Switzerland

Fall Céline: Eltern klagen an

28. August 2017 – seit diesem Tag ist für Nadya und Candid Pfister nichts mehr wie früher. «Wenn so etwas passiert, kannst du nicht denken, nicht essen, nichts geht», sagt Nadya Pfister. Die beiden sitzen im Restaurant Meierhof im aargauischen Spreitenbach, vor ihnen ein dicker Ordner voller Akten. Ihre Tochter ist omnipräsent: als Screensaver, als Foto im Portemonnaie, auf Candid Pfisters Haut. «Céline Yeraz» steht in grosser Schrift, darunter Geburts- und Todesdatum, daneben ein Schmetterling.

An der Beerdigung ihrer Tochter war der Andrang so gross, dass Verkehrslotsen Autos einweisen mussten. Während der Messe flatterte ein dunkler Schmetterling, ein Admiral, um den Kopf des Pfarrers, flog dann auf Candid Pfister zu und schmiegte sich während der ganzen Messe an seinen Kopf. Alle sprachen ihn darauf an. «Seither ist er zu ihrem Symbol geworden», sagt der Vater.

Céline, gross, mit Locken bis zur Hüfte, war ihr einziges Kind: Ärzte hatten gesagt, sie würde nie Kinder bekommen können. Es klappte trotzdem. Céline war ein fröhliches, selbstbewusstes Mädchen. Sie liebte das Leben und die Musik. Hörte am liebsten Deutschrap, ging nie ohne Kopfhörer aus dem Haus. Sie war eine Perfektionistin: Notenschnitt 5,2, auf dem Weg an die Kanti, danach Jura studieren an der Uni. «Wenn ich ihr sagte, Céline, Hauptsache du bist dabei, antwortete sie immer: Nein, Mami, es geht ums Gewinnen.»

Dann lernte sie ihn kennen

Alles war gut, bis sie ihn kennen lernte: einen damals 14-jährigen Jungen aus Dietikon. «Ich riet ihr noch von ihm ab», sagt Nadya Pfister. Sie wusste um seinen zweifelhaften Ruf im Dorf. Doch Céline hatte ihren eigenen Kopf.

«jez ish dis lebe verbi ich mach der dis lebe so chabbut»Handy-Nachricht an Céline

Sie schrieben sich, Céline verliebte sich. Er verlangte intime Bilder von ihr. «yk (you know) how it works», schrieb er. Céline gab nach, im Vertrauen, das Gesendete sei nur für seine Augen bestimmt. Der Junge aber schickte das Bild seiner Ex-Freundin, sie wurde eifersüchtig, beschimpfte Céline übers Handy: «jez ish dis lebe verbi ich mach der dis lebe so chabbut», «ich brich der din hals» und «wür dich eigehändig umbringe also pass uf was du machsh». Und dann teilte sie Célines intimes Foto auf Snapchat – ganz Spreitenbach konnte sehen, wie sie leicht bekleidet auf ihrem Bett sass. «Das hat sie gebrochen», sagt ihre Mutter.

Ende August, es ist Sommer, warm, sonnig, setzt Céline ihrem Leben ein Ende.

Candid Pfister weiss, was Schicksalsschläge sind. Sein Bruder, ein begeisterter Töfffahrer, 18 Jahre unfallfrei, kam 2003 am Lukmanierpass ums Leben, Selbstunfall. Drei Jahre später starb seine Mutter an Krebs, am Ende wog sie noch 42 Kilo. «Das ist schlimm, aber wenn deine Tochter stirbt, ist das kein Vergleich», sagt er.

«Es ist sinnlos», sagt Nadya Pfister, «absolut sinnlos. In drei Monaten hätte die ganze Geschichte vielleicht anders ausgesehen.» Damit komme man nicht klar.

«Du wirst genauso sterben wie Céline»

Die Jugendstaatsanwaltschaft kommt im Februar 2019 zum Schluss, dass der Suizid von Céline nicht auf das Handeln des Dietikers und seiner Ex-Freundin zurückgeführt werden kann. Sie verurteilt ihn per Strafbefehl wegen Nötigung, sie wird wegen versuchter Drohung und Beschimpfung sanktioniert. Beide müssen zwei kurze Arbeitseinsätze leisten.

Die Eltern erheben Einsprache gegen den Strafbefehl des Jungen, fordern eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung. Am 26. Februar kommt der Fall nun erstmals vor Gericht in Dietikon. Nadya und Candid Pfister sind wütend: auf die Justiz, auf die milden Strafen, und darauf, dass die Mobberin nach Célines Tod einfach weitermachte.

Die mittlerweile 17-Jährige sendete aus der Psychiatrie Drohvideos an eine von Célines Freundinnen. «Also du kleine Nutte», sagt sie, während ein zweites Mädchen hinter ihr lacht, «wir finden dich schon. Du wirst genauso sterben wie Céline.» Das Verfahren gegen sie wird eingestellt. Das Opfer hätte beide Mädchen, die auf dem Video zu sehen sind, anzeigen müssen.

Nadya Pfister will das nicht verstehen: «Welches Zeichen senden wir damit? Jugendliche wissen genau, dass ihnen nichts passiert, wenn sie das tun.»

Mit #célinesvoice gegen Cybermobbing

Der Tod ihrer Tochter hat Candid und Nadya Pfister zu Aktivisten gemacht: Sie fordern einen Gesetzesartikel zu Cybermobbing. Denn die Schweiz kennt im Gegensatz zu Österreich keinen solchen Straftatbestand (siehe Text unten). Mobbingopfer müssen sich hier mit Tatbeständen wie Beschimpfung, Drohung oder Nötigung behelfen. Die Verfahren sind oft mit Beweisproblemen verbunden.

