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Essay über das Leben in den USA: Amerika, ich habe dich geliebt

Kalifornien war für unseren Autor das Paradies – die schönste Wahlheimat der Welt. Jetzt will er nur noch weg. Die Geschichte einer enttäuschten Liebe.

Der Himmel über San Francisco sieht schön aus – doch der Grund dafür ist es nicht: Das kalifornische Paradies verwandelt sich gerade in ein Inferno.

Der Himmel über San Francisco sieht schön aus – doch der Grund dafür ist es nicht: Das kalifornische Paradies verwandelt sich gerade in ein Inferno.

Foto: Getty Images

Es kann keine bessere Beschreibung für den aktuellen Zustand von Kalifornien geben als diese hier: Das «El Dorado Fire», ein verheerender Waldbrand im Bezirk San Bernardino, bei dem ein Feuerwehrmann gestorben ist, wurde durch eine sogenannte «Gender Reveal Party» entfacht. Die Nachricht enthält alles, was den Bundesstaat an der amerikanischen Westküste für viele so attraktiv macht: den Optimismus, der Welt in diesen Zeiten ein Kind zu schenken. Die Kreativität, das Geschlecht nicht einfach so zu enthüllen, sondern über farbigen Rauch mitzuteilen. Die Unvernunft, bei der Feier in der Natur auf alle Vorschriften zu pfeifen. Den Drang zum Regelbruch, der im Silicon Valley als notwendig für die Verschönerung der Welt gilt.

Die Nachricht zeigt aber auch, warum sich das kalifornische Paradies gerade in ein Inferno verwandelt: Wer, verdammt noch mal, kommt angesichts verheerender Waldbrände darauf, ein Feuer im Wald zu entfachen, nur um den Freunden auf Instagram das Geschlecht seines Kindes mitzuteilen?

Es brennt lichterloh in Kalifornien, die Sonne erscheint als knallrote Feuerkugel; die Luft ist so schlecht, dass die traditionellen Messwerte nicht mehr ausreichen. Es ist nicht das einzige Problem. Die Corona-Zahlen liegen in Kalifornien bei mehr als 4000 positiven Tests pro Tag, weil knapp die Hälfte der 39,5 Millionen Bewohner auf die vorgeschriebene Maske und das Abstandhalten verzichtet. Die Arbeitslosenquote ist mit mehr als 15 Prozent so hoch wie nie zuvor, es gibt kein soziales Netz wie in Europa – was dazu führt, dass arme Kranke nicht behandelt werden und viele Leute nicht mehr wissen, wie sie ihre Familien ernähren sollen.

Surflehrer und Musiker als Freunde

«Ich habe keine grossen Hoffnungen für die Menschheit. Vielleicht ist die nächste Spezies ein wenig vernünftiger», sagt Polly Schneider. Sie ist vor 90 Jahren in Long Beach geboren worden, zwei Monate nach dem Börsencrash. Es gibt ein Foto von ihr aus dieser Zeit, ein vier Jahre altes goldblondes Kind hält auf der Strasse ein Schild hoch: «Gebt Mama einen Job.» Die erste Erinnerung an die Kindheit stammt aus dieser Zeit: das schlimme Erdbeben 1933, sie habe sich vor Angst in die Hosen gepinkelt.

«Gebt Mama einen Job» steht auf dem Schild, das die damals vierjährige Polly (vorne Mitte) vor sich hält.

«Gebt Mama einen Job» steht auf dem Schild, das die damals vierjährige Polly (vorne Mitte) vor sich hält.

Foto: Privat

Der Zweite Weltkrieg war für ihre Familie ein Segen, weil die Eltern Arbeit fanden. Später: Vietnamkrieg, Rassenunruhen, Waldbrände. Heute fragt sie sich: «Was sind das für Leute, die behaupten, ihr Leben sei die Hölle, nur weil sie eine Maske aufsetzen sollen und ein paar Tage lang nicht an den Strand dürfen?» Polly Schneider sitzt auf der Terrasse ihres Hauses südlich von Los Angeles, in Laufweite zum Strand. «Verstehen Sie mich nicht falsch», sagt sie, während sie an ihren weissen Haaren zupft: «Ich liebe Kalifornien.»

