Switzerland

Erste Erfahrungen mit Anschlägen «einsamer Wölfe» legen den Fokus auf die Tat und weniger auf potenzielle Täter

Die Messerattacke von Lugano weist alle Merkmale einer terroristischen Einzeltat auf. Dies ergibt die Analyse der bekannten Fakten. Der Druck der Corona-Krise könnte als Treiber wirken.

Ausgangspunkt der «small sclae attacks» einsamer Wölfe ist der Nahostkonflikt. Israel verfügt über umfangreiche Erfahrungen mit Messer- oder Fahrzeugattacken – und arbeitet an Konzepten für die Prävention.

Ausgangspunkt der «small sclae attacks» einsamer Wölfe ist der Nahostkonflikt. Israel verfügt über umfangreiche Erfahrungen mit Messer- oder Fahrzeugattacken – und arbeitet an Konzepten für die Prävention.

Amir Cohen / Reuters

Es scheinen sich die Liebe, die Suche nach einem Glauben und der Drang, auszubrechen, vermischt zu haben: Die 28-jährige Schweizerin, die am Dienstagnachmittag in Lugano zwei Frauen angegriffen hat, hatte sich gemäss polizeilichen Ermittlungen aus dem Jahr 2017 über die sozialen Netzwerke in einen Jihadisten aus Syrien verbliebt. Dies schreibt das Bundesamt für Polizei (Fedpol) in einem Update auf Twitter. Die mutmassliche Täterin habe damals versucht, nach Syrien zu reisen, um den Mann zu treffen, die türkischen Behörden hätten sie aber an der Grenze zu Syrien angehalten und in die Schweiz zurückgeschickt.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt war die spätere Attentäterin auf dem Radar der Polizei und wohl auch des Nachrichtendiensts des Bundes (NDB). Laut Tweet von Fedpol litt die Person unter psychischen Problemen und sei deshalb in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Zwischen der Tat der mutmasslichen Täterin von Lugano und der Messerattacke in Morges von vergangenem September bestehen damit frappante Ähnlichkeiten. Ein ebenfalls psychisch angeschlagener Mann mit wahnhaften religiösen Phantasien griff an einem Kebabstand mit einem Messer einen Mann an und verletzte das Zufallsopfer tödlich.

Die Fälle von Lugano und Morges untersucht jetzt die Bundesanwaltschaft (BA). Die für Terrorverfahren zuständige Staatsanwältin des Bundes, Juliette Noto, bestätigte in einem Interview mit der NZZ diesen November, dass es eine Zunahme von Verfahren gegen Personen gibt, «die neben ihrer Affinität zum radikalen Islam auch eine psychisch angeschlagene Persönlichkeit aufweisen und solche Propaganda konsumieren und dadurch beeinflusst werden». Dies stellt die Strafverfolger und den Rechtsstaat vor zusätzliche Herausforderungen. Die Grenzen zwischen klassischem Terror mit klarem Ziel und zwischen Taten verwirrter Einzelpersonen verschwimmen zusehends.

Kombination von Elementen

Ausgangspunkt der «small scale attacks» einsamer Wölfe ist der Nahostkonflikt. Die rigorosen Sicherheitsmassnahmen Israels machten es den herkömmlichen Terrororganisationen praktisch unmöglich, ausserhalb des Westjordanlands zuzuschlagen. Neben Raketenangriffen aus dem Gazastreifen wird das israelische Kerngebiet seit 2015 vor allem von Einzeltätern heimgesucht, die aus dem Nichts zuschlagen: vor allem mit Messern, aber auch mit Bulldozern oder Lastwagen. Dieses Vorgehen machte Schule und führte zu ähnlichen Anschlägen – etwa auf den Weihnachtsmarkt in Berlin 2016 oder zuletzt bei der Messerattacke in der «Notre Dame»-Kathedrale in Nizza Ende Oktober.

Eine Hauptschwierigkeit besteht zunächst in der Unsicherheit über die Hintergründe einer solchen Tat. Die Frage, ob ein Attentäter oder eine Attentäter gezielt vorgegangen ist oder gelenkt wurde oder ob die Inspiration aus dem Internet gereicht hat, lässt sich oft nicht exakt klären, weil es kaum verwertbare Spuren gibt. Manchmal reicht ein indirekter Hinweis einer respektierten Person der Szene, um bei einer labilen Persönlichkeit eine fatale Kettenreaktion auszulösen.

Im aktuellen Fall gehen Tessiner Medien auch der Frage nach, ob die 28-jährige Konvertitin eine Verbindung zur «cellula insubrica», einer jihadistischen Zelle im Raum zwischen Mailand und Lugano, gehabt habe (vgl. Kasten). Dies mag Hinweise auf die Radikalisierung und die Umstände der versuchten Jihad-Reise geben, dürfte aber nicht die wichtigste Spur zum Verständnis der Tat darstellen. Die mutmassliche Attentäterin scheint eine Kombination aus Jihad-Reisender mit Verbindungen nach Syrien und Einzeltäterin zu sein. Muster dienen als Hilfskonstruktionen und passen selten zu hundert Prozent.

Diffuse Einflussnahme von Drahtziehern

Gerade weil die Häufung von Anschlägen «einsamer Wölfe» ein neues Phänomen darstellt, gibt es verhältnismässig wenig handfeste Erkenntnisse für die mögliche Prävention. Israelische Wissenschafter des kriminalistischen Instituts der Hebrew University in Jerusalem haben das Phänomen anhand sogenannter «run over attacks» in Israel untersucht, also von Anschlägen mit Autos, Lastwagen oder sogar Bulldozern. Weil es nach übereinstimmender Auffassung kein einheitliches Täterprofil für die einsamen Wölfe gibt, fokussierten sie in ihrer Studie auf die Muster der Tat selbst.

