtig ist, dass in erster Linie die verantwortlichen Aktionäre finanzieren, die lange von hohen Dividenden profitiert haben. Zudem müssen die Beitragszahlungen in den Stenfo schnell und deutlich erhöht werden, das ist dem Vorsichtsprinzip geschuldet.

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