Auch in Kalifornien spürte man nun ein Klima der Angst, eine bis dahin ungewohnte Verbitterung.

Das tun wir auch. Meine Frau, mein elf Jahre alter Sohn und ich sind vor sieben Jahren aus München nach Los Angeles gekommen, es war eine Mischung aus Flucht und Sehnsucht: weg von der schlechten Laune, der Erbsenzählerei, der Gehässigkeit. An einen Ort, von dem es heisst, dass dort die klügsten Leute der Welt die Zukunft des Planeten verhandeln oder am Strand feststellen, dass die Gegenwart auch ganz in Ordnung ist.

Und Kalifornien war anfangs genau das für uns: ein Paradies, in dem ein Kind frei und unbeschwert aufwachsen durfte; ein Ort, an dem man nicht mit dem Nachbarn um das grösste Haus und das dickste Auto wetteifern musste. Das erste Restaurant, das wir nach der Ankunft betraten, hatte ein Schild am Eingang: no shirt, no shoes, no problem. Unsere Freunde waren Volleyballprofis, deren Haupteinnahmequelle der Anbau von Marihuana war; Musiker, die im «Lighthouse» (die Jazzkneipe aus dem Film «La La Land») auftraten und deren Bezahlung in alkoholischen Getränken erfolgte; Surflehrer, die ab und zu in Filmen und Serien zu sehen waren. Die Samstage waren lose organisiert: morgens Trommelkreis am Strand, danach Surfen und Beachvolleyball, danach Livemusik in der Hafenkneipe. Später: irgendwas ohne Schuhe und Shirt.

Kalifornien wurde unsere Heimat, wir waren sicher, dass die Sonne dort nur für uns scheint. Wenn alles gut läuft, dann ist dies der tollste Ort, den man sich vorstellen kann.

Die ganze Lässigkeit war plötzlich weg

Als wir Anfang 2019 bei einem Nachbarn eingeladen waren, bekam unser Bild vom Paradies erste Risse. Ich packte die teuerste Flasche Wein ein, die ich in unserer kleinen Wohnung finden konnte, doch stellte ich auf der Party fest, dass sie im Vergleich zu dem, was da rumstand, billiger Fusel war. 30 sehr reiche und sehr weisse Leute feierten, und irgendwann ging es um nicht so reiche und nicht so weisse Leute. Es ging um Mexikaner, die netteren Bezeichnungen waren «faule Säcke», «Drogendealer», «kriminelle Mistkerle». Die ganze entspannte Lässigkeit schien auf einmal sehr weit weg zu sein; auch im südlichen Kalifornien spürt man ein Klima der Angst, eine bis dahin ungewohnte Verbitterung und Feindseligkeit gegenüber den weniger Privilegierten.

Mein Sohn liebt Kalifornien. Allerdings hat er hier nicht nur gelernt, wie ein Kickflip auf dem Skateboard geht und ein Floater beim Surfen. Er weiss auch sehr genau, was bei einem Amoklauf an seiner Schule zu tun wäre. Er weiss, dass er nach Sonnenuntergang nicht allein aus dem Haus darf, weil dann Drogenabhängige und Gangmitglieder unterwegs sind – vor ein paar Wochen ist ganz in der Nähe ein 14-Jähriger an einer Überdosis Fentanyl gestorben, eingeschmuggelt aus Mexiko.

Zu Beginn dieses Jahres kam dann alles zusammen: die Pandemie und die Rassenunruhen, die Waldbrände und Erdbeben. Zugleich sank die Bereitschaft, sich überhaupt noch an irgendwelche Regeln zu halten. Das No-shirt-no-shoes-no-problem-Restaurant musste vor ein paar Wochen wegen Insolvenz schliessen. Beim Nachfolger kam es kürzlich zum Eklat, weil jemand das neue Schild («No mask, no service») missachtete und einem Gast Kaffee ins Gesicht schüttete.

