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Extremsportler Nicolas Hojac: «Ich bin öfter umgekehrt als auf dem Gipfel gestanden»

Der Profialpinist spricht über seinen Mentor Ueli Steck. Und er erklärt, warum er zunehmend wegschaut, wenn sich Leute am Berg überschätzen.

«Ich habe keine Sehnsucht nach dem Tod»: Nicolas Hojac hängt senkrecht in der Wand, während eine Lawine über ihn hereinbricht.

«Ich habe keine Sehnsucht nach dem Tod»: Nicolas Hojac hängt senkrecht in der Wand, während eine Lawine über ihn hereinbricht.

Foto: Daniel Bleuer

Sie klettern Eiswände hoch, überqueren Gipfel rennend, machen Erstbegehungen, riskieren Ihr Leben: Weshalb?

(lächelt) Das ist meine Leidenschaft. Und Leidenschaft ist ein Stück weit nicht erklärbar. Früher konntest du lossegeln und Amerika entdecken. Bergsteigen bietet dir in verminderter Form so was wie ein Abenteuer.

Was Sie tun, ist in den Augen der allermeisten Menschen verrückt.

Ich verstehe, dass die Leute teilweise denken, das sei extrem, was ich da mache, ich sei ein Spinner, der sich umbringe. Für mich fühlt es sich nicht so an. Es ist mein Job: Da stecken 15 Jahre Training und Erfahrung dahinter – und sehr viel Vorbereitung.

Sie erwähnen den Begriff «extrem». Mögen Sie die Bezeichnung Extremsportler?

Eigentlich nicht. Ich nehme nicht als extrem wahr, was ich mache. Ich weiss, was ich tue, jederzeit. Ich bin kein Adrenalinjunkie und habe keine Sehnsucht nach dem Tod.

Was reizt Sie denn daran, bei Tiefsttemperaturen irgendwelche Berge hochzuklettern?

All die kleinen Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Wie komme ich da hoch? Was mache ich als Nächstes? Es gibt theoretisch zig verschiedene Routen. Man muss analytisch vorgehen, mit einem Plan. Das mag ich. Da drückt vielleicht der Ingenieur in mir durch. (Hojac studiert Maschinenbau; die Redaktion)

«Wer unseren Sport auf einem gewissen Niveau ausüben will, muss demütig sein.»

Sind Sie so was wie der Intellektuelle unter den Bergsteigern?

(schmunzelt) Es gibt Kollegen, die bezeichnen sich als Künstler, bloss weil sie Erstbegehungen machen. Ich halte davon nichts. Wer unseren Sport auf einem gewissen Niveau ausüben und das Risiko minimieren will, der kommt nicht drum herum, einen Plan zu haben und demütig zu sein. Ansonsten wird es rasch ungemütlich.

Alpinisten mögen Freiheiten. Corona schränkt ein. Wie gehen Sie damit um, Grenzen gesetzt zu bekommen?

Im Lockdown wars schwierig. Ich hielt mich an die Vorgabe, auf Klettertouren und dergleichen zu verzichten – obwohl ich Profi bin und meinem Beruf ja quasi nachgehen muss. Als ich hörte, gewisse Hotspots würden belagert, wunderte ich mich, zumal da Leute darunter waren, die davor kaum je einen Hügel bestiegen hatten. Ich kam mir veräppelt vor.

Ist die Pandemie für Leute wie Sie erträglicher, weil Sie es gewohnt sind, mit einem Restrisiko zu leben?

(überlegt) Grundsätzlich: ja. Als Bergsteiger bist du immer wieder Extremsituationen ausgesetzt; es ist normal, dass etwas nicht so verläuft, wie du es dir wünschst. Dass man sich schwertut momentan, wenn man auf einmal mit Hürden konfrontiert wird, kann ich mir vorstellen.

«Es gibt nicht überall eine Rega. In Pakistan kann ein Beinbruch schon zur Herausforderung werden. »

Haben Sie Verständnis für das Bedürfnis der allermeisten Menschen, Risiken auszuschliessen?

Das Risiko ist das Salz in der Suppe. Würze benötigt es, aber man kann sie auch versalzen. Aber ich brauche den Kick nicht, halte das Risiko so gering wie möglich.

Erstbegehungen sind doch die ultimative Mutprobe!

Man befasst sich im Vorfeld sehr stark mit dem, was da auf einen zukommen könnte. Aber klar ist das eine Art Abenteuer. Eine Route zu konstruieren, erfordert Kreativität. Das reizt mich.

Wie wissen Sie, ob eine Route überhaupt begehbar ist?

Für mich zentral ist Google Earth; ich profitiere davon sehr. Man plant zu Hause, so gut das eben geht. Die Vorbereitungen für ein Projekt dauern zwischen 8 und 12 Monate. Viele Dinge ergeben sich trotzdem vor Ort. In Patagonien brauchst du vielleicht ein Schiff, um ins Basiscamp zu gelangen. Und den Inhaber musst du erst ausfindig machen. Das kann dann schon mal zwei, drei Tage in Anspruch nehmen.

