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Etwas planlos, aber trotzdem gut gelaunt

«Äh, das weiss ich auch noch nicht so genau. Ich lasse mich mal überraschen.» – Diesen Satz könnte man genau so, wie er ist, auf ein T-Shirt drucken und verteilen. Oder auf ein kunterbuntes Plakat klatschen und die Wände damit vollkleistern. Der Satz fällt immer wieder, wenn es um das neue, junge Theaterfestival Grätsche geht, das vom 13. bis zum 16. Februar im Jugendzentrum Dynamo stattfindet.

Die Organisatoren hinter Grätsche sind alle Mitte 20 und unerfahren, haben sich aber viel vorgenommen: ein Wochenende, 25 Performances – alles vom klassischen Bühnenstück bis zum expressiven Tanz. Auf die Bühne gebracht ausschliesslich von jungen, unabhängig organisierten Theatervereinen. Abseits der üblichen Hochschulgruppen oder Schauspielhäuser. Grätsche soll genau dort, in diese «Lücke in der hiesigen Theaterlandschaft», einschlagen. So weit der offizielle Plan.

Ob das funktioniert, da lassen sich die Organisatoren ebenso überraschen wie die Besucher. Erfahrung mit der Organisation eines solchen Theaterfestivals hat hier niemand. Vorab so viel: Die Bühnen werden karg, abstrakt sein. Auf opulente Produktionen hat hier niemand Lust und auch nicht die Nerven oder Bühnentechnik dafür. Die Stücke sind dementsprechend modern, unbekannt oder komplett von den Gruppen selbst entwickelt. Grosse Freiheit für die Inszenierungen also, aber auch wenig Anhaltspunkte, was die Besucher jetzt eigentlich erwartet.

«Ein bisschen ein Risiko»

«Das wissen wir auch noch nicht so genau. Wir lassen uns da überraschen», gibt Hélène Hüsler, eine der Organisatorinnen, zu. Ihr war es wichtig, dass die Teilnahmebedingungen für Grätsche so locker waren wie möglich. Damit sich möglichst keine Theatergruppe ausgegrenzt fühle. Von den dreizehn Stücken hat sie erst eines gesehen. Einige der Teilnehmer kennt sie gar nicht. Ein Verein aus dem Tessin zum Beispiel, der sich einfach online angemeldet hat.

Inhaltliche Vorgaben oder ein konzeptioneller Rahmen existieren nicht. Dass die Stücke qualitativ gut werden und ethisch keine Grenzen überschreiten, in dieser Sache vertrauen die Organisatoren den Vereinen einfach. «Ich weiss, es ist ein bisschen ein Risiko», gibt Hélène Hüsler zu, «aber wir müssen das jetzt einfach machen, und dann sehen wir schon.» Für die Zuschauerbindung haben die Organisatoren zu einigen Stücken halbstündige Nachgespräche ins Programm geschrieben. Was genau besprochen wird, überlassen sie den Gruppen selbst.

Schwerer Stoff für die Bühne

«Wie das jetzt genau gedacht ist, weiss ich auch nicht. Mal sehen», sagt Anouk Leu lachend. Die hauptberufliche Lehrerin ist Teil von Bangebukse, einem kleinen Zürcher Theaterverein. Am Freitag und am Sonntag spielen sie im Dynamo das Stück «Täter», einen schweren Stoff zum Thema Kindesmissbrauch. Im Nachgespräch würden sie wahrscheinlich auf den Inhalt eingehen, schätzt Leu. Es sei immerhin ein brutales Stück, fährt sie fort, «wir haben das 2019 schon einmal gespielt. Einige Zuschauer mussten da während des Stücks die Vorstellung verlassen.»

Anouk Leu freut sich über die Möglichkeit, die ihr Grätsche eröffnet. Als kleiner nicht professioneller Verein kann Bangebukse pro Jahr höchstens ein bis zwei Stücke auf die Beine stellen. Im Publikum sitzen dann oft Freunde und Bekannte der Mitwirkenden, nur selten verlieren sich absolut Fremde in ihre Vorstellungen. Um gross Werbung zu machen, fehlen die Möglichkeiten, finanziell wie auch personell.

Genau aus diesem Gefühl heraus formierte sich vor zwei Jahren der Verein Grätsche aus den drei Zürcher Theatergruppen Oimoi, Jungtheater und Tempofoif. «Wir als Gruppe haben uns oft allein gefühlt. Wir dachten, alle anderen haben es raus», sagt Hélène Hüsler, «erst später haben wir herausgefunden: Die anderen haben mit demselben Zeug zu kämpfen.» Das Festival soll deshalb auch ein Vernetzungstreffen junger Kreativer sein. Gleichzeitig aber auch Besucher anlocken. Die Zielgruppe?

Auf der Suche nach der Zielgruppe

«Das wissen wir noch nicht», antwortet Hüsler. Sicher Jugendliche und junge Erwachsene. Sie hoffen aber auch, dass Menschen ausserhalb ihres Umfelds dem Festival eine Chance geben. Aus welcher Szene am Ende wohl die meisten Besucher kommen werden, das ergibt sich schon aus dem Veranstaltungsort Dynamo. «Fck SVP» steht neben der Bühne geschrieben. Ein altes ACAB-Graffito prangert neben dem Saaleingang.

«Wir passen da schon ganz gut rein in das Profil», sagt Hüsler. Dass junge Kreative gern in einer eher «linken» Blase leben, das gibt sie schon zu. Doch Grätsche will weder politisch noch gesellschaftlich moralisierend daherkommen. Gut, einige Stücke sind kapitalismuskritisch, für Teilnehmer gibt es veganes Essen aus Restgemüse, und für Geflüchtete kostet der Tagespass fünf statt vierzig Franken. Aber bei jungen Festivals gehören solche idealistischen Überlegungen ja heutzutage dazu. Am Ende soll der Fokus von Grätsche darauf liegen, all die jungen Theaterprojekte zu zeigen, die in der Schweiz am Heranwachsen sind. Wenn alles klappt, findet das Festival in Zukunft alle zwei Jahre statt.