Die Untersuchung folgt den «vier Pfeilern terroristischer Möglichkeiten». Diese umfassen das Ziel einer Attacke, die Waffe, Werkzeuge und Training sowie die Bedingungen, welche die Tat erleichtern. Die Zielbestimmung gilt als einer der entscheidenden Schritte im Entscheidprozess eines Terroristen. Ein Einzeltäter macht es sich dabei möglichst einfach, weil er keine Logistik im Rücken hat. Die Wahl fällt auf leicht erreichbare Ziele wie Bushaltestellen, öffentliche Veranstaltungen oder – wie jetzt im Tessin – auf Einkaufszentren.

Bei den Waffen wägen «einsame Wölfe» gemäss Studie zwischen Verfügbarkeit und Schaden ab. Sie fragen sich, wie sie sich die Waffe am einfachsten besorgen und wie viel Schaden sie damit anrichten können. Der Grat zwischen gesteuerten und zufälligen Aktionen ist schmal. Die Terrororganisation Hamas, die den Gaza-Streifen kontrolliert, rief via Social Media auf, Attacken mit Fahrzeugen auszuführen. Dies ist eine recht plumpe Art der Mobilisierung von Frustrierten aller Art.

Häufig Spontanentscheide

Die Chatfunktionen sozialer Netzwerke oder besondere Messengerdienste wie Telegram oder Signal spielen eine zentrale Rolle. Statt sich physisch in Hinterhofmoscheen zu treffen, werden Botschaften als Phantasien, die plötzlich real werden, ausgetauscht. So stellen sich die Autoren der Studie das Training und das Abrichten potenzieller Attentäter vor. Dass eine Person ohne konkreten Auftrag aber tatsächlich zur Tat schreitet, hängt auch mit dem letzten Pfeiler zusammen: den Bedingungen, die eine Tat erleichtern.

Natürlich sind die Lebensumstände im Nahen Osten anders als in der Schweiz. Die Autoren der Studie weisen aber darauf hin, dass ihre Analyse auch auf andere westliche Demokratien anwendbar sei. Sie nennen etwa soziale Destabilisierung als erleichternde Bedingung für Terrorismus. Der gegenwärtige Druck, den die Corona-Krise auf die Gesellschaften ausübt, seelisch und wirtschaftlich, hat auch in der Schweiz Gewissheiten durcheinandergebracht und kann möglicherweise gerade bei psychisch labilen Personen als Taten auslösender Faktor wirken. Die Pandemie ist ein Treiber von Eskalationen, im grossen, aber auch im kleinen Rahmen. Die Schweiz ist diesmal genauso betroffen wie der Rest der Welt.

Es bleibt aber stets das Spannungsfeld zwischen einer Aktion im grösseren Kontext oder einer Handlung, die mit der ganz persönlichen Situation des Täters oder der Täterin zu tun hat. Auch hier dürften die Muster vielschichtig sein. So kann sich etwa der Nachahmereffekt mit einer privaten Stimmung vermischen und den Entschluss zu einem Attentat auslösen. Fast die Hälfte der untersuchten Fahrzeugattacken in der israelischen Studien waren spontane Aktionen, ein weiteres Viertel wurde am Tag des Entscheids zur Tat ausgeführt, der Rest in der gleichen Woche.

Das Kalkül der Jihadisten durchbrechen

Deshalb raten die Autoren, für die Prävention vor allem auf konkrete Polizeiarbeit zu setzen. Die Möglichkeit zu Attacken soll reduziert werden. Der Fachbegriff heisst Situational Crime Prevention. Potenzielle Terroristen sollen bei ihrem Entscheid über eine Kosten-Nutzen-Rechnung abgeschreckt werden. So helfen etwa bauliche Massnahmen bei Bushaltestellen deutlich, um Fahrzeugattacken zu verhindern. Der Angriff wird als kostspieliger und komplizierter wahrgenommen.

Dieses Vorgehen lässt sich bei Anschlägen mit Fahrzeugen einfacher anwenden als gegen mögliche Attacken mit Messern. Entscheidend ist aber auch hier die Idee, das Ereignis vor allem als kriminelle Tat zu behandeln und nicht als politischen oder religiösen Akt. So wird sie entdämonisiert, der Schauer und Schrecken, der von ihr ausgeht, minimiert. Die geheimen Verführer in den hinteren Windungen des Internets kommen mit ihrer Taktik nicht zum Ziel und erhalten weniger Zulauf. Denn genau darauf zielen IS und auch al-Kaida ab: Sie wollen die Schwäche ihrer Organisationen mit den Handlungen von Einzeltätern kompensieren, die wie «Fische im Wasser» ihrer Gesellschaft schwimmen und mit verrückten Attacken das System herausfordern.

Eine verhältnismässige, rechtsstaatliche Reaktion der Schweiz auf die neue Herausforderung hilft, das Kalkül der Terrorfürsten, die sich zwischen dem Irak und der Subsahara verschanzt halten, zu durchbrechen. Im Tessiner Fall handelt es sich bei der mutmasslichen Attentäterin gemäss den bisher bekannten Fakten und medialen Mutmassungen um einen Menschen, der sich selbst verloren hat. Die BA erhielt von Fedpol 2018 einen Ermittlungsbericht über die versuchte Syrienreise der Frau. Die Ermittlungen konnten keine strafbaren Handlungen aufzeigen, schreibt die BA. Nach der Tat vom Mittwoch wurde nun ein Verfahren unter anderem wegen des Verdachts der versuchten vorsätzlichen Tötung und des Verstosses gegen das Verbot von al-Kaida und IS eröffnet. Laut BA wurde die beschuldigte Person erstmals befragt.

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