Switzerland

Favorit Bernie Sanders wird zur Zielscheibe beim chaotischen Schlagabtausch der Demokraten

Bei der letzten Fernsehdebatte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten vor dem Urnengang im Gliedstaat South Carolina sind mächtig die Fetzen geflogen. Der aktuelle Spitzenreiter Bernie Sanders kam unter Druck, und Mike Bloomberg musste sich erneut für alte Aussagen und Positionsbezüge verteidigen.

Senatorin Elizabeth Warren (li.) spricht mit Senator Bernie Sanders (re.) nach der Fernsehdebatte der Demokraten am 25. Februar in Charleston im Gliedstaat South Carolina.

Senatorin Elizabeth Warren (li.) spricht mit Senator Bernie Sanders (re.) nach der Fernsehdebatte der Demokraten am 25. Februar in Charleston im Gliedstaat South Carolina.

Jonathan Ernst / Reuters

Er kann nichts anders. Als Bernie Sanders am Dienstag nach einer zweistündigen Fernsehdebatte, in der die führenden Präsidentschaftskandidaten der Demokraten in Charleston (South Carolina) die Klingen kreuzten, gefragt wurde, was denn der grösste Irrglaube über ihn sei, antwortete der Senator aus Vermont: Dass seine Ideen «radikal» seien. Das Gegenteil treffe zu, sagte Sanders während der chaotischen Debatte. In der einen oder anderen Form seien seine politischen Vorstellungen zur Gesundheitspolitik oder zum Klimaschutz im Ausland bereits verwirklicht worden.

Seine sechs Kontrahenten waren da allerdings anderer Meinung. Wenn sie nicht gerade die Positionsbezüge Mike Bloombergs kritisierten – der ehemalige New Yorker Stadtpräsident bot eine grosse Angriffsfläche –, dann attackierten sie den aktuellen Spitzenkandidaten. So kam der 78-jährige Sanders unter Beschuss, weil er in den vergangenen vierzig Jahren immer wieder ein gutes Wort über autoritär regierte Staaten wie Kuba unter Fidel Castro oder Nicaragua unter Daniel Ortega verloren hatte. Er verurteile Autokraten, antwortete der Senator darauf. Und im Gegensatz zu dem 78-jährigen Medienunternehmer Bloomberg, der sich einmal mehr schwer damit tat, den chinesischen Präsidenten Xi Jinping als Diktator zu bezeichnen, habe er keine Probleme damit, dies offen zu sagen. Dies schliesse aber nicht aus, dass er Fortschritte lobe, die diese Staaten gemacht hätten – zum Beispiel in der Bildungspolitik, sagte Sanders. So habe es zum Beispiel auch bereits der ehemalige Präsident Barack Obama gehandhabt, fuhr er fort, unter Verweis auf Aussagen aus dem Jahr 2016.

Diese Anlehnung an den immer noch äusserst beliebten ehemaligen Präsidenten Obama stiess Joe Biden sauer auf. Der 77-jährige ehemalige Vize Obamas sagte in einem energischen Tonfall, sein Chef habe autoritäre Regimes nie umarmt, sondern die Diktatur auf Kuba verurteilt. Sanders hatte darauf angespielt, dass die Regierung Obamas dafür verantwortlich war, dass Amerika und Kuba nach einer langen Pause wieder diplomatische Beziehungen aufnahmen.

Pete Buttigieg, ehemaliger Stadtpräsident von South Bend (Indiana), wies darauf hin, dass es für die Demokraten nicht erfolgversprechend sei, den Kalten Krieg erneut auszufechten. Niemand könne in Amerika eine Wahl gewinnen, sagte der 38-Jährige, wenn er über die angeblich guten Seiten der Castro-Brüder spreche.

Erneut Kritik am ehemaligen New Yorker Stadtpräsidenten

Bloomberg wiederum musste sich erneut für frühere Positionsbezüge und umstrittene Entscheidungen während seiner Amtszeit als New Yorker Stadtpräsident wehren. Heftig angriffen wurde er, wie bereits in seiner ersten TV-Debatte dieses Wahlkampfs vorige Woche, von Senatorin Elizabeth Warren. Die 70 Jahre alte Senatorin aus Massachusetts wies auf die Angestellten Bloombergs hin, die sich intern oder vor Gericht gegen sexuelle Belästigung oder Diskriminierung gewehrt hatten. Sie zitierte aus einer Zivilklage aus den Neunzigerjahren, in der eine schwangere Frau zu Protokoll gegeben hatte, Bloomberg habe über ihren Fötus gesagt: «Kill it», töte es. Bloomberg sagte, er habe diesen Satz nie geäussert. Die Klage wurde aussergerichtlich beigelegt.

Der Medienunternehmer sagte aber auch: Es sei «wahrscheinlich» falsch gewesen, Witze zu reissen, die von Angestellten als sexistisch aufgefasst werden können. Dafür entschuldige er sich. Gleichzeitig bekräftigte Bloomberg, dass es sich dabei um alte Geschichten handle. Nun sei er ein anderer Mann, und an seiner Verbundenheit zur Demokratischen Partei gäbe es keine Zweifel. So unterstütze er Gruppierungen, die für die Verschärfung der Waffengesetze kämpfen. Auch seien seine Spenden dafür verantwortlich, dass es den Demokraten gelungen sei, im November 2018 die Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückzugewinnen. «Ich kaufte. . .», sagte Bloomberg, bevor er sich mitten im Satz korrigierte und stotternd sagte: «Ich habe sie gekriegt.»

Bloomberg hatte aber auch einige gute Momente. So brachte er den Coronavirus aufs Tapet und sprach darüber, wie schlecht die Regierung von Präsident Donald Trump auf die Ausbreitung der Infektionskrankheit vorbereitet sei. An der Börse habe sich bereits Panik verbreitet und die amerikanische Bevölkerung sei zurecht verunsichert.

Einige gute Augenblicke hatte auch Joe Biden, dessen Kandidatur für das Weisse Haus davon abhängt, dass er am Samstag die Vorwahl in South Carolina gewinnt. Er gab sich siegesgewiss; die afroamerikanischen Stammwähler im Südstaat wüssten, sagte Biden, wie er sich während seiner langen Laufbahn für die Interessen der Schwarzen stark gemacht habe. Als er gefragt wurde, was denn der grösste Irrglaube sei, der über ihn kursiere, sagte Biden selbstironisch: Dass er mehr Haare habe.

Schade bloss, dass dieser Augenblick erst nach zwei Stunden kam, nach einer Debatte, in der viel geschrien und gefuchtelt wurde, und in der sich die Kandidaten regelmässig ins Wort fielen. Treffend sagte die 59-jährige Senatorin Amy Klobuchar aus Minnesota: Wenn sich die Demokraten in den nächsten Monaten weiter so stritten, dann werde dies damit enden, dass der jetzige Bewohner des Weissen Hauses eine weitere Amtszeit gewinne.