Switzerland

Es gibt eine organisierte Trivialität. Und Stefanie Sargnagel ist geradezu deren «Godmother»

Die Wienerin weiss vielleicht besser als irgendwer, wie man Tage herumkriegt, ohne einen Finger zu rühren.

Ein Bild aus fröhlichen Tagen einer Femme fatale.

Ein Bild aus fröhlichen Tagen einer Femme fatale.

Alexander Goll

Es soll Schlimmeres geben als einen Weltuntergang. Wenn der Wiener sich trösten will, dann singt er aus voller Seele: «Es wird a Wein sein, und mia wean nimma sein!» Dass ihn das Triebmittel seines Frohsinns überleben wird, macht den Wiener zu einem Menschen, der auf profane Weise an die Unendlichkeit glaubt.

Ein Rausch hier, ein Rausch da. Österreichs Literatur ist imprägniert von solchen Erfahrungen. Mit Büchern wie der «Legende vom heiligen Trinker» ist ein Ruf befestigt, der sich über einschlägige lyrische Delirien bis in den Roman fortsetzt. Das neueste Produkt aus dieser Reihe kommt von Stefanie Sargnagel und macht sich und uns nichts vor.

Es heisst einfach «Dicht». «Dicht» (erschienen im Rowohlt-Verlag) ist ein Roman zwischen Depression und Dullijöh. Ein Buch, das hilft, Österreich zu verstehen. Ein Buch wie der Hamlet-Monolog der Wiener Generation Z: Sein oder nichts sein. Man entscheidet sich deutlich für das Erste. Erst einmal leben. Werden kann man dann immer noch irgendetwas.

Die Sträucher des Beserlparks

Sargnagel ist 1986 geboren und wächst an den Bruchlinien der Milieus auf. In Wiener Aussenbezirken, wo es nicht leicht ist, als Arbeiterkind mit Nasenpiercing zwischen bürgerlichen Tanzschülerinnen zu reüssieren. Ein jugendlicher Sozialstatus wie dieser führt fast zwangsweise in die Nachtcafés der Prostituiertenmeile des Wiener Gürtels und in die Beserlparks.

Das Wort Park in Beserlpark ist die Beschönigung eines botanischen Ausnahmezustands: Auf winzigen Grünflächen stehen strauchartige Gebilde. Hat man ein paar Bier neben sich, werden Orte wie diese zu Riesenreichen. Man schwadroniert und phantasiert. Holt sich aus Lokalen, die «Joe’s», «Black Appache» oder «Espresso König» heissen, Rauchwaren, die nicht ganz legal sind.

Später zieht diese jugendliche Vorstadtbohème weiter zum «Aids-Michel», einem todkranken König der Lebensfreude. Kugelrunde Dichter mit verquollenen Augen sind mit von der Partie, ein schielender Elektriker. Ausserdem ein gewisser Gino und «der schwarze Herbert». Wieder und wieder hört die Freundesclique die Chansons des bösen österreichischen Kabarettisten Georg Kreisler. Daneben weiss man aber auch die Philosophen Emil Cioran und Eminem zu schätzen. Das ist grandios mit grosser Fallhöhe.

Ein rauschender Witz

Stefanie Sargnagel ist die Patin der organisierten Trivialität. Die weibliche Stimme einer mafiösen Missgunst, die zärtlich verachtet, was sie liebt. Sargnagels Facebook-Seite ist gefüllt mit aphoristischen Perlen aus einem Alltag zwischen Prokrastination und Professionalität. Dass sie sich erst eine journalistentaugliche Jogginghose zulegen musste, als die künstlerische Karriere ganz plötzlich begann und die Interviewanfragen sich häuften, ist dort zu lesen. Wie alles kam, liest man in «Dicht». Und dass sich der berauschende Witz der Stefanie Sargnagel womöglich vielen Räuschen verdankt.

«Dicht» ist auch ein Coming-of-Age-Roman, in dem sich das Fortschreiten des Alters allerdings genauso schemenhaft abzeichnet wie die soziale Rolle. «Ich fühlte mich mädchenhafter als je zuvor, auch wenn ich mich gendermässig sonst eher den Landstreichern zurechnete», heisst es einmal.

Und die Liebe? «Es war das ärgste Gefühl, das ich je hatte.» Kein Wort mehr dazu. Keine Geschichten. Punkt. Und von Romantik keine Spur. Unter ihresgleichen ist Stefanie Sargnagel von Männern «umschwirrt wie Toastbrote von ausgehungerten Strassentauben». Nie war Nüchternheit emphatischer. Stefanie Sargnagel geht in den Supermarkt und kauft sieben Bier. Der Mann an der Kasse fragt: «Ein so ein schönes Mädchen trinkt so viel Bier?» Sargnagel antwortet: «Nein, das trinke ich.»

Stefanie Sargnagel: Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2020. 256 S., Fr. 29.90.

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