Wie oft machen Sie im Schnitt kehrt?

Ich bin in meiner Karriere wohl öfter umgekehrt als auf dem Gipfel gestanden. Es gibt nicht überall eine Rega, die dich retten käme. In Pakistan ist das nächste Spital ein paar Tage weit entfernt. Ein Beinbruch kann da schon zur Herausforderung werden.

«Die einzige Niederlage, die du erleiden kannst in unserem Sport, ist jene, nicht heimzukommen.»

Fühlt sich das nach Niederlage an: umzukehren?

Die einzige Niederlage, die du erleiden kannst in unserem Sport, ist jene, nicht heimzukommen. Natürlich willst du auf den Gipfel. Aber man sollte dem nicht alles unterordnen. Ein Argument, es sein zu lassen, findet man immer.

Sie versuchen, die Routen möglichst schnell zu begehen, halten mehrere Speedrekorde. Ist das nicht etwas Unnatürliches, eine Hetzjagd durch die Alpen?

Das ist nun mal der Trend, und manchmal muss man sich dem Zeitgeist anpassen. Ich bin neidisch auf die Vorfahren, die Orte wirklich noch entdecken konnten. Uns bleibt im Grunde bloss, die Zeit zu unterschreiten. Weil als Athlet der Reiz da ist, Vorgaben zu brechen. Du willst sehen, wo du im Vergleich zu anderen stehst. In vielen Sportarten ist das gang und gäbe, im Bergsteigen schwierig.

Sie halten mit Ueli Steck den Speedrekord am Eiger. Stimmt die Episode, wonach Steck vor dem Klettern sagte, Sie sollen sich beeilen, er habe um 18 Uhr in Münsingen einen Termin?

(schmunzelt) Das war so, ja. Wir hatten den Rekord nicht angepeilt, wollten einfach klettern gehen. Das war wohl das Rezept. Hätten wir eine bestimmte Zeit angestrebt, wäre ich nach zu schnellem Beginn vermutlich eingebrochen. So hat es sich nicht nach Stress angefühlt. Ich war überrascht, als Ueli oben auf die Stoppuhr schaute und mir die Zeit zeigte.

Reicht dies als Beweisführung aus: die Zeit auf einer Stoppuhr?

Nein. Man hat einen GPS-Tracker dabei.

Ist das in Ihrer Welt normal: noch rasch einen Berg besteigen vor einem privaten Termin?

Zumindest für Ueli war das nicht unüblich. Einmal fragte ich ihn, ob er mich begleiten wolle, da sagte er, er könne nicht mitkommen, er sei in Belgien. Später rief er zurück und sagte, er komme am Morgen um 6 Uhr am Zürcher Flughafen an. Das reiche für den Eiger.

«Als Steck verstarb, stellte ich mir grundsätzliche Fragen: Was mache ich eigentlich hier? Will ich dieses Risiko eingehen?»

Er war Ihr Mentor und Freund. Reizt Sie der Himalaja deswegen nicht so sehr, weil er in Nepal verstarb?

Das hat damit nichts zu tun. Der Everest übt auf mich nicht diese Faszination aus, zumal ihn jeder kennt. Dort heisst es einfach: leiden. Ich bevorzuge klettertechnisch anspruchsvollere Routen.

Was löste Stecks Tod in Ihnen aus?

Ueli umgab eine Art Aura des Unverwüstlichen. Als er verstarb, stellte ich mir grundsätzliche Fragen. Ich begann zu überlegen: Was mache ich eigentlich hier? Will ich dieses Risiko wirklich eingehen?

Sie haben die Fragen offensichtlich mit Ja beantwortet.

Schule, Studium, Arbeit, Familie, Haus: Die Leute erwarten heute irgendwie, dass man das so macht. Da empfindet man einen gewissen Druck. Aber ich will nicht zu Hause rumsitzen, plakativ gesagt, und irgendwann etwas bereuen. Ein Restrisiko im Leben besteht immer, auch auf der Strasse beispielsweise.

Kennen Sie das Gefühl, Angst zu haben, nicht?

Doch. Natürlich. Einmal waren wir zu viert unterwegs, da löste sich der Schnee, eine Lawine rollte auf uns zu. Wir rannten los, ein Freund meinte: «Hey, Giele.» Er wollte warnen, uns auffordern, uns zu beeilen. Aber das hörte sich nach Abschied an in jenem Augenblick.

Warum macht man nach derlei Erfahrungen weiter?