Zum ersten Mal nach fast sieben Jahren sehnten wir uns nach Europa. Erst ein bisschen, jetzt fest. Immer mehr Leute aus unserem Umfeld kaufen Waffen. Unmengen davon. Die einen fürchteten, aufgrund des fehlenden Sozialsystems ihre Familien nicht mehr versorgen zu können. Die anderen haben nun Angst, dass diejenigen, die kein Geld mehr haben, sie ausrauben könnten.

Sollte man lieber fortgehen von hier? Wir denken darüber nach, jeden Tag.

Wir besitzen keine Waffe. In unserer Strasse, die keine 300 Meter lang ist, kam es in den vergangenen Wochen zu Diebstählen und Schlägereien, einmal holte die Polizei eine Crystal-Meth-Abhängige vom Trottoir – es war aber nie wirklich gefährlich. Wir haben eher Angst davor, dass die Situation nach der Präsidentschaftswahl am 3. November völlig eskalieren könnte, denn dann werden – ganz egal, wie es ausgeht – etwa 150 Millionen Menschen kolossal enttäuscht sein über das Ergebnis.

Bild aus einer unbeschwerteren Zeit: Skateboarder am Venice Beach.

Bild aus einer unbeschwerteren Zeit: Skateboarder am Venice Beach.

Foto: Alamy Stock

Ein Freund lud kürzlich zu einer Demo-Party. Bei dieser Gelegenheit konnte man auf der Dachterrasse seiner Villa teuren Wein trinken, kubanische Zigarren rauchen und mit Sturmgewehren Ausschau halten nach Randalierern und Plünderern. Selbstjustiz also, getarnt als Bürgerwehr. Erst Ende August erschoss ein weisser Teenager in Wisconsin zwei Leute auf einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt, je nach Gesinnung gilt der junge Mann nun als Mörder oder als Held.

In der Geschichte von Los Angeles sind Rassenunruhen wie in diesem Frühsommer nach dem gewaltsam herbeigeführten Tod des Afroamerikaners George Floyd nicht aussergewöhnlich, ebenso wenig wie Waldbrände und Erdbeben. Doch irgendwas, das sagen vor allem jene, die damals dabei waren, wie Polly Schneider, ist diesmal anders, gewaltiger.

Vielleicht liefert Musik die Antwort

Vor zwei Wochen kam Präsident Trump nach Kalifornien. Er interessiert sich im Wahlkampf, wie Joe Biden übrigens auch, nicht im Geringsten für diesen Bundesstaat. Schliesslich steht der Sieger jetzt schon fest; der Demokrat Biden wird den zahlenmässig bedeutendsten Bundesstaat gewinnen, warum also sollte jemand hier um Wähler buhlen?

Trump kam aus anderen Gründen. Wenn er in Pennsylvania, Ohio oder Michigan damit prahlen kann, dass die Deppen an der Westküste das wieder nicht hinbekommen hätten, dann kommt das dort gut an. Auf die Frage, ob der Klimawandel für all die Katastrophen in Kalifornien verantwortlich sei, sagte der Präsident: «Das müssen Sie den Gouverneur fragen, ich will ihm da nicht auf die Füsse treten.»

Sollte man lieber fortgehen von hier? Wir denken darüber nach, jeden Tag.

Vielleicht liefert ja die Kultur eine Antwort. «La La Land», diese filmische Liebeserklärung an Los Angeles und Kalifornien, beginnt auf einer Überführung, auf der ich vor Corona mindestens dreimal pro Woche gefahren bin. Das Lied, das im Film gesungen wird, heisst «Another Day of Sun», es geht darum, dass diese Stadt viel verspricht und wenig hält. Dass jeder, der hierherkommt, nur mutig oder wahnsinnig sein kann. Dass diese Stadt einen buchstäblich zu Boden prügelt.

Aber dann steht man eben auf, weil sicher ist: Morgen wird ein sonniger Tag – selbst wenn die Sonne nur durch eine Aschewolke zu sehen ist.

Playlist: Songs über Kalifornien

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