«Jugendliche müssen sich schützen können. Und Mobbing muss Konsequenzen haben.»Nadya Pfister

«Jugendliche müssen sich schützen können», sagt Nadya Pfister. «Und Mobbing muss Konsequenzen haben.» Seit Monaten unternehmen sie alles, um auf das Problem von Cybermobbing aufmerksam zu machen: Sie schreiben Politikern, motivierten deutsche Rapper, Songs gegen Mobbing zu produzieren, unter dem Hashtag #célinesvoice posten sie auf Facebook und Instagram Bilder von Céline und rufen zu weniger Hass auf.

Sie wollen eine Volksinitiative

Die Solidarität ist riesig. Eine Freundin der Eltern war vor kurzem an einer Familienmesse, um auf das Thema aufmerksam zu machen, Tausende setzten als Zeichen der Anteilnahme ihre Unterschriften auf das Bild von Céline. Am liebsten würden die Eltern eine Volksinitiative starten – «aber allein können wir das nicht stemmen.» Zuerst wollen sie den Gerichtsfall abwarten.

Im Mai 2018, neun Monate nach dem Tod ihrer Tochter, fuhren Nadya und Candid Pfister das erste Mal wieder weg, ins Ferienhaus nach Südfrankreich. Candid Pfister wäre am liebsten wieder zurückgefahren. Aber als er die Fenster der Wohnung öffnete, flatterte ein dunkler Schmetterling in die Küche. Der Admiral, den Candid Pfister seit der Beerdigung tätowiert hat, der jeden Post von Céline begleitet. Er liess sich auf dem Stuhl nieder, auf den sich Céline jeweils gesetzt hatte.

Der Schmetterling, sagt Nadya Pfister, sei in gewisser Weise wie ihre Tochter: «Er denkt, er sei ein Insekt, und sieht dabei seine eigene Schönheit nicht.» Aber es gebe auch dieses Sprichwort, meint sie und lächelt: «Die Raupe sagt, es ist das Ende, der Schmetterling widerspricht: Es ist erst der Anfang.»

Braucht die Schweiz ein Cyber-Gesetz?

Céline ist kein Einzelfall: Im Juni 2017 nahm sich eine 15-jährige Finnin das Leben, nachdem sie ein 30-Jähriger aus Uster erpresst hatte: Er hatte intime Bilder von ihr auf eine öffentliche Pornosite geladen und mit ihrem Namen versehen. Nachdem das Bezirksgericht ihn zu 42 Monaten Haft verurteilt hatte, reduzierte das Obergericht die Strafe auf 28 Monate und schob sie zugunsten einer ambulanten Therapie auf.

2012 nahm sich in Kanada die 15-jährige Amanda Todd das Leben, nachdem sie wegen Nacktfotos über Monate hinweg online gemobbt worden war. Ihr Tod löste eine emotionale Debatte darüber aus, wie mit Cybermobbing umgegangen werden sollte. Vor allem wurden Forderungen nach einem besseren Jugendschutz im Internet laut.

Im Gegensatz zum klassischen Schulmobbing sind Opfer von Cybermobbing den Drohungen und Schikanen im Internet pausenlos ausgesetzt. Zudem können einmal publizierte Bilder kaum mehr gelöscht werden.

Cybermobbing nimmt zu: In einer Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) von 2018 gab fast jeder Vierte Jugendliche an, schon einmal im Internet fertiggemacht worden zu sein. Ein paar Jahre zuvor waren es noch deutlich weniger gewesen. Eine Erhebung der Zürcher Oberjugendanwaltschaft zeigte, dass 2017 jede zweite Ehrverletzung und jede vierte Drohung online stattfanden.

Österreich hat darauf reagiert und 2016 ein Cyber-Gesetz eingeführt. Wer andere «im Wege einer Telekommunikation fortgesetzt belästigt», kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe bis zu 720 Tagessätzen bestraft werden. Hat die Tat den Selbstmord oder den Selbstmordversuch des Opfers zur Folge, ist die Strafe höher. Seit der Einführung werden jährlich etwa 300 Fälle von Cybermobbing angezeigt.

Auch in der Schweiz gab es immer wieder Vorstösse, härter gegen Mobbing vorzugehen. Dirk Baier, Kriminalitätsexperte an der ZHAW, sagt: Cybermobbing sei ohne Zweifel ein soziales Problem, auf das gesetzgeberisch reagiert werden müsse. «Wir müssen auch online Verantwortung für unsere Taten übernehmen.» Das Beispiel Österreich zeige, dass ein solches Gesetz umsetzbar sei. Ein neuer Straftatbestand sensibilisiere und gebe der Prävention Rückenwind.

Für Martin Steiger hingegen, Anwalt und Experte für Recht im digitalen Raum, ist ein neuer Straftatbestand weder nötig noch zielführend: «Die Hoffnung von Politik und Opfern, ein neuer Straftatbestand wirke abschreckend, bleibt oft unerfüllt.» Neustes Beispiel laut Steiger: die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm, die vor einer Woche vom Volk angenommen wurde. Diese bewirke nicht, dass Hass gegen Homosexuelle kleiner werde.

Steiger sagt aber auch, dass Betroffene in der Lage sein müssten, sich wirksam zu wehren. Er verweist auf das Zivilrecht, das Möglichkeiten biete, die nicht konsequent genutzt würden. Es erlaube Mobbingopfern, direkt das Löschen und Unterlassen von persönlichkeitsverletzenden Äusserungen zu erwirken. Dafür brauche es aber schnellere und günstigere Verfahren. (lia)