Switzerland

Fall Céline: Jugendlicher vom Vorwurf der sexuellen Nötigung freigesprochen

Die damals 13-jährige Céline hatte sich vor drei Jahren nach monatelangem Cybermobbing das Leben genommen. Das Jugendgericht Dietikon hat am Mittwoch die Strafe gegen ihren Peiniger nicht verschärft.

Reto Flury, Nils Pfändler

Auf dem Smartphone der Jugendlichen wurden nach ihrem Tod etliche Mitteilungen mit wüsten Beschimpfungen entdeckt.

Auf dem Smartphone der Jugendlichen wurden nach ihrem Tod etliche Mitteilungen mit wüsten Beschimpfungen entdeckt.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Am Mittwochnachmittag musste sich im sogenannten Fall Céline ein junger Mann vor dem Jugendgericht Dietikon verantworten. Es ging in der Verhandlung um eine Handvoll Text- und Bildnachrichten, die er und das Mädchen vor bald drei Jahren ausgetauscht hatten.

Bereits zuvor hatte der Jugendliche einen Strafbefehl wegen Nötigung und Pornografie erhalten und musste einen kurzen Arbeitseinsatz leisten. Die Eltern von Céline hatten dagegen Einsprache erhoben und forderten eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung sowie eine härtere Bestrafung.

Das Jugendgericht hat den heute 17-Jährigen nun vom Vorwurf der sexuellen Nötigung freigesprochen. Es folgte damit der Argumentation des Verteidigers. Das Mädchen sei weder zu beischlafähnlichen noch anderen sexuellen Handlungen gezwungen worden, sagten er in seinem Plädoyer.

In Sachen Nötigung und mehrfacher Pornografie wurde das Verdikt gegen den jungen Mann bestätigt. Die Verfügung der Jugendanwaltschaft zur persönlichen Betreuung wird fortgesetzt. Ausserdem erhält der Beschuldigte eine persönliche Leistung von sieben Tagen und muss den Privatklägern eine Prozessentschädigung von 2500 Franken inklusive Barauslagen bezahlen.

Für Célines Eltern ist das Urteil ein Rückschlag. Bei der Verkündung verliessen sie aufgebracht den Saal, noch bevor der Richter das Urteil fertig verlesen hatte.

Fall löste Debatte aus

Das damals 13-jährige Mädchen hatte sich Ende August 2017 das Leben genommen. Der Suizid löste weitherum und nicht zuletzt in den sozialen Netzwerken Erschütterung aus. Denn auf dem Smartphone der Jugendlichen wurden nach ihrem Tod etliche Mitteilungen mit wüsten Beschimpfungen, Drohungen und Druckversuchen entdeckt. Die Frage, die bald auftauchte, lautete: War dieser Suizid eine Folge von Mobbing im Cyberspace?

Hier bekommen Sie Hilfe:

Wenn Sie selbst Suizid-Gedanken haben oder jemanden kennen, der Unterstützung benötigt, wenden Sie sich bitte an die Berater der Dargebotenen Hand. Sie können diese vertraulich und rund um die Uhr telefonisch unter der Nummer 143 erreichen. Spezielle Hilfe für Kinder und Jugendliche gibt es unter der Nummer 147.

Die Antwort der Jugendanwaltschaft lautete Nein. Sie ermittelte zwar gegen zwei Jugendliche und stellte ihnen je einen Strafbefehl aus. Laut Sarah Reimann, der Sprecherin der Oberjugendanwaltschaft, waren die Delikte aber nicht ursächlich für Célines Tod: «Gemäss den Erkenntnissen der Jugendanwaltschaft kann der tragische Suizid nicht auf das Handeln der Beschuldigten zurückgeführt werden.»

Bei den bestraften Teenagern handelt es sich um eine junge Frau und einen Burschen aus dem Limmattal. Gegen die Frau, die zur Tatzeit 16 Jahre alt war, wurden wegen versuchter Drohung und Beschimpfung rechtskräftig Sanktionen ausgesprochen. Der damals 14-jährige Knabe erhielt einen Strafbefehl wegen Nötigung und Pornografie.

Als Nötigung wertete die Jugendanwaltschaft, was sich Anfang August 2017 in einem Whatsapp-Chat zwischen dem Jungen und Céline abgespielt hatte, die sich in ihn verliebt hatte. Er forderte das Mädchen damals unverfroren dazu auf, ihm weitere erotische Fotos zu schicken, sonst werde er früher erhaltene Bilder weiterleiten. Mit «yk («you know», Red.) how it works» unterstrich er seine Aufforderung und schrieb später auch, an wen er die Aufnahmen weiterleiten würde: an die 16-jährige Kollegin. Aus Angst davor habe Céline ihm intime Bilder via Snapchat zugesandt, heisst es im Strafbefehl.

Verurteilt wurde der Junge zudem wegen pornografischer Selbstaufnahmen, die er in den Wochen und Monaten zuvor gesendet hatte. Die Sanktion der Jugendanwaltschaft ist aus dem ausgehändigten Strafbefehl nicht zu ersehen. Dies, weil in Strafverfahren gegen Minderjährige erhöhte Anforderungen an den Persönlichkeitsschutz gelten.

Eine völlig andere Deutung als diejenige der Staatsanwaltschaft findet sich allerdings in etlichen Medienberichten, die in den letzten zweieinhalb Jahren zur Geschichte erschienen sind. Mehr oder weniger deutlich wird eine direkte Verbindung zwischen dem Drama im virtuellen Raum und dem Selbstmord hergestellt – wenn es nicht gar heisst, es sei der «erste bekannte Fall von Cybermobbing in der Schweiz, der auf derart tragische Weise geendet hat» («Aargauer Zeitung»).

Nach dieser Darstellung waren die Nachrichten Teil eines längeren Mobbings. Dieses eskalierte, als der Bursche das erotische Foto nicht etwa für sich behielt, sondern seiner ehemaligen Freundin, der zweiten Beschuldigten, weiterleitete. Eifersüchtig beschimpfte diese Céline daraufhin und stellte sie bloss, indem sie ein Foto auf Snapchat postete, wo es Hunderte Personen sehen konnten.

Auch für die Eltern des Mädchens ist klar, dass es letztlich Opfer einer Mobbing-Attacke geworden ist. Sie wandten sich vor einigen Monaten an die Öffentlichkeit und haben sich ganz der Prävention gegen Cybermobbing verschrieben. Sie empfingen ein Fernsehteam der «Rundschau», standen Journalisten Red und Antwort, willigten in die Nennung des vollen Namens ihrer Tochter ein und traten in Winterthur an der Famexpo auf, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Und sie fochten den Strafbefehl gegen den mittlerweile erwachsenen jungen Mann an und forderten eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung.

Deshalb musste sich das Jugendgericht Dietikon am Mittwoch mit dem Fall befassen. Normalerweise finden solche Verhandlungen zum Schutz der jungen Personen hinter verschlossenen Türen statt. In Ausnahmefällen kann ein Gericht aber Vertreter der Öffentlichkeit zulassen. Zum Beispiel, wenn das öffentliche Interesse dies gebietet und es den Interessen des beschuldigten Jugendlichen nicht zuwiderläuft, wie es in der Jugendstrafprozessordnung heisst. Am Prozess gegen ein Winterthurer Geschwisterpaar, das in den Jihad gezogen war, durften Journalisten ebenfalls teilweise anwesend sein.

Auch in Dietikon waren Journalisten zugelassen, allerdings nur zu den Plädoyers und der mündlichen Urteilseröffnung und soweit keine persönlichen Details erwähnt wurden.

Mehr folgt.