Mein Vater starb wenige Tage nach seinem 65. Geburtstag: Herzinfarkt, tot. Er hatte hart auf den Moment der Pensionierung hingearbeitet, wollte mit meiner Mutter unterwegs sein, sich und ihr etwas Gutes tun. Diese Erfahrung hat mir gezeigt: Das Leben findet jetzt statt. Ich will die Zeit nutzen und meiner Leidenschaft nachgehen. Nach der Bedürfnispyramide von Maslow sind wir ja bereits weit oben eingestiegen und streben nach Selbstverwirklichung – wir haben Luxusprobleme.

Ihre Sportart befindet sich im Wandel. Es gibt Konkurrenz am Berg, Hektik. Wie beurteilen Sie das?

Der Trend geht klar in Richtung höher, schneller, extremer und krasser. Ich versuche dem mit Kreativität entgegenzuwirken: eine Wand, die noch keiner erklettert hat; Gipfel, die noch niemand gesehen hat.

Müssen Sie den Trend mitmachen, damit Sie sich ein Einkommen sichern können?

Meine Hauptaufgabe besteht darin, Sponsoren für meine Projekte zu begeistern. Danach geht es darum, sie entsprechend zu vermarkten, Reichweite und Präsenz zu generieren. Dadurch steigerst du deinen Wert, kannst bessere Verträge aushandeln.

Über Reichweite verfügen Sie: Auf Instagram folgen Ihnen 12’000 Menschen.

Wenn der Fokus plötzlich auf den Followerzahlen statt auf der Leistung liegt, ist das schade und eine gefährliche Entwicklung. Aber willst du von diesem Sport leben, musst du mitspielen. Wer nicht mit dem Trend geht, stürzt ab.

Sie vermarkten sich gekonnt, werden von Red Bull und Mammut unterstützt. Werden Sie in der Szene kritisch oder mit Bewunderung betrachtet?

Beides. Am Anfang hatte ich Mühe mit dem Umstand, mich verkaufen zu müssen. Mittlerweile kann ich damit umgehen, und die Leute wissen, dass ich auf diese Weise mein Geld verdiene. Aber egal, was du tust, irgendjemand findet es immer scheisse.

Sie streben nach dem besten Bild, setzen sich in Szene. Dieser Trend ist auch auf Hobby- und Freizeitstufe zu beobachten. Berge werden zu Hotspots, Gipfel sind überbevölkert.

Es geht nur noch darum, eine Scheinfigur zu schaffen: Seht her, ich bin hier oben der geilste Siech, mein Leben ist toll. Da interessiert es niemanden, dass du vorher sechs Tage lang unten im Nebel unzufrieden und traurig gewesen bist. Aber gerade ich erschaffe auch eine Figur, eine Marke.

«Eine Wand, die noch keiner erklettert hat; Gipfel, die noch niemand gesehen hat»: Nicolas Hojac setzt beim Bergsteigen auf Kreativität und entflieht den Hotspots.

«Eine Wand, die noch keiner erklettert hat; Gipfel, die noch niemand gesehen hat»: Nicolas Hojac setzt beim Bergsteigen auf Kreativität und entflieht den Hotspots.

Foto: Jonas Schild

Ist das Image der Berge als Ort der Erholung überholt?

Wandern war etwas Verstaubtes. Heute gehst du an einem Sonntag für den Sonnenaufgang aufs Augstmatthorn. Und kaum ist die Sonne oben, kommen Scharen von Leuten mit Bier, Musik. Oben machen sie Videotelefonie und sagen in die Kamera: «He, lueg mau, huere krass hie!» Die Berge verlieren ihren Charme.

Beobachten Sie auch Leichtsinn, etwa bei der Suche nach dem spektakulären Bild?

Ja, die Leute überschätzen sich und unterschätzen die Gefahr. Beim Bergsteigen treffe ich immer häufiger auf jemanden, bei dem ich sage: Der ist überfordert, besser wegschauen.

«Wenn man sieht, wie viele ‹Tschaupis› in den Bergen unterwegs sind, ist es fast ein Wunder, wie wenig passiert.»

Wegschauen? Nicht helfen?

Ich habe einige Male etwas gesagt, gab Tipps, warnte. Meistens wurde ich angeschnauzt. Mittlerweile lasse ich es bleiben – im Wissen, dass dies nicht der beste Weg ist. Wenn sich jemand eine Route anmasst, die ihn überfordert, will ich nicht immer der Nörgler sein. Bittet mich jemand um Hilfe, leiste ich gerne Unterstützung.

Aber es stört Sie?

Ich war mit meiner Freundin unterwegs auf den Mönch. Wir trafen auf einen Kletterer, der am Limit war. Ich sah, der hat dort nichts verloren. Aber er wollte der Coole sein, zückte den Feldstecher. Da sagte ich zur Freundin: «Komm, wir gehen weiter, sonst sehen wir, wie er runterfällt, und sind psychisch geschädigt.» Ich weiss, das klingt krass. Aber wenn man sieht, wie viele «Tschaupis» in den Bergen unterwegs sind, ist es fast ein Wunder, wie wenig passiert.

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